Das Kaufhaus Breuninger in Stuttgart im Jahr 1942. Die Uhr gegenüber zeigt – fast schon symbolisch – fünf nach zwölf. Foto: Stadtarchiv

Unser gemeinsames Geschichtsprojekt mit dem Stadtarchiv Stuttgart, das 12 000 Fotos des unzerstörten Stuttgart zugänglich macht, stößt bei Leserinnen und Lesern auf ein großes Echo. Wir veröffentlichen eine Auswahl an Einsendungen.

Stuttgart - Die Serie Stuttgart 1942 geht vielen Betrachtern nahe. Sie weckt Erinnerungen und Gefühle. Das zeigen die Leserreaktionen, die wir auf unser Geschichtsprojekt erhalten. Hier Auszüge aus Leserzuschriften.

1942 fesselt mich

Ich bin Jahrgang 1932, aufgewachsen in Feuerbach. 1942 fesselt mich. Ich gehe auf den Straßen meiner Kindheit, stehe vor dem Haus meiner Großeltern in der Stuttgarter Straße und blicke auf die Geschäfte auf der anderen Straßenseite, wie als Kind. Ich wundere mich auch über die vielen Betten, die überall zu den Fenstern heraushängen. Und keine Autos, und die allgemeine Dürftigkeit des Wohnens. Es ist nicht nur kriegsbedingte Einfachheit. Die allgemeinen Lebensumstände waren bescheidener. Die Versorgung lief mit vielen kleinen Läden, viele „wegen Einberufung“ geschlossen. Ich bin tief bewegt. Vielen Dank! Dr. Hans Gronbach, Stuttgart

Nie wieder!

Ich bin Jahrgang 1933 und habe mit meinen drei Brüdern die Kriegsjahre in Stuttgart-West erlebt. Meine Eltern, die Familie Cantz, haben dort eine Metzgerei betrieben. Wenn die Sirene ertönte hieß es immer: „Schnell in den Keller.“ Im Lauf der Zeit wurde dann ein unterirdischer Durchbruch zum Nachbarhaus gegraben damit wir uns bei Alarm auch dorthin flüchten konnten. Nun wohnte bei uns im Haus eine Dame, die ziemlich beleibt war. Nachdem der Durchbruch fertig war, setzte sie sich mit Ihrem Stuhl direkt neben den Durchbruch. Als ängstliches Kind, sagte ich zu meiner Mutter: „Mama, wenn die dicke Frau als erste da durch will, no isch des Loch verstopft und mir kommet nemme durch!“ Diese kleine Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Unser Haus wurde durch Bombenangriffe total zerstört, aber glücklicherweise waren wir zu der Zeit schon alle evakuiert.

Ich kann bis heute keine Filme sehen bei denen Krieg und Bombenangriffe gezeigt werden. Dennoch habe ich Ihre Artikel gelesen und möchte daher mit meiner Erinnerung einen Beitrag dafür leisten, dass sich ein so schrecklicher Krieg nicht wiederholt. Meine Erinnerungen an diese Kindheit haben mich bis heute geprägt. Margit Windmüller, Stuttgart

Danke für die Fotos!

Danke! Aufgrund Ihrer Aktion konnte ich, Jahrgang 1966, erstmals den Ursprungszustand des Hauses meiner Großeltern sehen. Das Haus war im Jahre 1942 noch um einen Stock höher gebaut. Es wurde 1945 bei einem Bombenangriff schwer zerstört. Meine Großeltern haben es nach dem Krieg gekauft und wieder aufgebaut. Ich habe mit meinen Eltern mein erstes Lebensjahr dort verbracht. Jetzt wohne ich nach über 50 Jahren wieder darin. Bertram Sugg, Stuttgart

Im Stil des goldenen Merkur

Stuttgart 1942 – vier Jahre zuvor wurde ich in der Pfeilstickerschen Klinik geboren, die ziemlich genau dort stand, wo jetzt die Grube für Stuttgart 21 gähnt. Der Horizont eines Vierjährigen ist noch eng, aber ich erinnere mich immerhin, dass ich damals mit meiner Mutter am Schlossplatz auf die Straßenbahn warten musste. Die Haltestelle war an der Seite des Schlossplatzes, vor der Alten Kanzlei. Da bemerkte ich auf dem Turm den goldenen, in der Sonne glänzenden Merkur, dessen Pose mich tief beeindruckte: Auf einem Bein stehend, das andere wie im Lauf nach hinten geschwungen, einen Arm angewinkelt, den anderen in die Höhe gestreckt. Ich musste es sofort nachmachen! Die Pose muss mir so gut gelungen sein, dass alle Umstehenden laut lachten und zum Original hinauf zeigten. Einen solchen Publikumserfolg erreichte ich nie wieder! Das ist jetzt achtundsiebzig Jahre her, aber die Szene kommt mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich die goldene Statue des Merkur da droben erblicke. Prof. Utz Baitinger, Stuttgart-Botnang

Eine tiefe Freundschaft

Mit großem Interesse lese ich Ihre informativen Berichte. Es erscheint mir wichtig, den schrecklichen Ereignissen dieser unglücklichen Zeit ein ganz kleines, aber Glück spendendes Erlebnis vom Ende des Krieges hinzuzufügen: Ich, ein sechsjähriger Bub, saß wie so oft mit meiner Mutter im Bunker unter der zusammengebombten Berger Kirche. Es folgte die Durchsage, dass französische Soldaten in Stuttgart einmarschiert sind und auch unseren Bunker kontrollieren würden. Nach einiger Zeit erschienen, mit angeschlagenem Gewehr, unsere Besatzer. Einer von ihnen scherte aus der Reihe aus, kam auf mich zu, stellte sich vor mich hin – und schenkte mir eine Tafel Schokolade; sie befand sich in einer runden Blechdose. Bei allem Unglück dieser Tage war ich richtig selig.

Jahre später begründete eine Partnerschaft von Vereinen eine tiefe Freundschaft mit Franzosen, welche inzwischen in der dritten Generation andauert. Regelmäßige gegenseitige Besuche zu allen Anlässen, ob Freud oder Leid, halten diese Verbindung aufrecht. Und das nun schon seit 53 Jahren. Kann man da nicht von einem Beitrag zur Völkerverständigung sprechen? Ein reiner Zufall: Unsere Freunde wohnen in der Picardie, unmittelbar an der Somme, in der „Rue de 8. Mai“. Helmut Selter, Stuttgart

Bombeneinschlag im Schulhof

Mit Interesse lese ich Ihre Berichte über Stuttgart vor der Zerstörung. Ich war von 1939 bis 1944 Schülerin im Königin-Olga- Stift in der Johannesstraße. Mit Schrecken erinnere ich mich heute noch an einen Tagangriff auf Stuttgart. Wir Schüler saßen im Keller der Schule, als eine Bombe in dem Schulhof einschlug. Wir konnten die Schule dann noch normal verlassen im Gegensatz zu den Schülern der Johannesschule. Diese Schüler mussten damals durch die Notausstiege die Schule verlassen. Wenn ich die Berichte lese, kommen automatisch meine Erinnerungen hoch. Sigrid Krich, Reutlingen

Wahnsinniger Krieg

Das Haus meines Urgroßvaters im Herdweg ist bei dem Bombenangriff vom 12./13. September 1944 fast völlig zerstört worden. Die eindrucksvolle Gründerzeitvilla – Baujahr etwa 1903 – war bis zu diesem Angriff in unverändertem Zustand. Was für Werte wurden in diesem wahnsinnigen Krieg vernichtet! Prof. Dr. med. Friedrich Trefz, Reutlingen

Schlafen im Trainingsanzug

Ich bin 1938 geboren, aufgewachsen in Feuerbach mit meinen Eltern und meiner Schwester, die ein Jahr später geboren wurde. Bis Mai 1944 wohnten wir hier. Dann wurde unsere Wohnung evakuiert und wir (ohne Vater) nach Friedrichsruhe bei Öhringen gebracht. Dort waren wir bei einer Schneiderin einquartiert. An vieles während der Luftangriffe kann ich mich erinnern. Abends wurden die Fenster mit dunklen Tüchern abgedunkelt, damit kein Licht nach draußen kam. An den Geruch des Nebels kann ich mich ebenfalls noch erinnern, wenn es tagsüber Luftangriffe gab und die Stadt vom Rauch eingenebelt wurde. Nachts schliefen meine Schwester und ich in Trainingsanzügen. Wenn dann nachts Fliegeralarm war, trug uns unser Vater auf den Schultern zum Bunker, der sich in der Föhrichstraße 3 befand. Ingrid Käblein, Stuttgart

Nasse Windeln fürs Gesicht

Meine Erinnerungen an damals sind . . . dass eine Schwester meiner Mutter bei uns lebte (der Vater war im Krieg). Wir waren drei kleine Kinder. Ich, 1944 fünf Jahre alt und die Älteste, bekam einen kleinen Koffer und meine Puppe in die Hand gedrückt, meine Mutter nahm ein Kind mit Tasche, die Tante das andere, ich konnte alleine in den Luftschutzkeller gehen. Im Keller waren Zuber mit Wasser und man hatte Windeln, die dafür da waren, um nass aufs Gesicht zu halten. Ob das eigene Erinnerungen waren? Den Fliegeralarm aber spürte ich noch lang körperlich, wenn später Sirenenproben waren. Herta Keinz, Stuttgart

Unsere Stadt und unsere Jugend – ein Trümmerhaufen

1942 ist mein Vater in Russland gefallen. Ich erlebte Hitlerjugend und Judenhass; in der Nachbarschaft (Kalkreuthweg) war ein schönes Haus der Familie Josenhans, dann waren diese Leute weg, das Haus war leer, auf dem Schulweg zur Praggrundschule musste ich täglich an den Hallen der „Reichsgartenschau“ vorbei, wo die Juden eingesammelt wurden. „Die kommen in den Osten zum Arbeiten“, hieß es – das war für uns neunjährige Kinder ganz normal. Dann Untergang des „glorreichen Reiches“ nach dem „totalen Krieg“, dann endlich im Mai 1945 trauriges Ende einer 1000-jährigen Illusion. Unsere Stadt, ein einziger Trümmerhaufen. Unsere Jugend auch. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Die nachkommenden Generationen wissen davon nichts, für die ist es eben Historie. Walter Greiß, Worms

Dass die Juden verfolgt wurden, war kein Geheimnis

Im sogenannten Dritten Reich mussten die Buben vom 10. Lebensjahr an ins „Jungvolk , die untere Stufe der „Hitlerjugend“; dessen Mitglieder hießen „Pimpfe“. Wir mussten exerzieren und Sport treiben, es gab Schießübungen, Fahnenappelle, Geländespiele und Ausfahrten mit Zeltlager. Ich kam ins Fähnlein „Rotenwald“. Dienst war immer Mittwochnachmittags, und zwar im Heim des Fähnleins am Sportplatz im Vogelsang. Später – wohl erst 1943 – wurden wir auch zum Dachdecken nach Luftangriffen eingesetzt, so im steilen Abschnitt der Hornbergstraße in Gaisburg, oder zum Aufräumen in der Herweghstraße unterhalb der Treppe; hier wurden wir weggeschickt, als Tote aus dem Keller geborgen wurden. Dass die Juden verfolgt wurden, war kein Geheimnis; nichts wusste man aber von dem grauenhaften Geschehen in den Vernichtungslagern im Osten. Ein Vetter meines Vaters, Rechtsanwalt und Notar in Stuttgart, hatte eine jüdische Mutter; als im 1. Weltkrieg hochdekorierter Offizier wurde er jedoch nicht behelligt. Georg Holch, Gerlingen

Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften. Schreiben Sie uns unter: stuttgart1942@stzn.de 12 000 Bilder aus Stuttgart 1942 finden Sie unter:
www.stuttgarter-nachrichten.de/stuttgart-1942

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: