Machen Mikroalgen dünn? "Nein", sagt Biologin Ulli Neumann. Trotzdem seien sie gesund. Quelle: Unbekannt

Bühne frei für die Wissenschaft. Beim Science Slam treten junge Raketenentwickler, Biologen oder Humangeografen an, um Otto Normalverbrauchern zu erklären, woran sie arbeiten.

EsslingenBeim Science Slam halten junge Wissenschaftler Fachvorträge. Klingt schrecklich öde, in Esslingen war der Saal dennoch gerammelt voll. Tiere gehen immer. Dies ist die erste Regel für alle, die ihr Publikum begeistern wollen. Philipp Gadow haben ein ganz kleines und ein sehr großes Tier besonders viele Sympathien eingebracht. Beim Science Slam hat er Paris Hiltons Chihuahua und einen Blauwal bemüht, um zu erklären, was es mit Protonen und Masse und dunkler Materie auf sich hat. Das klingt absurd und ist es auch, dabei ist Philipp Gadow ein ganz Seriöser. Der 29-Jährige befindet sich „im verflixten dritten Jahr“ seiner Promotion am Münchner Max-Planck-Institut für Physik und forscht nach neuen, bislang unbekannten Teilchen. „Das ist sehr trocken“, sagt er. Außer, man nimmt einen Hunde- statt eines Teilchenbeschleunigers, um dem Laien klarzumachen, was man so den ganzen Tag tut.

Bühne frei für die Wissenschaft. Beim Science Slam treten junge Raketenentwickler, Biologen oder Humangeografen an, um Otto Normalverbraucher zu erklären, woran sie arbeiten. In Esslingen gibt es die Veranstaltungsreihe seit 2012. Die 250 Karten für die elfte Ausgabe im Kulturzentrum Dieselstraße waren einmal mehr ratzeputz ausverkauft. Hauptsächlich Studenten schnappten sich an der Bar ein Bier und führten sich dann das abendfüllende Programm aus Fachvorträgen über die spezielle Relativitätstheorie oder die Quantenchromodynamik zu Gemüte. Eine Vorlesung nach der Vorlesung, ist das nicht etwas verrückt? „Es ist unterhaltend. Es ist so übertrieben, dass es wieder witzig ist“, erklärte die Maschinenbau-Studentin Luisa Jendrzok (21) aus Esslingen. „Man hat die Chance, etwas Neues zu lernen, aber auf unterhaltsame Art“, sagte Thomas Leitmann (45) aus Plochingen, ein alter Science-Slam-Hase. Die Regeln beim „Format der Wissenschaftskommunikation“, wie der Moderator Andreas Laurenz Maier das abgedrehte Abendseminar nannte, sind einfach. Jeder Teilnehmer hat zehn Minuten Zeit, um seine eigene Forschung vorzustellen. Mit welchen Hilfsmitteln auch immer. Der Mathematikerin Judith Alcock-Zeilinger, die in Kapstadt promoviert hat und jetzt als Postdoc an der Uni Tübingen arbeitet, taugten ein Bierglas und ein Pappdreieck, um „iagendwos mid Gruppn“ zu erklären. Bei Dr. rer. nat. Ulrike Neumann, die in Hohenheim in Ernährungswissenschaften promoviert hat, mussten auch lustige Katzenvideos herhalten, um den Nutzen von Mikroalgen zu erläutern. Florian Breitinger, der an der TU Berlin in Sachen fußläufige Mobilität älterer Menschen forscht, sicherte sich mit Comics und Politiker-Witzen die Lacher.

Das Publikum stimmte nach jeder Präsentation gruppenweise darüber ab, wie kurz- oder langweilig das Ganze war. So ehrlich muss man sein: Nicht jeder Zuhörer hat nach mehr als zweieinhalb Stunden als Genie die Dieselstraße verlassen. So redete sich etwa der Wissenschaftsjournalist Mario Rembold bei der Frage danach, ob und wie es klappen könnte – oder auch nicht –, mit den Theorien Einsteins sich selbst aus der Vergangenheit die Lottozahlen per SMS zuzuschicken, um Kopf und Kragen. Und auch was genau denn nun Permutationsgruppen oder Birdtracks sind, wird wohl vielen verborgen geblieben sein. Lustig war’s jedoch allemal, und darum geht es beim Science Slam: eine Brücke zwischen Wissenschaft und Unterhaltung zu schlagen.

Für den Esslinger Science-Slam-Sieger Philipp Gadow war es nicht sein erster Titel. Er hat bereits bei rund 20 derartigen Veranstaltungen mitgemacht und auch schon einige gewonnen. Aber ums Abräumen gehe es ihm gar nicht, sagte er. „Ich bin zufrieden, wenn ein paar Leute meine Forschung verstehen. Das ist mein Antrieb.“

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