Navid Kermani Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Bei den Esslinger Literaturtagen LesART stellt Autor Navid Kermani sein neues Buch „Morgen ist da“ vor, das seine wichtigsten Reden aus zwei Jahrzehnten versammelt.

EsslingenEr zählt zu den klügsten Köpfen im Land. Und ganz egal, ob Navid Kermani eine Laudatio auf den iranischen Schriftstellerverband hält, zur Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters oder zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes spricht, ob er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegennimmt oder dem Verleger Egon Ammann die letzte Ehre erweist – seine Worte haben Gewicht. In einer Zeit, in der viele ein unbedachtes Wort bedenkenlos zur allein seligmachenden Wahrheit erheben, verkneift sich Kermani wohlfeile Antworten auf die drängenden Fragen einer immer komplexeren Welt. Selbst wenn er dem 1. FC Köln zum 70. Gründungsjubiläum gratuliert, erweist er sich als tiefschürfender Denker, der die hohe Kunst der Rede in Perfektion pflegt und der im scheinbar Alltäglichen das Universelle zu entdecken versteht. Seine bedeutendsten Reden aus 20 Jahren hat der Autor, Publizist und Orientalist zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten. „Morgen ist da“ heißt dieser Band (Verlag C. H. Beck, 26 Euro), den Navid Kermani bei den Esslinger Literaturtagen LesART vorgestellt hat.

„Unter allen Formen der öffentlichen Kommunikation scheint mir das Verlesen einer Rede die seltsamste zu sein“, hat der Autor im Vorwort seines Buches erklärt. „Wer ohne Manuskript spricht, sei es von einem Pult aus oder als Teilnehmer eines Po­diums, der verfertigt seine Gedanken bei aller Vorbereitung oder Routine doch während des Redens.“ Ein Schriftsteller arbeitet ganz anders: Er kann seine Worte sorgsam abwägen und seinen Gedankenfluss, so oft er mag, in neue Bahnen lenken. Insofern ist eine Lesung aus einer Sammlung seiner Reden für Kermani eine gewisse Gratwanderung.

Während seines LesART-Auftritts im Kronensaal der Kreissparkasse gab er sich im Gespräch mit Moderatorin Susanne Lüdtke zuweilen sperrig. Schade eigentlich, denn die gesellschaftlich-kulturgeschichtlich-politische Tour d’horizon, zu der Kermanis Buch in ganz unterschiedlichen Facetten einlädt, bietet viel Diskussionsstoff. Wie der Nachruf auf den Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, der ahnen lässt, weshalb dieser unerschütterliche Humanist nie müde wurde, sich für die Bedrohten einzusetzen. Kermani zitiert Neudeck: „Man muss die Mitleidlosigkeit aushalten.“ Und weshalb hat Neudeck so unermüdlich für die Schwachen gekämpft, während andere trotz des erkannten Elends in der Welt irgendwann wegsehen? „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag“, bemüht Kermani den Koran.

Susanne Lüdtkes anerkennende Feststellung, er mache sich um das Zusammenführen der Religionen verdient, mag Navid Kermani nicht für sich in Anspruch nehmen: „Das muss einfach passieren.“ Christentum, Judentum und Islam seien einander viel näher als etwa dem Buddhismus. „Und wo Nähe ist, ist die Auseinandersetzung oft viel größer. Plötzlich werden die letzten zwei Millimeter Differenz ganz wichtig.“ Umso wichtiger seien gegenseitiges Verständnis und Toleranz. Und der Diskurs, der hilft, Gegensätze auszuräumen: „Man sollte nicht glauben, dass das Problem gelöst ist, nur weil man bestimmte Begriffe abschafft.“ Und welche Zukunft prophezeit Navid Kermani dem europäischen Gedanken? Allen Unkenrufen zum Trotz ist der Autor überzeugt: „Auch wenn die Wahlergebnisse in manchen Ländern eine andere Sprache sprechen, wird Europa gewollt. Europa ist jedoch mehr als nur der Euro. Ob dieses Projekt gelingt, hängt mehr von gemeinsamen Werten und Visionen ab als von wirtschaftlichen Erwägungen. Wenn wir nicht ernstnehmen, was an Einwänden kommt, sondern die Kritiker nur abbügeln, verlieren wir Europa.“ Der Geist der Aufklärung sei es, der verbinde.

Wenn Navid Kermani spricht, fliegen die klugen Gedanken nur so durch den Saal. Manche seiner Texte gehen aber auch zu Herzen – wie der Epilog über seinen verstorbenen Buchhändler. Da konnte sich mancher ein Tränchen im Augenwinkel nicht verkneifen, weil die für Kermani so prägende Menschlichkeit, die aus diesen Zeilen spricht, Herzen und Seelen berührt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: