Küken spielen Violine. Ein Fuchs lüftet höflich den Hut. Osterhasen waschen Wäsche. Auf Sammlerobjekten von Jürgen Pintscher aus Esslingen wird Ostern sehr fantasievoll interpretiert. Auf seinen Ausschneidebögen herrscht aber immer heile Welt.
Vorsicht! Jeder Schritt ist ein Risiko. Stets besteht die Gefahr, durch eine unbedachte Bewegung ein Sammlerobjekt zu beschädigen. Denn in der Wohnung von Jürgen Pintscher in Esslingen-Mettingen stehen, hängen, liegen und drehen sich überall österliche Dekoartikel. Am besten ist es, sich ruhig an den Küchentisch zu setzen. Dort gibt es Ostern mal ganz anders. Ausschneide- und Modellbaubögen aus seiner umfangreichen Sammlung hat der 73-Jährige auf die Tischplatte gelegt.
Dicht an dicht sind auf dickem Papier österliche Motive abgedruckt. Da gibt es die Klassiker – Osterhasen beim Bemalen, beim Transport oder beim Verstecken von Eiern. Doch es gibt auch exotischere Varianten: Eine Osterhäsin wäscht in einem riesigen Trog schmutzige Kleidungsstücke. Ein Küken spielt mit verzückter Miene Violine. Ein kleines Huhn reißt den Schnabel weit zum Singen auf, und zwei Osterhasen rasen auf einer roten Vespa in rasantem Tempo dahin. Der Zusammenhang zwischen tierischen Akteuren, gezeigter Tätigkeit und österlichem Brauchtum ist nicht immer klar erkennbar. Doch die Darstellungen sind bunt, dynamisch, malerisch, fantasievoll. „Auf jedem Bild herrscht heile Welt“, sagt Pintscher.
Eine ruhige Hand ist besser
Doch für die Nutzer der Ausschneidebögen kann die Welt schnell in Unordnung geraten. Denn die Motive sind teilweise sehr eng aneinander auf die Papiervorlage gedruckt, Einzelheiten wie Pflanzenblätter oder gehaltene Gegenstände sind filigran ausgearbeitet und Details wie der Geigenbogen des Kükens sind sehr schmal. Wohl dem, der da beim Ausschneiden eine ruhige, sichere Hand hat. Ein falscher Schnitt, und das Bild ist für alle Zeiten verhunzt. Das aber wäre schade. Die Darstellungen sollen doch ausgeschnitten und dann durch Umknicken eines weißen Papierstreifens am unteren Ende aufgestellt werden. Zur Erbauung, als Bastelei, als Hobby und zum Zeitvertreib mit spielerisch-lehrhaftem Charakter für Kinder seien solche Ausschneidebögen in früheren Zeiten besonders beliebt gewesen, sagt Jürgen Pintscher.
Heute verbreiten sie vor allem noch einen Hauch verträumter Nostalgie. Auch ein nicht-österlicher Bogen hat sich in die Sammlung verirrt. Ein Mädchen ist da zu sehen. Um sie herum sind Röcke, Kleider, Hauben und Schuhe drapiert. Diese Kleidungsstücke mussten ausgeschnitten werden, konnten dann mit Hilfe kleiner, weißer, umklappbarer Papierlaschen an dem Mädchen befestigt werden und so für verschiedene Outfits sorgen. Modischer Geschmack, kleidsame Kombinationsmöglichkeiten, das eigene und das spätere Einkleiden von Kindern wurden so spielerisch schon in jungen Jahren trainiert. Nutzer solcher Ausschneidebögen konnten sich aber auch gleich in Geduld üben: Denn die Papierlaschen erwiesen sich bei manchen Einkleideversuchen als wenig haltbar und rutschten immer wieder herunter.
Doch Jürgen Pintscher hat einen Weg für mehr Stabilität und Haltbarkeit gefunden. Der gebürtige Darmstädter hat eine „Osterkrippe“ gebastelt. Die große Landschaftsszenerie auf einem seiner Bögen mit grüner Wiese, Frühlingsblumen und einem Osterhasen hat er in drei Teile zerschnitten, jedes dieser Einzelstücke auf eine hölzerne Unterlage geklebt und sie mit Scharnieren miteinander verbunden. So kann die idealisierte Osterlandschaft aufgestellt werden. Ergänzend dazu hat Jürgen Pintscher Menschen, einen Osterhasen und einen Korb mit bunten Eiern von anderen Bögen ausgeschnitten, einzeln auf eine passgenau angefertigte Spannholzunterlage geklebt und sie in einen Standfuß mit Schlitz gesteckt. Sie können nun wie bei weihnachtlichen Krippen vor der Landschaftsszenerie aufgestellt werden.
Auch damit holt sich Jürgen Pintscher ein Stück Jugenderinnerung zurück. Der gelernte Dekorateur ist aufgrund schwieriger familiärer Verhältnisse in einem Kinderheim aufgewachsen. Dennoch verbindet er mit den klassischen Familienfesten wie Ostern oder Weihnachten Positives. Auch im Kinderheim wurden die Feiertage festlich begangen – und Geschenke gab es ebenfalls. Diese guten Gefühle wollte er ins Erwachsenenalter hin-überretten. Darum sammelt Jürgen Pintscher seit Jahrzehnten österliche und weihnachtliche Dekoartikel. Mit den Ausschneidebögen hat er innerhalb seiner eigenen Sammlung eine Nische entdeckt. Sein persönlicher Favorit ist eine Darstellung, auf der Osterbräuche gezeigt werden. Eine Gruppe Jugendlicher zieht da mit Klingeln, Trommeln und anderen Instrumenten durch eine mit Schnee bedeckte Landschaft. Der Winter sollte so vertrieben werden, bevor er durch den Klimawandel eher zu einer Randerscheinung wurde.
Tradition gibt es auf den Bögen eben auch. Und sehr weit ausgelegte Interpretationen von Ostern: Ein Zwerg spielt da Gitarre. Ein Bär hebt grüßend die Hand. Ein Fuchs lüftet höflich den Hut, und ein Osterhase mit einem Rucksack voller Eier tritt angestrengt in die Fahrradpedale.
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