Dörfliche Idylle: Das Wäsemle am Hainbach ist Treffpunkt und Festplatz. Foto: Peter Stotz

Das einstige kleine Bauerndorf hat sich zum zweitgrößten Stadtteil Esslingens gewandelt. Heutzutage präsentiert sich der Stadtteil als spannungsreicher und vielfältiger Ort mit vielen Facetten.

Östlich an die Esslinger Innenstadt schließt sich Oberesslingen an. Esslingens mit 13 000 Einwohnern zweitgrößter Stadtteil blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück. Erste Siedlungsspuren stammen aus der Jungsteinzeit. Kelten siedelten dort, aus römischer Zeit ist eine Villa rustica nachgewiesen, drei alemannische Gräberfelder sind bekannt. Die erste schriftliche Erwähnung des Orts stammt aus dem Jahr 1208. In einer Urkunde vermachte Maria Irene, die Witwe König Philipps von Schwaben, dem Kloster Adelberg einen Hof „in superiori Ezelingen“ – oberhalb von Esslingen gelegen – mit allen Rechten.

In Auseinandersetzungen zwischen Esslingen und Württemberg verstrickt

Über Jahrhunderte blieb Oberesslingen ein kleines Bauerndorf am Hainbach, das nach und nach in württembergischen Besitz überging. Die Nähe zur Reichsstadt Esslingen war nicht nur vorteilhaft. In den Jahren 1449 und 1519 brannten die Esslinger den Ort im Zuge von Auseinandersetzungen mit Württemberg nieder. Neben Kriegen und Krankheiten sorgten der Hainbach, der Zimmerbach und der Neckar mit Hochwasser und Überschwemmungen regelmäßig dafür, dass Oberesslingen über die Jahrhunderte kaum wuchs. Im Jahr 1602 wiesen die Kirchenbücher für Oberesslingen mit Hegensberg und dem Oberhof 350 Einwohner aus, im Jahr 1845 wurden 870 Menschen gezählt. Die Oberamtsbeschreibung aus diesem Jahr schwärmt, der Ort habe „eine ungemein freundliche, mild romantische Lage“ und produziere den „unstreitig besten“ Most.

Mit der Industrialisierung kam die Wende zur Moderne. 1846 wurde Oberesslingen an die Eisenbahn angeschlossen, große Unternehmen wie die Pressenfabrik Fritz Müller oder Delmag siedelten sich an. Der Ort wuchs schnell, ab 1912 wurde zur Linderung der Wohnungsnot mit dem Bau der Siedlung Gartenstadt am östlichen Ortsrand begonnen. Der Strukturwandel brachte den Ort an seine Grenzen, im Jahr 1912 war Oberesslingen so verschuldet, dass der Bürgermeister Georg Deuschle den Esslinger Rat um den Anschluss an die Stadt bat. Die Esslinger waren nur begrenzt erfreut und stimmten mit nur hauchdünner Mehrheit für die Aufnahme des verarmten Nachbarn. Im April 1913 trat die Vereinigung formell in Kraft.

Das alte Dorf ist nur noch an wenigen Stellen erkennbar

Das alte Dorf ist heutzutage nur noch an wenigen Stellen nachzuvollziehen. Viele Siedlungsstrukturen und Zeugnisse der Vergangenheit, die großen Höfe des Spätmittelalters ebenso wie die kleinen Bauernhäuser der frühen Neuzeit sind spurlos verschwunden. Das barockzeitliche Schulhaus, die Ziegelei, die Lammbrauerei, viele Wirtshäuser und Läden sind dem Siedlungsdruck, der Verkehrsentwicklung, kommerziellen Interessen oder strukturellen Veränderungen zum Opfer gefallen. Sogar der Adelberger Hof, an der Kreuzung Hindenburgstraße/Kreuzstraße gelegen und ein Kernstück des historischen Erbes, wurde 1967 abgebrochen. Die moderne Stadtentwicklung hat indes vieles in ein besseres Licht gerückt. So wurde das Wäsemle, der Dorfplatz beim Hainbach im historischen Ortskern, ansehnlich aufgewertet, und der Bach mäandert wieder durch ein Wohnquartier, das seinen dörflichen Charakter zurückerhalten hat.

Zwei große, baumbestandene Grünflächen, der Diakonissengarten und der Lammgarten, bieten Erholung mitten im Stadtteil, urbane Wohnquartiere wechseln sich mit ruhigen, grünen Vierteln ab. „Es ist sehr vielfältig und spannend bei uns, städtisch und dörflich gleichzeitig, wir sind nahe an der Innenstadt und doch draußen. Wir haben viele Facetten, Streuobstwiesen und Naherholung fast vor der Haustür, ebenso Gewerbe und sehr viel Verkehr“, sagt Heike Horlacher, die Vorsitzende des Bürgerausschusses.

Blitzer bremst den Verkehr ab

Die starke Verkehrsbelastung treibt die Oberesslinger bereits seit Jahrzehnten um. So ist zwar die Hindenburgstraße auf ihrer gesamten Länge zwischen der Oberesslinger Mitte und dem Esslinger Altstadtring als Fahrradstraße ausgewiesen. „Aber wir haben nach wie vor das Sorgenkind Schorndorfer Straße“, sagt Horlacher. Diese Hauptverkehrsachse zwischen dem Schurwald und dem Neckartal ist eine der am stärksten befahrenen Straßen Esslingens. Täglich rollen dort bis zu 27 000 Fahrzeuge durch, darunter etwa 600 Lastwagen. Zwar ist die Geschwindigkeit mittlerweile reduziert, ein Blitzer bremst den Verkehr etwas ab, für Radler sind Schutzstreifen eingerichtet worden. „Aber die Belastung ist immer noch problematisch“, findet Horlacher.

Über Lösungen wird seit Jahrzehnten debattiert. So war der Bau einer Aufstiegsstraße zum Schurwald durch das Streuobstwiesengebiet Rosselen im Gespräch. Dadurch wäre jedoch ein Naherholungsgebiet zerstört worden, die Idee wurde verworfen. „Die Alternative kann nur ein Tunnel sein. Das muss angegangen werden, auch wenn es viel Geld kostet“, sagt Heike Horlacher.

Bürgerschaftliches Engagement gilt als vorbildhaft

Allerdings gebe es auch viele gute Entwicklungen im Stadtteil und vieles, was ihn lebenswert macht. Das Vereinsleben und das bürgerschaftliche Engagement seien beispielhaft. „Wir haben unser Wäsemlesfest auf neue Beine gestellt. Alle Vereine und Organisationen sind am Start und engagieren sich. Am 16. September feiern wir wieder in alter Tradition gemeinsam“, so Horlacher.

Rund um die Serie

Motto
 Die Stadtteil- und Kreisserie der Eßlinger Zeitung steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des Landkreisjubiläums. Der Landkreis wird 50 Jahre alt.

Inhalte
 Die Serie beleuchtet, wie sich die jeweiligen Orte in den vergangenen 50 Jahren entwickelt haben. Dabei wird sich zeigen, wie vielseitig die Kommunen im Kreis sind. Schon allein geografisch, da sich das Gebiet von den Fildern übers Neckartal bis hinauf auf den Schurwald erstreckt. Die Serie blickt nicht nur zurück auf die vergangenen fünf Jahrzehnte, sondern betrachtet auch die Gegenwart. Auch, dass jede Kommune mit eigenen Herausforderungen zu kämpfen hat, wird eine Rolle spielen.

Folgen
Die Serie wird bis zum 19. Juli erscheinen. Insgesamt gibt es 23 Teile, die mittwochs und freitags erscheinen.