Der VfB steckt in einer prekären Lage. Foto: Montage: Baumann, imago/Ralf Treese/Rudel  

Der VfB Stuttgart blockiert sich aktuell selbst – auf gleich mehreren Ebenen. Ein analytischer Überblick über die verfahrene Situation, in der der Bundesligist steckt.

Vier Spiele in 15 Tagen – das ist das, was der Spielplan der Fußball-Bundesliga für den VfB Stuttgart bis zum Beginn der WM-Pause Mitte November vorsieht. Ganz schön happig. Doch Beobachter des Clubs werden wohl sagen: „Wenn es doch nur das wäre!“

Neben den sportlichen Herausforderungen stehen für den VfB entscheidende Tage und Wochen an. Es geht um Weichenstellungen für die Zukunft, um Einigkeit, um die künftige Strategie. Es geht um den Weg des VfB und die Frage: Können die Protagonisten alle sportlichen, strukturellen und personellen Baustellen in einer Art auflösen, die es braucht? Also allein zum Wohle des Clubs? Die vergangenen Tage setzen da mehrere Fragezeichen, die Lage scheint verfahren.

Der aktuelle Trainer Michael Wimmer

Vermutlich war er selbst überrascht gewesen am späten Samstagnachmittag. 0:5 hatte Michael Wimmer mit dem Team des VfB gerade bei Borussia Dortmund verloren – da erfuhr er: Mindestens bis 12. November bleibt er verantwortlich für das Bundesliga-Team der Stuttgarter. Er habe, gegründete der Sportdirektor Sven Mislintat, „die richtigen Triggerpunkte“ gefunden.

Das mag für die Partien gegen den seinerzeit Letzten der Bundesliga (4:1 gegen den VfL Bochum) und den Letzten der zweiten Liga (6:0 gegen Arminia Bielefeld) gelten, in Dortmund aber fiel das Team auf ein Level zurück, das für den Existenzkampf im Fußball-Oberhaus nicht tauglich ist. Die Bereitschaft zur intensiven Defensivarbeit war so groß wie das Maß an Niederschlag an diesem Nachmittag – gleich null.

Wimmer hat dennoch die Chance bekommen, sich weiter zu beweisen. Auch, weil die Mannschaft es so wollte. Das wäre ein gutes Zeichen, wenn sich das Team tatsächlich für den Interimscoach zerreißt. Mit Blick auf das Spiel beim BVB stellt sich eher die Frage: Wollte das Team einfach in einer gewohnten Komfortzone bleiben? Wimmer muss schon am Samstag (15.30 Uhr/Liveticker) gegen den FC Augsburg beweisen, dass er im Team wieder Feuer entfachen kann – für den VfB und für sich. Er will Cheftrainer bleiben – oder es später anderswo werden.

Die Trainersuche des VfB

Angeblich war mit Jess Thorup vieles geklärt – ehe im Lichte der beiden deutlichen Erfolge doch Ex-Co-Trainer Michael Wimmer das Vertrauen bekam. Der Ein-Spiel- wurde jeweils kurzfristig zum Drei-Spiele- und dann zum Sieben-Spiele-Trainer. Obwohl Gespräche geführt wurden mit Kandidaten, die laut Sven Mislintat alle „Bock“ auf den VfB haben. Das fällt schwer zu verstehen – und wirft mal wieder die Frage auf, ob ein Richtungsstreit hinter den Kulissen eine Festlegung bisher verhindert hat.

Mislintat ist in der Trainersuche federführend – und wirkte zuletzt seltsam kurzfristig in seinem Vorgehen. Allein für die Trainersuche verantwortlich ist er nicht. Zum Quartett gehört neben Sami Khedira und Markus Rüdt auch Alexander Wehrle, der als Sportvorstand die letzte Verantwortung für die Personalie trägt. Die ständige Vertagung einer Entscheidung in dieser Sache hat er mitgetragen – obwohl der Club damit nicht wirklich Zeit gewonnen hat. Vor allem nicht für den Fall, dass die nötigen Punkte in den kommenden vier Spielen ausbleiben. Dann wird Michael Wimmer als Cheftrainer-Kandidat keine Rolle mehr spielen, aber der Neue startet mit einer noch größeren Hypothek.

Die Führungsfrage in der Chefetage

Nach außen wird beteuert: Wehrle will mit Mislintat den Vertrag über 2023 hinaus verlängern. Und: Mislintat will in Stuttgart bleiben. Umso erstaunlicher, dass man die Entscheidung auf Mitte November vertagte, es bisher nur wenige Gespräche und schon gar keine Einigung gegeben hat. Den Zeitplan hat letztlich Alexander Wehrle gesetzt, der zunächst zwei externe Berater (Khedira und Philipp Lahm) sowie Christian Gentner als künftigen „Leiter Lizenzspielerabteilung“ präsentierte. Als es hierüber zu Unstimmigkeiten kam, platzte das vorgesehene Zeitschema mit einer zügigen Entscheidung im Anschluss an die Transferperiode.

Die Notwendigkeit einer Trainersuche ließ dies nun zum Problem werden – nicht nur für mögliche Kandidaten, die gerne Klarheit haben würden, wer ihr direkter Vorgesetzter ist, sondern auch intern.

Der Club kann Mislintat kaum einen Trainer seiner Wahl aussuchen lassen – wenn wenige Tage später womöglich die baldige Trennung vom Sportdirektor beschlossen wird. Andererseits kann der Sportvorstand Wehrle keinen Coach-Kandidaten durchdrücken, der nicht auch von Mislintat voll mitgetragen wird. Der gut dotierte und mit vielen Kompetenzen ausgestattete Vertrag aus der Ära Thomas Hitzlsperger läuft bis Sommer 2023.

Um Anpassungen bei Verdienst und Machtfülle wird es in den weiteren Verhandlungen gehen, Aufschub verträgt die Entscheidung für oder gegen eine Zukunft mit Sven Mislintat keinen mehr. Das sollte auch das Gremium sehen, das über die Geschäfte der VfB AG wacht: der Aufsichtsrat. Dessen Vorsitzender, Clubpräsident Claus Vogt, lässt die Sache aber seit Wochen laufen.

Zuspruch für Sven Mislintat sinkt

Intern gilt der Zuspruch für Mislintat als gesunken. Die stockende Trainersuche irritiert auch einige Anhänger. Andererseits steht er für den – meist beklatschten – Weg, den der VfB vor rund drei Jahren eingeschlagen hat. Vom beliebten Trio Hitzlsperger/Matarazzo/Mislintat ist nur er geblieben. Und: Er hat der AG mit seinen Transferaktivitäten wiederholt die Bilanz gerettet. In seiner Amtszeit wurde ein Transferüberschuss von fast 100 Millionen Euro erwirtschaftet, wenngleich Mislintat nicht alle dafür verkauften Spieler selbst nach Stuttgart geholt hat.

Schnäppchen wie Konstantinos Mavropanos, Wataru Endo oder Hiroki Ito gelten als Transfercoups des Sportdirektors. Demgegenüber stehen einige junge Spieler, deren Entwicklung nicht den gewünschten Verlauf genommen hat.

Der Kader des VfB Stuttgart

In den Spielen gegen den VfL Bochum und gegen Arminia Bielefeld glaubten viele, das Erhoffte gesehen zu haben: dass die Mannschaft besser ist, als es fünf Punkte nach neun Spielen ausgesagt hatten. Es folgte das 0:5 in Dortmund – und die Zweifel kehrten zurück. Der Kader wurde unter Sparzwängen gebaut – dennoch steht man beim VfB zum Anspruch, dass die Mannschaft ausreichend bestückt ist, um das Ziel Klassenverbleib sicherer und früher zu erreichen als in der vergangenen Saison.

Wozu also ist der VfB-Kader imstande? Ex-Präsident Erwin Staudt monierte zuletzt, es fehle Führungskraft, Teamgeist, Erfahrung und Leidenschaft. Andere sehen enorme Entwicklungspotenziale. Klar ist: Ohne Leidenschaft und Einsatzbereitschaft reicht es für das VfB-Team nicht zum Klassenverbleib. Versteht die Mannschaft das nach Monaten im Tabellenkeller noch immer nicht, ist auch das eine Frage der Qualität. Sie ist ab sofort mehr denn je in der Pflicht.

Fazit zur Lage bei den Weiß-Roten

Eine konsequente und zukunftsfähige Trainerentscheidung, ein klares Bekenntnis für oder gegen Sven Mislintat, eine klare Rollendefinition für die neu hinzugekommenen Berater – all das hat die VfB AG zuletzt aufgeschoben. Nebenbei ging in der Bundesliga Punkt um Punkt verloren, den Schwung nach der Last-minute-Rettung im Mai haben die Sportverantwortlichen zusammen mit der Mannschaft komplett ins Leere laufen lassen. Nun stehen entscheidende Tage und Wochen an – in denen der Club einiges zurechtrücken kann. Und muss.