Strahlender Sieger: Alexander Zverev in Baden-Baden. Foto: Baumann

Tennisprofi Alexander Zverev wird 2021 nicht nur Olympiasieger, sondern auch erstmals als Sportler des Jahres geehrt – was auch Ergebnis eines Imagewandels ist.

Baden-Baden - Es ist eine Frage, die sich kurz vor Weihnachten viele stellen: Was sind passende Geschenke zum Fest? Sich die Antwort gut zu überlegen ist durchaus sinnvoll, wie die Familienfeier des deutschen Sports zeigte. Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo, bei der Gala im Kurhaus in Baden-Baden gerade zum dritten Mal in Serie als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet, was zuletzt Steffi Graf vor mehr als 30 Jahren gelungen war, erhielt als Dreingabe zu ihrer Trophäe eine Ukulele – und erklärte lächelnd, das Gitarrenspiel neulich aufgegeben zu haben. Für Missklänge sorgte das zwar nicht. Wohlklingender aber ist es allemal, den richtigen Ton zu treffen. Wie bei Alexander Zverev.

Der Tennisstar bekam vom ZDF, dem übertragenden Sender, ein besonderes Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel überreicht – für die Figuren standen Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und er selbst Pate. Das gefiel Zverev, der es hasst zu verlieren, schließlich bewegt er sich gerne im Kreis der ganz Großen. Und zugleich zieht er nie zurück, will die Konkurrenz immer und überall aus dem Weg räumen. Ein Spiel als Symbol für eine Tenniskarriere. Und einen Athleten, der längst noch nicht am Ziel ist.

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Zverev hat ein außergewöhnliches Jahr hinter sich. Er gewann Olympia-Gold, den WM-Titel, sechs Turniere. Und wurde nun auch noch erstmals Sportler des Jahres, wofür es von Freundin Sophia Thomalla einen innigen Kuss gab. Lange gefeiert hat Zverev bei der Coronagala in Baden-Baden allerdings nicht mit den 49 anderen Medaillengewinnern der Olympischen Spiele und Paralympics von Tokio. Schon am Montagmorgen ging es zurück zum Training nach Monaco, selbst an Heiligabend will er dort acht Stunden hart arbeiten. Denn schon am 26. Dezember fliegt er Richtung Melbourne, dort beginnt am 17. Januar das erste Großereignis des Jahres. „Ich habe zwei Ziele“, sagte er, „ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen und die Nummer eins der Welt zu werden. In Australien habe ich die Chance, beides zu erreichen.“

Volle Kontrolle

Sollte es klappen, wäre das keine große Überraschung. Denn die meisten Pläne von Zverev gingen zuletzt auf. Nicht nur auf dem Platz. Vor einem Jahr gründete der Hamburger mit seinem Bruder Mischa eine Managementagentur. Er hatte genug vom Image des arroganten Schnösels, genug von miserablen Sympathiewerten in seiner deutschen Heimat, genug von Fremdbestimmung: „Seither habe ich die volle Kontrolle darüber, was ich tue und was ich lieber lasse.“ Mit dem erhofften Erfolg.

Bei den Olympischen Spielen betonte Zverev so oft, wie sehr er es genieße, Teil des Teams D zu sein und Gold für Deutschland gewonnen zu haben, dass es fast schon wieder aufgesetzt wirkte. Nun, nach der Ehrung als Sportler des Jahres, erklärte er: „Tennis ist eine relativ reiche Sportart, wir leben in einer anderen Realität. Doch die Olympischen Spiele haben mir ein bisschen die Augen geöffnet. Ich hoffe, dass viele Sportarten, was das Finanzielle angeht, bald aufholen, weil sie es genauso sehr verdienen wie wir.“ Hört sich alles gut an? Klar! Wie ehrlich es gemeint war, weiß nur Zverev selbst. Fakt ist aber, dass ihm die neuen Töne geholfen haben, sein Ansehen deutlich zu erhöhen. Und natürlich färbt auch der Glanz der Goldmedaille ab. Bei den Fans und zugleich bei den Sportjournalisten, die ihn nun zur Nummer eins des Jahres 2021 gewählt haben. Und von denen einige glauben, dass er das Zeug hat, diese Auszeichnung noch öfter zu erhalten.

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Zverev ist erst 24 Jahre alt, enorm ehrgeizig, trotz seines Talents ein extrem harter Arbeiter. Im Tennis gibt es das ganze Jahr über viel zu gewinnen, zudem haben Djokovic (34), Nadal (35) und Federer (40) lange Karrieren hinter sich. Mischa Zverev steuert die Laufbahn seinen Bruders ebenso intelligent wie geschickt, Freundin Sophia Thomalla sorgt für den Glamourfaktor. Ein solches Paket schnürt derzeit kein anderer Einzelsportler in Deutschland.

Ähnliches Potenzial hätte eventuell Malaika Mihambo, die aber wesentlich introvertierter ist, lieber über innere Werte als den nächsten Titel spricht. Zverev formuliert seine Ansprüche anders. „Ich hoffe“, sagte er in Baden-Baden, „ein Grund sein zu können, dass Fünfjährige künftig nicht mehr zum Fußball, sondern zum Tennis gehen.“ Es hörte sich an, als hätte da einer vor, dem deutschen Sport noch ziemlich viel zu schenken.