Satte 8,5 Prozent mehr müssen Eltern in Plochingen von September an für die Kinderbetreuung bezahlen. Wenn sie denn einen Kita-Platz bekommen haben. Den Ausbau des Betreuungsangebots legt die Stadt wegen Personalmangels indes auf Eis.
Was nutzen neue Kitas, wenn kein Personal dafür da ist? Die Stadt Plochingen will erst die Situation in den bestehenden Betreuungseinrichtungen stabilisieren, bevor sie weitere plant. Drei neue Gruppen sind aber von September an ohnehin am Start. Zum einen ist vorgesehen, dass der städtische Waldkindergarten zum nächsten Kindergartenjahr eine weitere Gruppe eröffnet. Zum Zweiten hat sich für die Stadt die Möglichkeit ergeben, in der Hermannstraße Räume zu mieten, in dem Gebäude, das derzeit aus dem Nachlass des verstorbenen Geschäftsmannes Günter Pfisterer gebaut wird. Geplant ist dort laut Bürgermeister Frank Buß eine zweigruppige Einrichtung mit einer Krippe für zehn Kinder unter drei Jahren und eine Ganztagesgruppe für 18 Kinder ab drei Jahren. Die Betriebserlaubnis sei beantragt – das erforderliche Personal habe man jedoch „noch nicht ganz zusammen“, räumt Buß ein.
Öffnungszeiten wegen fehlender Mitarbeiter eingeschränkt
Die Mitarbeiter sind ein Knackpunkt, wie die Stadt derzeit in ihrem Kinderhaus Bismarckstraße erlebt, das aufgrund von Personalengpässen seine Öffnungszeiten verkürzt hat. Die Eltern forderten von der Stadtverwaltung, dass sie flexibler und kreativer reagieren müsse. Kürzlich haben sich beide Seiten bei einem Gespräch ausgetauscht. Dabei seien viele, aber nicht alle Fragen beantwortet worden, sagt die Elternbeiratsvorsitzende Anne Broge. Die Eltern sähen zwar, dass die Stadtverwaltung sich bemühe, aber für viele sei die Lage dramatisch: Manche müssten wegen der verkürzten Kinderbetreuung ihre Arbeitszeit reduzieren oder gar die Stelle wechseln. Aber das Personal ist knapp und dass Baden-Württemberg bundesweit den höchsten Personalschlüssel in der Kinderbetreuung ansetze, mache die Sache nicht einfacher, merkte Buß kürzlich im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats an. Plochingen ist mit diesen Problemen tatsächlich nicht allein, auch in anderen Städten und Gemeinden haben Kitas ihre Zeitfenster verkleinert, so beispielsweise in Wernau. In Esslingen hat der Oberbürgermeister diesen Schritt angekündigt.
Mit ihren zusätzlichen Gruppen in der Hermannstraße und im Waldkindi kommt die Stadt Plochingen ab Herbst auf 718 Betreuungsplätze insgesamt, quer durch die verschiedenen Betreuungsformen. Dazu kommen gut 25 Plätze bei Tageseltern und ähnlich viele Kinder, die auswärts eine Kita besuchen. Unter dem Strich fehlen dann rechnerisch weiterhin mehr als 40 Plätze und damit zwei Gruppen. Für die kommenden Jahren sieht die Prognose ähnlich aus.
Neue Einrichtung erst, wenn Personal da ist
Trotzdem liegt die Idee, am Kindergarten Beethovenstraße ein weiteres Gebäude zu erstellen, vorerst auf Eis. Die Stadt hatte dazu eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen, allerdings bevor sich die Möglichkeiten im Pfisterer-Haus auftaten. Die bringen nun etwas Entspannung, zudem müsse der Kindergarten St. Konrad saniert werden und man überlege, ob sich dort weitere Möglichkeiten böten, so Buß. Sobald das Kinderhaus Bismarckstraße personell wieder voll besetzt ist, könnten dort ebenfalls weitere Kinder aufgenommen werden. Der Bau einer neuen Einrichtung soll also zunächst zurückstehen. Ihre Fraktion werde dem jedenfalls erst zustimmen, wenn genug Personal da sei, sagte Bettina Straub (CDU).
Stadt folgt der Empfehlung der kommunalen Spitzenverbände
Bei drei Enthaltungen beschloss der Verwaltungsausschuss indes die Erhöhung der Elternbeiträge in den Plochinger Kindertageseinrichtungen. Sie steigen ab September um 8,5 Prozent, womit die Stadt der Empfehlung der kommunalen Spitzenverbände folgt. Das sei tatsächlich ein etwas größerer Sprung als sonst, räumte der Ordnungsamtsleiter Uwe Bürk ein, was daran liege, dass man während der Coronalage nur moderat erhöht habe. Die Kosten seien trotzdem kräftig gestiegen.
Hohe Anforderungen im Südwesten
Personalschlüssel
Baden-Württemberg hat nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2021 den höchsten Betreuungsschlüssel bundesweit umgesetzt: Bei Kindern unter drei Jahren ist im Schnitt eine Fachkraft für 2,9 Kinder verantwortlich (bundesweit: 4,1). Bei den Drei- bis Sechsjährigen liegt die Zahl bei einer Fachkraft auf 6,5 Kindern (bundesweit 8,4). Nach derselben Erhebung fehlen in Baden-Württemberg knapp 30 000 Fachkräfte im Kita-Bereich.
Sonderlösung
Bereits im laufenden Kindergartenjahr durften unter bestimmten Bedingungen zwei Kinder mehr als vorgeschrieben pro Gruppe aufgenommen werden. Derzeit bereitet das Kultusministerium eine „Öffnungsklausel“ vor, mit der im Notfall vom vorgegebenen Standard für Fachkräfte abgewichen werden kann. Damit könnten Freiwilligendienstleistende, Hauswirtschafts- oder Verwaltungskräfte die Erzieherinnen entlasten. Eine generelle Freigabe soll es aber nicht geben, vielmehr müssten vor Ort mit allen Beteiligten Lösungen erarbeitet und dann beim Landesjugendamt beantragt werden. Der Vorschlag könnte im Herbst dieses Jahres verabschiedet werden.