Petra Schulz vom VCD auf dem Demonstrationsstück des Radschnellwegs. Sie hofft auf eine baldige Realisierung der Radtrasse, auch wenn diese nicht alle Standards erfüllt. Foto: Ines Rudel

Die Route für die geplante Radschnellverbindung zwischen Reichenbach und Stuttgart steht weitgehend fest. Doch wer die Strecke jetzt schon abfahren möchte, stößt auf zahlreiche Hindernisse – ein Selbstversuch.

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Nachmittag im April. Die Sonne strahlt herunter wie im Hochsommer, am hellen Himmel ist kaum ein Wölkchen zu sehen. Ideale Bedingungen, um die anvisierte Route für den Radschnellweg zwischen Reichenbach und Stuttgart einmal vor Ort unter die Lupe zu nehmen.

Petra Schulz, Esslinger Kreisvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), hat sich die vom Regierungspräsidium Stuttgart abgesegnete Vorzugstrasse aufs Handy geladen. Wir starten in Reichenbach, wo das bereits fertiggestellte Demonstrationsstück des Radschnellwegs endet. Hier ist zu sehen, wie die Trasse im Idealfall aussehen soll: Vier Meter breit, asphaltiert und mit eigener Fahrspur für beide Richtungen. Doch der angestrebte Standard wird nicht immer einzuhalten sein, und es gibt noch viel zu tun, um die Verbindung überhaupt auf ganzer Länge umzusetzen – das wird auf der Tour an diesem Tag nur allzu deutlich.

Schon bald endet die Fahrt erst einmal im Nichts

Schon nach wenigen hundert Metern über einen holprigen Trampelpfad an der Fils entlang endet die Fahrt quasi im Nichts: Wo die B 10 die Fils quert, soll auch der Radschnellweg ans andere Ufer wechseln. Doch die Brücke dafür muss erst noch gebaut werden. Für die heutige Tour bedeutet das: Es geht weiter über den teils matschigen Pfad bis zur nächsten Filsquerung. Nach einigen Minuten führt uns ein schmales Brücklein über den Fluss, kurz darauf finden wir uns inmitten von Feldern und Wiesen wieder, wo wir uns mit Hilfe von GPS-Daten und der digitalen Karte erst wieder orientieren müssen. Immer wieder gilt es auf der Tour, unsere Position zu bestimmen und zu verifizieren, ob wir uns noch auf der designierten Radschnellwegroute befinden. Denn diese führt oft über Wege, die noch gar nicht existieren – oder über Brücken, die noch zu errichten sind.

Bis Plochingen ist die Strecke sehr idyllisch: Es geht an der plätschernden Fils entlang, unter grünen Bäumen her und an saftigen Wiesen und Feldern vorbei. Doch Idylle ist nicht alles: „Die Leute fahren natürlich lieber dort Fahrrad, wo es schön ist, aber es ist eine Summe von Faktoren, die zur Entscheidung für das Fahrrad führen“, betont Petra Schulz. Neben Sicherheit und Zeitersparnis sei vor allem die Nähe der Trasse zum Wohnort, zu Einkaufsmöglichkeiten, zur Schule, zum Kindergarten oder zum Arbeitsplatz wichtig für die Menschen. „Laut Experten sollte man sehr nah an Zielen und Quellen der Menschen vorbeikommen, damit der Radschnellweg hohes Potenzial hat“, so Petra Schulz.

Doch das ist im Neckartal oft schwierig, weil der Raum hoch verdichtet ist und wenig Platz für eine breite Radtrasse bleibt. Sehr anschaulich zeigt sich das ab dem Plochinger Landschaftspark Bruckenwasen. Dort ragen schon jetzt mehrere riesige Brückenpfeiler in die Höhe, die verschiedene Straßen am Plochinger Dreieck über den Neckar führen. In ihrem Schatten soll noch eine weitere Querung für den Radschnellweg entstehen – sicher kein leichtes Unterfangen.

Weiter in Richtung Plochinger Hafen wird es für Radfahrende dann richtig kompliziert. Bei der Otto-Konz-Brücke und den Rampen zur B 10 ist es schwierig, den Überblick zu behalten, wo sicheres Radfahren überhaupt möglich ist. Wir finden nach einigem Suchen den Weg über die stark befahrenen Straßen und halten uns weiter auf der designierten Route. Doch auf der Straße Am Rheinkai brausen riesige Lastwagen dicht an uns vorbei, und an einem privaten Firmengelände müssen wir dann ganz kehrt machen. Hier ist kein Durchkommen für Radler.

Wir suchen uns einen Weg durch Deizisau und auf die andere Neckarseite – die für den Radschnellweg vorgesehene Brücke von der Straße Am Rheinkai hinüber nach Altbach gibt es schließlich noch nicht. Sie dürfte künftig eine deutliche Verbesserung für den Radverkehr darstellen, denn auf den meist stark befahrenen Straßen kann das Radfahren derzeit zum Spießrutenlauf werden: Beim Versuch, eine Straße zu queren, wird Petra Schulz einmal fast umgefahren.

Entspannung nach dem Kraftwerk Altbach

Nach der Umfahrung des Kraftwerks Altbach wird das Radeln entspannter, auch wenn wir mangels Brücke nicht, wie vorgesehen, auf die Neckarsüdseite wechseln können, sondern den Weg über die Zeppelinstraße nehmen und erst über die Esslinger Konrad-Adenauer-Brücke ans Südufer wechseln. Von hier aus bis zur Pliensauvorstadt ist das Radeln dann so, wie es künftig möglichst auf der gesamten Strecke sein soll: Der Abschnitt wurde vor Kurzem bereits auf Radschnellwegstandard ausgebaut.

Ganz anders in der Pliensauvorstadt selbst. Die Streckenführung in dem dicht bebauten Stadtteil ist noch unklar. In der Stuttgarter Straße, wo die Route entlang führen könnte, ist die Lage unübersichtlich: Hier teilen sich viele Autos, Radler und Fußgänger die schmale Schneise zwischen den Häuserfassaden. Ähnlich eng geht es am Neckarcenter in Weil zu, wo die Trassenführung in Richtung Stuttgart ebenfalls noch offen ist. Klar ist für Schulz nach der heutigen Tour vor allem eines: „Derzeit ist man als Radfahrer oft nicht vorgesehen und wird als Störfaktor wahrgenommen.“ An vielen Stellen fühle man sich nicht sicher. Daher sei es toll, wenn der Radschnellweg kommt – auch wenn er nicht überall die Standards erfülle.

Diskussionen um die beste Trasse

Route
 Seit etwa einem Jahr steht die sogenannte Vorzugstrasse für den Radschnellweg RS 4 zwischen Reichenbach im Kreis Esslingen und Stuttgart fest. Für die etwa 20 Kilometer lange Strecke entlang von Fils und Neckar müssen voraussichtlich sieben neue Brücken und eine Unterführung gebaut werden.

Diskussionen
 Im Jahr 2018 fiel der Startschuss für die Planung des Radschnellwegs RS 4, der als eins von drei sogenannten Leuchtturmprojekten im Land galt. Es folgten lange und vielfach kontroverse Diskussionen um einen möglichen Streckenverlauf. Nachdem zunächst eine Route nördlich des Neckars als beste Option galt, verläuft die jetzige Vorzugstrasse in weiten Teilen südlich des Neckars. Im Bereich des Plochinger Landschaftsparks Bruckenwasen sowie in den Esslinger Stadtteilen Pliensauvorstadt und Weil ist die Streckenführung bislang noch unklar.