Der VfB Stuttgart überzeugt zum Auftakt der Fußball-Bundesliga mit seinen offensiven Abläufen. Doch bereits am Freitag könnte es bei RB Leipzig ganz anders aussehen.
Stuttgart - Auf diesen Moment haben die Spieler des VfB Stuttgart lange warten müssen – und auch die Fans. Geschlossen stand die Mannschaft vor der Cannstatter Kurve und bejubelte mit der begeisterten Anhängerschaft den Sieg über die SpVgg Greuther Fürth. 5:1 – das war zum Auftakt der Bundesliga-Saison ein Ausrufezeichen.
Fußballer und Fans hüpften also nach den vielen Geisterspielen in der Vorsaison vor Freude, und „Spitzenreiter“-Rufe schallten durch die Mercedes-Benz-Arena. Der VfB hatte den Erfolg mit einer Leichtigkeit herausgespielt, die zuvor schwer vorstellbar war. Aufgrund der langen Ausfallliste, auf der nun auch das Talent Mohamed Sankoh mit einer schweren Knieverletzung steht.
Elf Tore in zwei Pflichtspielen
Doch die Stuttgarter haben erneut gezeigt, dass in ihrem Kader mehr Tiefe steckt, als so mancher glaubt. Zwei Pflichtpartien sind nun absolviert – und der VfB hat elf Tore erzielt. Den fünf gegen Greuther Fürth waren ja die sechs Treffer im DFB-Pokal beim BFC Dynamo vorangegangen. Der eine Gegner diesmal ein schwacher Aufsteiger, denn die Franken hatten der Dynamik des VfB nach einer halben Stunde nichts mehr entgegenzusetzen. Der andere Kontrahent ein Berliner Viertligist, der sich zwar im Spielrhythmus befand, aber nicht zum Zug kam.
„Das war eine sehr gute Leistung von den Jungs“, sagt Pellegrino Matarazzo, „mit guten offensiven Abläufen, mit gutem Pressing und Gegenpressing.“ All das, was der Trainer sehen wollte, weil es seit Monaten einstudiert wird und wie eine Choreografie für die Angriffe wirkt. Die Stuttgarter boten ein Spiel mit viel Struktur. Und sie sind immer mehr in der Lage, systematisch Spiele zu gewinnen. Jeder Akteur weiß, was auf welcher Position von ihm verlangt wird. Das lässt die Ausfälle in der Gruppe besser kompensieren. Sogar dann, wenn dem VfB im Augenblick ohne Sasa Kalajdzic (Coronafall) und Silas Katompa Mvumpa (verletzt) im Sturm reichlich individuelle Qualität fehlt.
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Die Tore erzielen bisher eben andere. „Da sind Stürmer, Mittelfeldspieler und auch Verteidiger dabei. Das war schon vergangene Woche so“, sagt Matarazzo. Er versucht bei jedem Einzelnen, das Potenzial zu mehr Torgefährlichkeit herauszukitzeln. Diesmal ging der Kapitän Wataru Endo (30.) voran. Philipp Klement, der nach seiner frühen Einwechslung überzeugte, legte nach (36.). Weil die Gastgeber nicht daran dachten, selbst bei Hitze in den Verwaltungsmodus zu schalten. Nach der Pause trafen noch zweimal Marc Kempf (55./76.) sowie Hamadi Al Ghaddioui (61.) – alle per Kopf. Was die Lufthoheit dokumentiert, aber ebenso die Maßarbeit, die von der linken Seite aus geliefert wird.
Borna Sosa bereitete die drei Tore vor. Wenig Zufall war da dabei, dafür wie zuvor bei den Vorlagen von Philipp Förster und Mateo Klimowicz viel Spielverständnis. Der VfB schuf gegen das Team von SpVgg-Coach Stefan Leitl durch Kombinationen und Sprints häufig Räume, die nicht mehr zu schließen waren. Es ging einfach zu schnell. „Man sieht immer mehr, dass die Automatismen greifen. Dadurch werden wir handlungsschneller, weil die Spieler nicht mehr darüber nachdenken müssen, wohin sie laufen sollen“, sagt Matarazzo.
Florian Müller ärgert sich
Schön anzusehen war das, aber weder der Trainer noch der Sportdirektor wollen sich den Blick trüben lassen. „Wir werden jetzt nicht durchdrehen“, sagt Sven Mislintat, „wir haben erst drei von 40 Punkten erzielt.“ Diese Zahl bleibt der Maßstab an der Mercedesstraße, selbst wenn Leitl nach den ersten Eindrücken im Oberhaus den VfB weit über dem potenziellen Abstiegskandidaten aus Fürth einstuft. Denn eine Szene unmittelbar nach dem Wechsel hätte dem Verlauf eine Wendung geben können. Havard Nielsen bot sich die Chance, auf 1:2 zu verkürzen. Konstantinos Mavropanos rettete jedoch – und beim VfB blieb alles im Fluss.
Bis in die dritte Minute der Nachspielzeit, als die VfB-Elf den Gästen doch noch den Ehrentreffer gewährte. Jamie Leweling erzielte diesen. „Alle haben sich über dieses Gegentor geärgert“, sagt Mislintat. Am meisten wohl Florian Müller. Der neue Torwart (übrigens der einzige Zugang in der Startelf) wollte natürlich das Zu-Null halten.
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Verarbeiten lässt sich diese eine Nachlässigkeit locker, und das Selbstvertrauen, das sich der VfB geholt hat, wird es ebenfalls nicht schwächen. „Wir können nach diesem Spiel mit breiter Brust auftreten“, sagt Matarazzo, „wir sind aber gut beraten, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben.“ Zumal Höhenluft den Stuttgartern in der jüngeren Vergangenheit selten gutgetan hat.
Ohnehin geht es nach dem Raketenstart bereits am Freitag (20.30 Uhr) bei RB Leipzig darum, die Fortschritte auf eine ganz andere Probe zu stellen. „Die Leipziger sind diejenigen, die neben den Bayern und den Dortmundern den Anspruch erheben, Titel gewinnen zu können“, sagt Mislintat, „und wir sind diejenigen, die sie ärgern wollen.“ In der vergangenen Saison gelang das nicht. Zwei Spiele, zwei Niederlagen – wie gegen den darauf folgenden Gegner SC Freiburg. Da gilt es für den VfB, einiges gutzumachen.