Schulleiterin Angela Haberkorn und Elternbeirat Peter Rädler. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Die ersten Gemeinschaftsschüler verlassen jetzt in Deizisau und Esslingen die Schule mit einem Realschulabschluss. Die Quote ist hoch: Mehr Schüler als erwartet haben über die neue Schulart den mittleren Bildungsabschluss geschafft.

DeizisauIn dieser Woche feiert an der Gemeinschaftsschule (GMS) Deizisau der erste Jahrgang mit Realschul-Zeugnis den erfolgreichen Abschluss. Von 51 Schülern, die vor sechs Jahren in der fünften Klasse starteten, haben immerhin 34 den mittleren Bildungsabschluss geschafft. Auch an der Esslinger Seewiesen-Schule hat der erste GMS-Jahrgang die Mittlere Reife in der Tasche. Fast 50 Prozent haben es geschafft, davon manche, die von ihren Eltern nicht auf eine Realschule geschickt worden wären. Das Konzept der neuen Schulart hat sich nach Ansicht der Deizisauer Rektorin Angela Haberkorn gut bewährt, nur an wenigen Stellen wurde in den Anfangsjahren nachjustiert. Auch Elternvertreter Peter Rädler betrachtet die GMS als Erfolgsmodell.

Können Sie die ersten sechs Jahre Gemeinschaftsschule in einem Satz zusammenfassen?
Haberkorn: Diese Schulform hat sich vom pädagogischen Konzept und vom Ergebnis für die Schüler als gewinnbringend erwiesen. Ja, ich bin heute noch viel überzeugter als vor fünf Jahren. Da ist so viel für das Schülerleben entstanden.

Wovon wurden Sie am meisten überrascht?
Haberkorn: Überraschend war vielleicht, dass wir auf weniger Stolpersteine stießen, als wir befürchtet hatten. Klar, es war eine Herausforderung, die neue vom Land eingeführte Schulform umzusetzen. Aber ein professionelles Kollegium weiß, wie man neue Lehr- und Lernformen einführt. Und wir haben in Deizisau einen Schulträger, der immer mitgegangen ist.

Wirklich alles reibungslos gelaufen?
Haberkorn: Eine Erschwernis war, dass wir einige Zeit mit zwei verschiedenen Bildungsplänen arbeiten mussten: Die Klassen 9/10 mit dem aus dem Jahr 2004, die unteren Jahrgänge dann mit dem Bildungsplan 2016. Und wir mussten neue Zeugnisprogramme im Rahmen der Lernentwicklungsberichte aufbauen. Das sind viele organisatorische Aufgaben, die oben drauf kommen und manches verzögern.

Die Gemeinde hat mehrere Millionen Euro in die Schule investiert, insbesondere in die neue Mensa, aber auch in zusätzliche Fachräume. Sind Sie rundum zufrieden oder ist ein Wunsch offengeblieben?
Haberkorn: Wir sind gut versorgt. Jetzt kommen noch die Tablets und das neue Medienkonzept, das ist ein weiterer Meilenstein. Allerdings steigen die Schülerzahlen, sowohl in der Grundschule als auch in der Gemeinschaftsschule. Beide Schularten stehen in manchen Klassenstufen an der Grenze zur Dreizügigkeit. Das wird eng.

Wie gut sind Sie mit Stellen versorgt?
Haberkorn: Die Situation war bislang gut, wir haben Lehrkräfte für alle drei Schularten, auch genügend Gymnasiallehrer. Nur im naturwissenschaftlichen Bereich war die Zuweisung von Lehrkräften nicht immer passgenau, aber da herrscht allgemein ein Engpass. Dass Kollegen aus drei Schularten zusammenarbeiten und sich gegenseitig beraten, empfinde ich als sehr gewinnbringend.

Gelegentlich wird kritisiert, dass die GMS in der Startphase gegenüber anderen Schularten bevorzugt behandelt wurde.
Haberkorn: Bevorzugt würde ich nicht sagen. Wir bekommen Heterogenitätsstunden, damit wir Schüler auf allen drei Niveaustufen bedienen können. Die zusätzlichen Stunden sind einfach nötig, um ein differenziertes Angebot für diese Niveaustufen machen zu können.

Sie und Ihr Kollegium haben sich pädagogisch-didaktisch schon vor dem Start der GMS auf den neuen Weg gemacht. Wo mussten Sie dennoch methodisch-didaktisch nachbessern?
Haberkorn: Am Anfang hatten wir von den Schülern mehr Kompetenz für die freien Arbeitsformen erwartet. Die eigenen Fähigkeiten einschätzen und kooperative Lernformen erfordern, dass sich die Schüler selbst reflektieren können. Nach eineinhalb Jahren haben wir mehr Kontrollmechanismen und einige Förderbausteine eingebaut, um mehr Hilfestellung zu geben. Das sind auch unsere Aufgaben: Die Schüler dort abzuholen, wo sie gerade stehen, und das Konzept zu überprüfen und anzupassen.

Haben sich schwächere Schüler mit den neuen, selbst mitzugestaltenden Lernformen schwerer getan?
Haberkorn: Es gibt immer einige Schüler, die eine engere Begleitung benötigen. Die hat man aber im Blick, weil man regelmäßig Lernentwicklungsgespräche führt und anhand der von den Schülern geführten Lerntagebücher sieht, wo sie stehen.

Insgesamt haben das differenzierte Unterrichtsangebot und die Selbstorganisation Ihrer Ansicht nach funktioniert.
Haberkorn: Auf jeden Fall. Viele Schüler haben festgestellt, dass sie Niveaustufen wechseln können und dass das immer etwas mit ihrer Motivation zu tun hat. In den Klassen 8, 9 und 10 fokussieren wir uns stärker auf den Abschluss und machen in den Hauptfächern mehr Trainingseinheiten vor den Prüfungen.

Rädler: Anfangs hatten viele Eltern und Schüler auch erwartet, dass es an der Gemeinschaftsschule als Ganztagsschule keine Hausaufgaben mehr gibt. Aber das ist Theorie. In der Praxis muss man halt zuhause Englischwörter lernen.

Haben Sie, Herr Rädler, als Elternvertreter alle methodischen Wege nachvollziehen können oder gelegentlich Einspruch erhoben?
Rädler: Frau Haberkorn und ihr Kollegium haben das Konzept rechtzeitig vorgestellt. Wir Elternvertreter haben uns vor dem Start der GMS fast wöchentlich zusammengesetzt, um über Chancen und Risiken der Schulart zu reden und unsere Interessen einzubringen. Es gab kaum Situationen, die zu Ärger geführt haben.

Sind etwa alle Eltern zufrieden?
Rädler: Es gibt Eltern, die nur an ihr Kind denken. Aber die Schule sollte als Gemeinschaft ein gutes Ergebnis für alle schaffen. Es ist ein Segen, dass die Eltern durch die neue Schulart näher an der Schule dran sind und man rechtzeitig über Probleme redet. Ich sehe die Gemeinschaftsschule als Erfolgsmodell. Und jetzt, nachdem die ersten ihren Abschluss gemacht haben, wird die Akzeptanz noch größer. Auch die Betriebe haben gelernt, wie sie G-Niveau und M-Niveau einschätzen müssen.

Wie viele der Schüler, die vor sechs Jahren als erste auf die GMS kamen, haben den Realschulabschluss geschafft? Wie viele sind voriges Jahr mit dem Hauptschulabschluss gegangen?
Haberkorn: Von 51 Schülern, die 2013 in die fünfte Klasse gekommen sind, feiern jetzt 34 ihren Realschulabschluss. Das ist eine sehr hohe Quote, mehr als erwartet. Viele Schüler haben sich durch die neuen Lernformen verbessert – das sage ich nicht so dahin, sondern das sehen wir am Vergleich mit den Realschulen im Land.

Und wie kommen die Schüler und Eltern klar, die sich mit dem Hauptschulabschluss begnügen müssen?
Haberkorn: Begnügen würde nicht sagen, auch hier gibt es gute Anschlussmöglichkeiten. Die Eltern verfolgen in vielen Gesprächen, wie sich ihr Kind entwickelt. In Klasse 8 werden Weichen gestellt – auch das passiert im Gespräch mit Eltern und Schüler, also transparent.

Rädler: Wichtig ist, dass wir Schüler mit Hauptschulabschluss so begleiten, dass sie in einem Betrieb unterkommen. Und das gelingt hier.

In Esslingen haben Eltern vehement gefordert, die GMS mit einer Oberstufe fortzusetzen. Fänden Sie das auch für Deizisauer Schüler wünschenswert?
Rädler: Hier in Deizisau würde die Mehrzügigkeit in der Oberstufe fehlen. In Esslingen finde ich aber gut, dass die GMS eine Oberstufe erhält, weil hier die Art des Lernens anders ist. Von der Gemeinschaftsschule kommen Teamspieler, die sind weniger egoistisch.

Und wie denken Sie darüber, Frau Haberkorn?
Haberkorn: In Deizisau macht die Oberstufe keinen Sinn. Aber mit dem Realschulabschluss können unsere Schüler auf ein berufliches Gymnasium oder auf eine GMS mit Oberstufe. Wer E-Niveau hat, kann sogar aufs allgemeinbildende Gymnasium. Das Angebot wurde aber kaum wahrgenommen. Die allermeisten arbeiteten auf dem M-Niveau und viele gehen nun aufs berufliche Gymnasium.

Das Interview führte Roland Kurz.

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