Bundesweit kamen 2019 jeden Tag zwei bis drei Radfahrer oder Fußgänger im Straßenverkehr ums Leben. (Symbolbild) Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Hunderte Fußgänger und Radfahrer verunglücken jeden Tag in Deutschland. Oft tragen geparkte Autos und plötzlich aufgerissene Wagentüren zu Unfällen bei. Ein Crashtest zeigt, welche drastischen Folgen „Dooring“ haben kann.

Münster - Der junge Mann ist in eher gemütlichem Tempo auf dem abgetrennten Radstreifen unterwegs, 14 Kilometer pro Stunde. Urplötzlich öffnet rechts von ihm ein Autofahrer die Wagentür. Eine Sekunde - oder vier Meter - bleiben dem Radfahrer, um zu bremsen. Viel zu wenig. Er kollidiert mit der Tür, sein Hals trifft auf die obere Wagentürecke, er stürzt zu Boden, bleibt auf der Fahrbahn liegen. Im realen Alltag wären es wohl zu gravierenden Folgen für den Radler gekommen, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Nicht selten gehe es bei solchen „Dooring“-Unfällen tödlich aus. Das „Unfallopfer“ am Dienstag in Münster ist nur ein Dummy auf einer Crashtestanlage. Experten wollen aufrütteln.

Das „Dooring“-Phänomen sei unterschätzt und bisher kaum erforscht betont Brockmann. Das gelte auch generell für die Rolle, die parkende Autos in negativer Weise für die schwächsten Verkehrsteilnehmer spielten: Fast jeder fünfte Verkehrsunfall eines Fußgängers oder Radfahrers in Deutschland (18 Prozent) hänge mit - meistens legal, seltener ordnungswidrig - geparkten Autos zusammen. Innerstädtisch sei das Problem größer als auf dem Land.

Fatale Folgen für Radfahrer

Zentrale Zahlen: Bundesweit kamen 2019 jeden Tag zwei bis drei Radfahrer oder Fußgänger im Straßenverkehr ums Leben, 60 wurden tagtäglich schwer und 260 leicht verletzt. Insgesamt verunglückten im vergangenen Jahr 117 528 Menschen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs waren. Gut jeder zweite Unfall zwischen einem Radfahrer und einem Auto, der mit Parken im Zusammenhang stehe, sei ein „Dooring“-Vorfall, warnt der Experte vom UDV, die zum Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gehört.

Folgen eines solchen Unfalls können Schürfwunden, Knochenbrüche, Prellungen und noch deutlich Schlimmeres sein. Bei weiteren Tests sei der Dummy auch zwischen Tür und Wagen eingeklemmt worden, berichtet Ralf Bührmann, Versuchsleiter von Crashtest-Servive. Glimpflich ging es jedenfalls auf seiner Anlage bisher nicht aus. Ergebnis auch: Tritt ein Biker mit der durchschnittlichen Radfahr-Geschwindigkeit von knapp 20 km/h in die Pedale, bräuchte er elf Meter Distanz zum Fahrzeug, um rechtzeitig bremsen zu können und einer Kollision zu entgehen. Die sind aber im Realverkehr selten vorhanden. „Der Radfahrer kann an diesem Schicksal fast nichts ändern“, stellt auch Brockmann zum „Dooring“ fest.

Weniger Parkplätze am Straßenrand erlauben

Für Fußgänger sind der Studie zufolge sichtversperrend geparkte Autos beim Überqueren einer Straße das Problem. Und das werde in einer alternden Gesellschaft, in der zunehmend viele Menschen „nicht mehr so gut zu Fuß sind“, noch wachsen, prognostiziert Brockmann. Mehr Querungsmöglichkeiten müssten geschaffen werden - etwa Mittelinseln zum kurzen Verweilen, besser noch Zebrastreifen oder Ampeln.

Und vor allem bei Straßeneinbiegungen sollten Kommunen für eine verbesserte Sicht vor und nach den Zufahrten weniger Parkplätze am Straßenrand erlauben, rät der UDV-Fachmann. Das berge allerdings Konfliktpotenzial: „Über nichts wird so heftig gestritten wie über Parkplätze.“ Uneinsichtigen Parksündern, die ihre Autos besonders sichtblockierend an Straßenecken abstellten, sei mit häufigerem Abschleppen oder Pollern beizukommen.

Dringender Handlungsbedarf

Beim „Dooring“ sieht die Studie dringend Handlungsbedarf. Die am wenigsten einschneidende Maßnahme wäre nach UDV-Einschätzung: Den Autofahrer sensibilisieren, vor jedem Türöffnen in den Rückspiegel zu schauen und sich in einer 160-Grad-Drehung zu versichern, dass kein Radfahrer naht. Zudem sei mehr Abstand zwischen dem Radstreifen auf der Fahrbahn und dem Parkstreifen nötig. Das sei von großer Bedeutung, weil der Radverkehr immer häufiger auf die Fahrbahn verlegt werde und dort ein höheres Tempo herrsche, erläutert Brockmann.

Nach Berechnungen würden Radler bei einem 70 Zentimeter-Abstand zum Parkstreifen nicht mehr von einer unvermittelt geöffneten Tür erfasst. Und wenn die Fahrbahn dafür zu eng ist? „Dann müssen die parkenden Fahrzeuge weg.“ Moderne Wagen bräuchten ein Notbremssystem, um Fußgänger zu schützen, empfiehlt Brockmann. Es sei auch „kein Hexenwerk“, eine Sensorik so auszugestalten, dass eine Autotür bei herannahendem Radfahrer und Warnton einen Augenblick blockiert werde. Aber: „Hersteller mögen die Idee nicht, weil sie Autofahrer für einen kurzen Moment einsperren würden.“

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