Die Palmstraße in Esslingen läuft direkt auf die St. Bernhardt-Kirche zu. Auch sie wird eine Rolle spielen in der Spaziergang-Serie der EZ. Foto: Johannes M. Fischerr

Mit ihren Spaziergängen dringen EZ-Reporter ins Herz der Ortsteile und Gemeinden. Dabei spüren sie Dinge auf, die durchaus alltäglich und dennoch sonderbar sein können. Eine neue Serie in der Eßlinger Zeitung, die scheinbar Bekanntes in einer ganz neuen Perspektive zeigt.

Kreis Esslingen - Rückblende. Es ist das Jahr 1922. Ein Reporter der „Frankfurter Zeitung“ schreibt ein Feuilleton, das für Verwunderunge sorgt: Mit ganz feinen Sensoren läuft der Spaziergänger durch die Straßen einer Stadt und fasst, zurück in der Redaktion, seine Eindrücke in Worte. Es entsteht ein fantastisches Stadtteilporträt, das bei der Leserschaft eigenartige Reaktionen hervorruft: Einem erkennenden „Ja, genau so ist es!“ folgt ein erstauntes „Aber so habe ich das noch gar nicht gesehen!“

In den folgenden Jahren entstehen zahlreiche solcher kleinen Geschichten von Siegfried Kracauer aus verschiedenen Städten, die 1933 in dem Buch „Straßen in Berlin und anderswo“ erscheinen. Das Buch hat es zu einer internationalen Anerkennung gebracht und wir bis zum heutigen Tag von Literaturwissenschaftlern, Journalisten und Soziologen gleichermaßen als beispielgebend für einen bestimmte Form des Schreibens gerühmt. Die Miniaturen zählen zu den besten soziologischen Feuilletons, die die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Wenn die Eßlinger Zeitung ab heute mehrere Wochen lang in ihrer Stadtteil- und Kreisserie aus den Stadtteilen Esslingens und den umliegenden Gemeinden erzählt, dann wird sie diesen fantastischen Stil Kracauers und sein extrem scharfes Auge für Details nicht kopieren – und natürlich auch gar nicht kopieren können. Aber eine Hommage an Kracauer, 100 Jahre danach, ist es schon.

Zurück zu den Wurzeln

Den Rahmen bildet die Stadtteil- und Kreisserie, die bereits Tradition hat in der Eßlinger Zeitung. Sie kehrt zurück zu ihren Wurzeln: „Leben in…“ soll wieder der Leitgedanke lauten, nachdem in den vergangenen Jahren die Serie unter dem Motto „Mobilität“ (2019) und „Ehrenamt“ (2020) lief. In einem Spaziergang durch den jeweiligen Ort werden Dinge aufgespürt, die durchaus alltäglich und dennoch sonderbar sein können. Gespiegelt wird zudem das soziale Leben: Welche Geschichte hat der Stadtteil, die Gemeinde oder ein Straßenzug, was fällt auf? Wo treffen sich die Menschen, wo kaufen sie ein, auf was sind sie stolz, auf was weniger? Was ist typisch, was atypisch? Auch das Ambiente spielt eine Rolle. Eine Siedlung aus den 1950er Jahren sieht anders aus als eine aus den 2010er Jahren – und auch die soziale Struktur ist anders.

In der Regel greifen die Reporter auf die Hilfe von Ortskundigen zurück. Mit ihnen zusammen tauchen sie in die Geschichten des Stadtteils oder des Ortes ein. Aber Vorsicht: Es geht nicht um Heimatgeschichte und die Würdigung von den besonders schönen oder historisch wertvollen Besonderheiten. Das gehört auch dazu, ist aber nicht die Hauptsache. Es geht sehr viel mehr um die Ecken, die in keinem Prospekt auftauchen, aber zu dem jeweiligen Ort dazugehören. Beispiel Esslinger Altstadt: Sie besteht nicht nur aus Markt- und Rathausplatz mit Blick zur Burg. Es gibt auch eine Art Schmuddel-Altstadt, die ihr eigenes Flair hat. Es ist also wichtig, auch den „Berlin Kreuzberg“- oder „Notting Hill“-Effekt zu entdecken oder der Reihenhaussiedlung ein „little boxes on the hill side“-Denkmal zu setzen. Eingefangen werden soll die Poesie der Straße, auch dann, wenn das Viertel nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht und „nur“ eine Wohn- und Schlafstadt mit kleiner Kneipe ist, aber keins, in das sich Touristen verirren.

Es kommt auf die Perspektive an

Literaturwissenschaftlich betrachtet, wird die Perspektive eine entscheidende Rolle spielen: Wie oft kommt es vor, dass wir als Bewohner einer Gemeinde oder eines Quartiers an etwas vorbeigehen, ohne es zu beachten, weil es schon immer da war. Dann kommt jemand und zeigt dieses Etwas aus einer anderen Perspektive – und plötzlich sehen wir es neu. In der Spaziergang-Serie hofft die Redaktion, eine Vielzahl solcher Momente hervorzuzaubern. Was genau damit gemeint ist, zeigt eine eher traurige Textpassage aus „Die Unterführung“ von Kracauer, wo er eine solche beschreibt: Die Menschen hasten durch die Unterführung, „sie blicken nicht nach rechts oder links“. Die „Stammgäste“ sehen sie nicht – Bettler, Straßenmusiker, Obdachlose. Bettler sehen die Welt aus einer anderen Perspektive, wie Kracauer am Beispiel einer Frau zeigt: „Und ein aus der Mauer quellendes Mütterchen, das am Boden hockt, starrt mechanisch auf die vorbeiziehenden Hosenbeine, Rocksäume und Schuhe.“ Um so einen Satz zu schreiben, muss der Autor – wenigstens gedanklich – selbst dort gesessen haben, und, fast eins mit der Mauer, aus ihr herausgequollen sein.

Zuweilen werden die EZ-Spaziergänge, die natürlich auch viele fröhliche Momente haben werden, ergänzt durch eine Zweitgeschichte, die sich aus dem Haupttext ergibt. Am Ende der Serie, die neben des Esslinger Stadtteilen auch die Gemeinden auf den Fildern, im Schurwald und entlang des Neckars beschreibt, wird ein Panorama entstanden sein, an dem die Leser ihre Freude haben sollen, wo sie etwas wiedererkennen und neu entdecken. Archiviert werden die Texte sowie begleitendes Film-, Ton und Bildmaterial auf der Webseite der Eßlinger Zeitung.

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