Herta Müller mit Ernest Wichner, dem Leiter des Literaturhauses Berlin. Foto: EZ - Kaier

Im Schauspielhaus der WLB wurde die 25. LesART eröffnet – vier Wochen lang steht Esslingen nun im Zeichen der Literatur. Zum Auftakt erwies mit Herta Müller ein Nobelpreisträgerin dem Festival die Ehre. Für EZ-Chefredakteur Gerd Schneider sind die Literaturtage ein unverzichtbares Plädoyer für die Freiheit des Wortes und des Geistes.

EsslingenWenn ein hochkarätiges Literaturfestival wie die LesART zum 25. Mal über die Bühne geht, darf es schon etwas Besonderes sein. Und so erwies zur offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend mit Nobelpreisträgerin Herta Müller eine der renommiertesten Autorinnen unserer Zeit den Esslinger Literaturtagen die Ehre. Ehe Herta Müller aus ihrem Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ las, blickten OB Jürgen Zieger und Gerd Schneider, der Chefre­dakteur der Eßlinger Zeitung, zurück auf eine Erfolgsgeschichte und voraus auf ein Festival, das viele Highlights verspricht. Stadtbücherei und EZ präsentieren bis 30. November 33 Autorinnen und Autoren in 27 Veranstaltungen und einem Jubiläumsfest für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Für Gerd Schneider ist die LesART ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes und des Geistes. Der OB lobte besonders die Organisatorinnen: „Sie schaffen es, ein Programm auf die Beine zu stellen, das die Esslinger Literaturtage weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen lässt und das binnen Stunden ausverkauft ist.“

Dass Herta Müller nicht zum ersten Mal nach Esslingen kam, zeugt von der Qualität der LesART – und von der engagierten Arbeit der Stadtbücherei. Die spätere Nobelpreisträgerin wurde in Esslingen bereits geschätzt, lange bevor sie mit höchsten Ehren bedacht wurde. Rund 800 Autorinnen und Autoren waren seit dem ersten Festival 1996 zu Gast – preisgekrönte Namen ebenso wie regionale Größen. Alle zusammen haben sie ein faszinierendes Kaleidoskop der Gegenwartsliteratur zum Leuchten gebracht. Wie viel Sachkenntnis, Begeisterung, Engagement und Arbeit ein solches Festival allen Beteiligten abverlangt, ist dem Oberbürgermeister bewusst: „Der größte Dank gilt den Programmleiterinnen – Bücherei-Chefin Gudrun Fuchs und ihren Kolleginnen Renate Luxemburger und Bettina Langenheim, denen man für ihr Engagement und ihre Einsatzbereitschaft gar nicht genug danken kann. Sie bewahren stets den Wunsch nach Qualität, mischen erfolgreich Populäres mit Anspruchsvollem und sorgen für die Zukunft vor, indem sie ein Kinder- und Jugendprogramm genauso mit Leichtigkeit planen wie ein zeitgemäßes und zukunftsweisendes Literatur-Programm für die Erwachsenen.“

Fast 90 000 Besucherinnen und Besucher wurden seit der ersten LesART gezählt, und sie haben ihren Teil zum Gelingen ebenso beigetragen wie die Partner und Unterstützer, die die Literaturtage zum gesamtstädtischen Ereignis werden ließen. Der Eßlinger Zeitung, die von Anfang an dabei war, bescheinigte Zieger: „Sie ist eine treue Mitveranstalterin und Multiplikatorin, indem sie die Veranstaltungen ihren Leserinnen und Lesern näher bringt und so dafür sorgt, dass aus Zeitungslesern Literatur-Fans werden.“ Ebenfalls von Beginn an dabei ist die Stiftung der Kreissparkasse, die mit ihrer großzügigen finanziellen Unterstützung entscheidend dazu beitrage, „dass die Esslinger Literaturtage in dem Umfang, den sie inzwischen haben, durchgeführt werden können“. Zieger bedankte sich auch bei den Esslinger Buchhandlungen, beim Gemeinderat, dem Förderverein der Stadtbücherei und dem Kulturamt. Und er bescheinigte der LesART, „ein Leuchtturmprojekt im kulturellen Leben und ein unverzichtbarer Teil der Identität unserer Stadt“ zu sein.

Für EZ-Chefredakteur Gerd Schneider sind die Literaturtage stets ein Höhepunkt im Jahreskalender – zumal Veranstaltungen wie diese wichtiger denn je seien. Dass im öffentlichen Diskurs und nicht zuletzt in den so genannten sozialen Netzwerken immer häufiger Giftigkeit und Hass Einzug halten, dass Autoren und Politiker daran gehindert werden, ihre Meinung frei zu äußern, und dass selbst im Vorfeld der Lesung einer so renommierten Autorin wie Herta Müller despektierliche und ehrabschneiderische E-Mails in der EZ-Redaktion eingegangen sind, hat den Chefredakteur aufgerüttelt. Weil er fürchtet, dass solche Entwicklungen symptomatisch sind für unsere Zeit und das gesellschaftliche Klima, fragt sich Schneider: „Was ist in diesem Land passiert? Vieles, was für uns lange Zeit selbstverständlich war, ist plötzlich in Gefahr. Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen.“ Deshalb sei die LesART ein ganz wichtiger Anlass, sich immer wieder bewusst zu machen, welch hohes Gut die Freiheit der Gedanken ist: „Das beste Mittel, diese Freiheit des Geistes zu verteidigen, ist das Wort“, betonte Gerd Schneider. „Literatur, Theater und Zeitung – wir sitzen alle in einem Boot.“

Eine ausführliche Besprechung der Lesung von Herta Müller folgt in der Samstagausgabe unserer Zeitung.

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