Sichtbeton mit Holzstruktur und Kupferwaben: Der Bibliotheksneubau der Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnarsdóttir und Oei an der B 14. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Es ist eine der teuersten Baustellen der Stadt: Der Neubau für die Württembergische Landesbibliothek dauert fast fünf Jahre und wird nach mehreren Verzögerungen im Sommer eröffnet.

StuttgartEs ist ein weiterer Tiefpunkt in der Entstehungsgeschichte der neuen Württembergischen Landesbibliothek: Die Ausstellung zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin, dessen erhaltene Handschriften zu etwa 80 Prozent an der Konrad-Adenauer-Straße liegen, muss am 21. April doch im in die Jahre gekommenen Bestandsgebäude eröffnet werden. Geplant war, mit ihr das neue Gebäude der Architekten Lederer, Ragnarsdóttir und Oei zu feiern. Dessen Ausstellungsräume sind jetzt schon weit gehend fertig, aber der Rest des Neubaus noch nicht. „Die Ausstellungsmacher waren wirklich sehr unglücklich, als ich ihnen die Nachricht eröffnet habe“, sagt Bibliotheksdirektor Rupert Schaab (57) beim ersten Rundgang mit einem Pressevertreter durch den Neubau. Es ist nicht die erste Verzögerung des Projekts.

Der lange Weg zum Neubau: Nach mehr als zehn Jahren Planungszeit richteten die Baufirmen die Baustelle gegenüber dem Landtag zwischen dem Hauptstaatsarchiv und dem Haus der Abgeordneten Anfang 2015 ein. Die Bauarbeiten begannen mit dem Abriss der Tiefgarage mit ihren 400 Parkplätzen. Hier tat sich das erste und letztlich auch größte Problem auf. Die Garage liegt teilweise unterhalb des Grundwasserspiegels, sodass für den Bau der neuen Garage (275 Parkplätze) ein gemeinsames Grundwassermanagement mit Stuttgart 21 und dem unterirdischen Bürger- und Medienzentrum des Landtags (2017 fertiggestellt) nötig wurde. „Wir durften nicht Grundwasser abpumpen, wann wir wollten und auch nicht immer, so viel wir wollten“, erklärt Projektleiter Nikolaus Maier (61) vom Landesamt für Vermögen und Bau. Auch die Bauweise habe geändert werden müssen. Dass die Gründung des 24,5 Meter hohen, 50 Meter breiten und 36 Meter tiefen Gebäudes wegen des Mineralwasservorkommens schwierig würde, war zwar absehbar, aber trotzdem aufwendig.

Sachverhalte, die von anderen Baustellen bekannt sind, brachten ebenfalls Verzug: Das Bauamt tut sich in Zeiten starker Baukonjunktur schwer, freie Stellen für die Planung nachzubesetzen; die beauftragten Baufirmen nehmen so viele Aufträge an, dass sie nicht immer pünktlich einsatzbereit sind. Die Fertigstellung des Gebäudes mit 250 Arbeitsplätzen für Besucher wurde mehrfach verschoben: von Anfang 2018 auf Anfang 2019, auf Anfang 2020 und auf Mitte dieses Jahres.

Das aktuelle Problem: Wobei dann auch nicht alles steht, räumt Rupert Schaab ein: „Wir werden die Bibliothek in Betrieb nehmen, bevor die Außenanlagen fertig sind.“ Das Problem dort: Unter dem großen Vorplatz befindet sich ein 12 000 Quadratmeter großes Magazin für die mehr als fünf Millionen Bücher der größten Bibliothek des Landes. Dessen Wärmeabdichtung zur Oberfläche hin hat an mehreren Stellen Schäden offenbart, die derzeit genauer untersucht werden. „Das wirft uns erneut um mehr als ein halbes Jahr zurück“, sagt Schaab. Der Haupteingang über den Platz mit der neuen Freitreppe zur B 14 hin bleibt also auch nach der Eröffnung noch auf unbestimmte Zeit zu. Der Zugang wird zunächst nur von der künftigen Baumallee an der B 14 durch die Cafeteria möglich sein.

Die Kosten steigen: Kalkuliert war der Erweiterungsbau mit 48 Millionen Euro und mit einem Risikotopf mit vier Millionen. Da diese schon gebraucht werden, hat der Landtag den Risikotopf mit weiteren sechs Millionen aufgefüllt. „Die Baupreisentwicklung war wesentlich höher, als man das bei der Kalkulation 2013 angenommen hat“, sagt Projektchef Nikolaus Maier. Auch eine Folge der „überhitzten Baukonjunktur“, sagt Schaab.

Der Altbau wird noch teurer: Die Erweiterung ist nötig, weil das aktuelle Gebäude mitsamt seinem Außenmagazin in Fellbach schon lange aus allen Nähten zu platzen drohte. „Wir sind wirklich bis zum Rand voll“, sagte Schaabs Vorgänger und der „Vater“ des Projekts, der im Juni 2018 unerwartet verstorbene Hannsjörg Kowark, schon vor drei Jahren. Er ließ Tausende historische Zeitungsbände digitalisieren und entsorgen, um Platz zu schaffen. Die Digitalisierung geht auch unter Schaab weiter, der angesichts von Zehntausenden neuen Medien jährlich sagt: „Mit unserem Platz würden wir keine zwei Jahre mehr schaffen.“ 2018 entstand ein Plan für die Sanierung des denkmalgeschützten Altbaus mit seinem beeindruckenden Lesesaal, die in drei Abschnitten über die Bühne gehen soll. Der erste Plan kostete 5,4 Millionen Euro, der zweite ist im aktuellen Haushalt des Landes mit 50 Millionen eingeplant und der dritte ist noch nicht beziffert, wird laut Maier aber „mehr als 50 Prozent des zweiten“ kosten, also mehr als 25 Millionen Euro.

Zu viel Wasser, zu viel Asbest: Der erste Abschnitt ist bereits erledigt, nachdem ein asbesthaltiger Estrich im Untergeschoss herausgerissen und ersetzt wurde. Außerdem gehörten dazu Reparaturen an mehreren Stellen, wo Wasser ins Gebäude eindrang. Für den zweiten und dritten Abschnitt soll das Gebäude mit seinen 230 Arbeitsplätzen komplett geräumt werden. Dafür hat Schaab bereits ein Bürogebäude für einige der 180 Mitarbeiter (130 Stellen) in Stuttgart und ein weiteres Magazin in Korntal-Münchingen im Kreis Ludwigsburg angemietet. Dann muss der ebenfalls asbesthaltige Boden des riesigen Magazins saniert und die technischen Anlagen, vor allem die komplizierte Lüftungstechnik, erneuert werden.

Im dritten Abschnitt wird der Brandschutz etwa mit speziellen Türen verbessert, die beeindruckende Buchförderanlage aus dem Neubau in den Altbau fortgesetzt sowie Computerarbeitsplätze und Freihandregale eingerichtet. Waren bisher 60 000 Bücher frei zugänglich, werden es künftig einmal 650 000 sein. Vor Überraschungen werden die Bauherren bei der Sanierung ebenso wenig gefeit sein wie beim Neubau, sagt Rupert Schaab: „Bauen im Bestand birgt immer Risiken.“ Die neue Württembergische Landesbibliothek könnte am Ende also mehr als 140 Millionen Euro kosten.

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