Fiese Flötentöne: Tobias Metz (hinten) als Musikmarschierer mit Stjepan Markovic (vorne links) und Sascha Bufe. Foto: Daniela Aldinger Quelle: Unbekannt

Von Petra Bail

Esslingen - „Fantastomatisch“ sagt Bartholomäus immer dann, wenn ihm etwas gut gefällt. Und das sagen wir jetzt auch über die Inszenierung von Maul Maars „Kikerikiste“. Der junge Regisseur Jakob Weiss lässt an der Esslinger Jungen WLB keine Staubspur an dem mehr als 40 Jahre alten Kinderstück-Klassiker. Nach der temporeichen „Kurzhosengang“ im vergangenen Jahr inszeniert Weiss „Kikerikiste“ als schnelle, moderne Clownerie ab sechs Jahren, die auch dem reiferen Begleitpersonal pures Vergnügen bereitet und dabei noch eine schöne Botschaft in beunruhigenden Zeiten bereithält. Wahre Freundschaft verkraftet auch mal Zoff, und wenn man am Ende zusammenhält, kann eigentlich gar nichts passieren. Im Studio am Blarerplatz gab’s sogar Zwischenapplaus für die spiel- und einsatzfreudigen Schauspieler, die keinen Schweißtropfen scheuten.

Quietschbunte Bühne

Das quietschbunte Bühnenbild erinnert an die Farbfeldmalereien von Piet Mondrian. Kümmel (Sascha Bufe) und Bartholomäus (Stjepan Markovic) hausen in zwei großen Kisten, die wie genmanipulierte Zauberwürfel aussehen. Sie tragen farbenfrohe Anzüge mit Pixelgrafik-Print, der Hahn kräht computergesteuert aus der Retorte, und die Zuschauer sehen, welche Hygienemaßnahmen man mit einer elektrischen Zahnbürste durchführen kann: Schuhe putzen, Haare kämmen und die Beißerchen reinigen - und zwar in der Reihenfolge.

Bartholomäus und Kümmel sind Freunde und führen ein saugutes Leben. Sie spielen, tollen herum, machen Blödsinn - und zanken sich. Kümmel ist ein bisschen unbedarfter, weswegen ihn der kesse Bartholomäus gern verschaukelt. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, droht Kümmel dann beleidigt und ärgert Bartholomäus, indem er das S in dessen Namen weglässt. „Bartholomäu“ muss zur Strafe die Kiste putzen, die er zuvor angespuckt hat und ein Lied singen, obwohl er gar nicht singen kann. Sie spielen Automatikbrunnen, spucken sich gegenseitig mit Wasser an und kloppen sich mit Gummihühnern. Die Gags leben in bester Slapstickmanier durch körperbetonten Einsatz der Akteure, der wortlos komisch ist. Das Nachwuchspublikum kreischt vor Vergnügen, wenn eine der beiden großen Kisten ein Ei legt und eine zauberwürfelkleine Minikiste zum Vorschein kommt.

Doch wie überall gibt es auch hier Störer, die Missgunst und Zwietracht streuen, um ihre eigenen miesen Ziele zu verwirklichen. In diesem Fall ist es der Musikmarschierer (Tobias Metz), der in dem Moment dazwischengrätscht, als sich die beiden Jungs mal wieder ordentlich in die Wolle kriegen. Ihm gefallen die Kisten, und er überlegt sich eine perfide Strategie, um an die Objekte seiner Begierde zu kommen. Der Mann mit dem stilisierten Irokesenschnitt manipuliert die Freunde, indem er ihre Eitelkeit bedient und ihre Arglosigkeit schamlos ausnutzt. Er fraternisiert zum Schein, verspricht jedem, ihn zum Obermarschierer zu machen, wenn er den Freund verrät. Weil die beiden wütend aufeinander sind, klappt der fiese Plan, und der Musikmarschierer kommt in den Besitz der zauberhaften Kisten. Er drillt die Jungs, lässt sie im zackigen Ton marschieren. Da kommen böse Ahnungen auf.

Die Erkenntnis stellt sich spät ein: „Er ist gar kein Freund“, dämmert es Kümmel, und Bartholomäus weiß, dass alles so gekommen ist, „weil wir nicht zusammengehalten haben. Wir sind selber schuld.“ Die Kisten sind sie los, aber da ist noch das Kisten-Ei. Kümmel brütet es aus: „Die Kiste ist erwachsen geworden“, genau wie die Jungs, die ihre erste Erfahrung mit dem Bösen in der Welt gemacht haben.

Mit diesem Stück um Zusammenhalt geht die Junge WLB auf Tour durchs Ländle, in die Grundschulen kleiner Kommunen. Ein Theaterworkshop ergänzt dort die Vorstellung (wir berichteten).

In Esslingen sind vorerst keine weiteren öffentlichen Vorstellungen geplant.

Informationen und Buchung für Schulen unter Tel. 0711/3512 3015.

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