In Stuttgart wurde nach dem Anschlag gegen Rassismus demonstriert. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Menschen mit Migrationshintergrund aus Stuttgart sprechen nach dem Anschlag von Hanau von ihren Ängsten und ihren Forderungen an die Politik.

Stuttgart - Fühlen sich Menschen mit Migrationshintergrund bedroht? Haben sie Angst vor rechtem Terror? Die Angst ist da, bestätigen viele, und sie ist nicht erst durch den brutalen Anschlag von Hanau ausgelöst worden, bei dem ein Täter offenbar aus rassistischen Motiven zehn Menschen ermordet hat.

„Es herrscht eine bedrückende Stimmung“, sagt Kerim Arpad vom Deutsch-Türkischen Forum in Stuttgart. „Es ist keine konkrete Bedrohungslage, aber man weiß nicht, was da so lauern könnte“, beschreibt er das diffuse Gefühl. Denn man könne nicht vorhersehen, wodurch sich ein Täter veranlasst fühlen könnte, zuzuschlagen. Auch das fehlende Wissen, wie stark die rechten und rassistischen Netzwerke seien, trage zur Verunsicherung bei.

Dass es Netzwerke sind, dessen ist sich Arpad sicher: „Man kann nicht mehr an die Einzeltätertheorie glaube“, sagt er. Die Serie der NSU-Morde, der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), die Anschläge von Halle und Hanau zeigten seiner Ansicht, dass da Netzwerke zugange seien. „Was mich damals richtig schockiert hat, war, dass bei NSU-Anhängern Unterlagen auftauchten, die darauf hindeuteten, dass jemand von denen in Stuttgart gewesen ist“, fügt er hinzu. Daher gibt es für Kerim Arpad eine logische Schlussfolgerung: „Wir brauchen ein entschiedenes hartes Vorgehen der Sicherheitsbehörden dagegen.“

Die mögliche Bedrohung ist immer ein Thema

Serkan Erden, der Gründer des Stuttgarter Vereins Stelp, der weltweit Menschen in Not hilft, ist der Meinung, dass psychische Probleme alleine eine Wahnsinnstat wie die Hanauer Morde nicht erklären könnten. „Leider ist in Deutschland Unsagbares Sagbar geworden. Die AfD und andere Parteien des rechten Spektrums bieten dafür den Nährboden“, sagt er. Das Thema, dass Menschen mit Migrationshintergrund bedroht werden könnten, sei inzwischen „fast immer ein Thema“ in seinem bunt gemischten Freundeskreis.

„Man kann jetzt das Ziel eines Anschlages werden, nur weil man anders aussieht“, das bereite ihm schon Sorgen, meint Erden. Zumal er auch immer wieder Erfahrungen mit Alltagsrassismus mache. Ein Beispiel: „Da kommt einer in die Tankstelle, wo ich gerade auch zum Bezahlen bin, und fragt in die Runde nach dem Weg. Ich habe geantwortet. Da sagt der zu mir, ich bräuchte nicht weiterreden, denn er frage keine Ausländer“, berichtet Serkan Erden. Der Verstand sage ihm zwar, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, sehr gering sei. Dennoch bleibe ein ungutes Gefühl bei ihm, meint der Stuttgarter.

„Gegen wen es sich auch richtet, die Quelle ist immer der gleiche Hass“, sagt der Rabbiner Yehuda Pushkin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. „Wir betrachten die Vorgänge von Hanau nicht unter dem Aspekt, das ist jemand anderem passiert. Das richtet sich gegen uns alle“, fügt er hinzu. Seine Forderung an die Politik lautet: „Es besteht dringender Aufklärungsbedarf. Denn die Personen, die bereit sind, so etwas zu tun, sind da.“ Die Befürchtung, dass es in Deutschland zu rassistischen und antisemitischen Angriffen kommen könne, bestehe schon lange. „Das ist nicht erst seit Halle so“, sagt Pushkin. In Halle hatte am 9. Oktober vergangenen Jahres ein schwerbewaffneter Mann versucht, in eine Synagoge einzudringen.

Unruhe in Moscheen und Jugendhäusern

Was jedoch neu und schockierend sei, sei die Häufigkeit, mit der Anschläge in jüngster Zeit geschehen sind, so Pushkin. „Das heißt, dass die Leute, die dieser Ideologie anhängen, da sind und bereit sind, etwas zu tun“, meint der Stuttgarter Rabbiner.

Wie Serkan Erden von Stelp sieht er Politiker des rechten Spektrums in der Verantwortung. „Die Täter fühlen sich bestätigt, wenn rassistische Positionen von in den Parlamenten vertretenen Parteien geäußert werden“, sagt der Rabbiner. „Die demokratischen Kräfte müssen sich dagegenstellen“, fordert Pushkin.

Es gebe Unruhe in den Moscheen und in den Jugendhäusern, so das Vorstandsmitglied der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg, Halil Karacoban. Vor allem die Jugendlichen seien sehr aufgewühlt und fühlten sich nicht mehr sicher.

Bei einem Besuch der Gemeinde sagte der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Freitag: „Wir verstehen Ihre Ängste und nehmen sie sehr ernst.“ Der Staat werde alles tun, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, zu denen natürlich auch Menschen mit ausländischen Wurzeln gehörten, so Kretschmann weiter. Alle Bürger müssten sich betroffen fühlen von Anschlägen wie in Hanau. „Das kann uns irgendwann auch alle treffen“, sagte Kretschmann. Jeder sei aufgefordert, Zivilcourage zu zeigen, wenn man etwa rassistische Tendenzen im Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz beobachte, so der Ministerpräsident.

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