Alles Humbug oder die Schwelle zu etwas ganz Neuem? Michael Nahm versucht, sich in einem Freiburger Institut dem Phänomen von Nahtoderfahrungen wissenschaftlich zu nähern.
Die Schauspielerin Sharon Stone erleidet 2001 einen Schlaganfall infolge einer Hirnblutung. Eine Woche liegt die damals 43-Jährige im Koma. Kein Arzt kann sagen, ob sie überleben wird. „Ich begann Freunde zu sehen, die mir sehr nahestanden“, erzählt sie danach euphorisch. „Mich erfüllte ein unglaubliches Gefühl des Wohlbefindens und der Nähe. Ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Tod. Er ist ein Geschenk und eine fantastische Sache.“
Dave Gahan kann seinem Schwellenerlebnis 1996 hingegen so gar nichts Schönes abgewinnen. Nach einer Überdosis Heroin ist der Sänger von Depeche Mode zwei Minuten lang klinisch tot. Während Sanitäter um sein Leben kämpfen, tritt der 34-Jährige aus seinem Körper: „Ich schwebte unter die Zimmerdecke und konnte beobachten, was da unten passierte. Ich habe weder Tunnel noch Licht gesehen. Und auch keinen Engel oder Gott. Ich habe einfach nur eine absolute, schwarze Unendlichkeit erlebt. Das fühlte sich unbeschreiblich falsch an.“
Nahtoderfahrungen, wie man solche Phänomene heute nennt, begleiten die Menschheit von früh an. Es gibt überlieferte Berichte, die mehr als 1000 Jahre alt sind. Kann es tatsächlich eine Übergangszone zwischen Leben und Tod geben, aus der manche wieder zurückkommen? Seit den 1970er Jahren versuchen Forscher, Nahtoderfahrungen und andere Phänomene in Todesnähe wissenschaftlich zu erfassen. Einer von ihnen ist der Biologe Michael Nahm, der am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) arbeitet. Das größtenteils über Mittel aus einer privaten Stiftung finanzierte Institut hat sich der interdisziplinären Erforschung von außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen verschrieben.
An der Schwelle des Todes
Medizinische Geräte mit Kabeln zur Messung von Gehirnströmen oder ein biochemisches Labor gehören jedoch nicht zu Nahms Arbeitsausrüstung. Sein Arbeitsplatz ist ein gewöhnliches Büro mit Schreibtisch und Regalen voller Bücher. Der 53-Jährige macht Umfragen, sammelt Berichte, ordnet sie in Zusammenhänge ein, wertet schließlich aus. Und er versucht, sich immer wieder aufs Neue einen Reim darauf zu machen, was diese Erfahrungen von Menschen bedeuten, die an der Schwelle des Todes standen, sie aber nicht endgültig überschritten. Was da passiert, ist auch für Nahm ein Rätsel. Und wird vielleicht immer eines bleiben.
An naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen fehlt es nicht. Sauerstoffmangel im Gehirn sehen Neurowissenschaftler als Auslöser für die Erfahrungen. In den letzten Jahren erregten mehrere Studien anderweitig Aufmerksamkeit: Bei Menschen, die im Sterben lagen, wurde mittels eines Elektroenzephalogramms die Gehirnaktivität gemessen. Bei einigen von ihnen stellte man nach dem Herzstillstand einen unerwarteten Anstieg der Gehirnaktivität fest, die einige Sekunden bis wenige Minuten anhielt. Bäumt sich im Sterbeprozess das Gehirn also noch einmal auf – als eine Art finales Feuerwerk? Für Nahm erklären derartige Gehirnaktivitäten das große Rätsel aber längst nicht, so interessant sie für sich genommen auch sein mögen. Er ist überzeugt, dass es noch viel zu entdecken gibt, das darüber hinaus geht.
Michael Nahm wächst im rheinland-pfälzischen Ingelheim auf. Schon als Jugendlicher ist er fasziniert von der Natur und ihren Geheimnissen. Sein Lehrer im Biologie-Leistungskurs erweitert den Horizont des Schülers, indem er den Blick auf ungelöste Dinge lenkt. Er bringt Kant und Schopenhauer ins Spiel. Was ist, wenn die Wirklichkeit ganz anders beschaffen ist, als wir sie in unserem Alltag wahrnehmen? „Dass solche philosophischen Kernfragen in der Biologie mitbeleuchtet wurden, fand ich damals wahnsinnig spannend“, sagt Nahm.
Was ist Bewusstsein, und wie kommt es zustande? Die Frage lässt ihn nicht los. Zunächst studiert Nahm Zoologie, Botanik, Genetik und Paläontologie. Danach absolviert er in Freiburg eine Ausbildung zum Lehrer für Alexander-Technik, einer Körpertherapie. Zusätzlich arbeitet er in der Forstwissenschaft, promoviert in diesem Bereich und entwickelt zuletzt Konzepte zum nachhaltigen Anbau von Bäumen in der Landwirtschaft. Nebenher beschäftigt er sich aber immer auch mit den Mysterien im Reich der Biologie. „Dabei stößt man zwangsläufig auf grenzwissenschaftliche Bereiche und die Parapsychologie“, sagt er. Es ist mittlerweile sein hauptberufliches Arbeitsfeld geworden.
„Terminale Geistesklarheit“
Dabei stößt er letztlich auf Erlebnisse, die Menschen in Todesnähe machen. Viele hielten die Erforschung dieser Phänomene für pseudowissenschaftlich oder für ein Tabu, sagt Michael Nahm. Er bedauert das: „Es gibt hier spannende Dinge, die von seriösen Wissenschaftlern untersucht und natürlich auch kritisch hinterfragt werden.“
Er selbst veröffentlicht 2012 eine Studie mit sogenannten Phänomenen in Todesnähe. Darunter auch Fälle von „terminaler Geistesklarheit“: Menschen, die unter getrübten Bewusstseinszuständen leiden oder gar jahrelang im Koma liegen, werden plötzlich wieder wach und klar. Kurz vor ihrem Tod geschieht, was eigentlich nicht geschehen dürfte – selbst wenn das Gehirn irreparabel geschädigt ist. „Eine alte Frau hatte seit 15 Jahren Alzheimer und war seit fünf Jahren komplett umnachtet“, berichtet Nahm. „Eines Tages richtet sie sich im Bett auf, erkennt beide Töchter, beginnt zu reden, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden von Angehörigen, als wäre nie etwas gewesen.“ Nach ein, zwei Stunden unverhoffter Klarheit trübt sich ihr Geisteszustand wieder ein. In der Nacht darauf stirbt sie. Wie sind solche hellen letzten Momente bei Patienten im Endstadium einer Krankheit erklärbar? Dies sei bislang völlig ungeklärt, meint Nahm.
Sein Forschungsgebiet umfasst auch außerkörperliche Wahrnehmungen. Paradebeispiel: der Bergsteiger Guido Lammer, bekannt als „der Fessellose“. Er verunglückte 1887 mit einem Begleiter in der Westwand des Matterhorns und stürzte 200 Meter in die Tiefe. Danach berichtete er episch darüber: „Der da hindurchgepresst wurde durch die enge Rinne, der da auf den weichen Körper des Gefährten geschleudert, dann durch den Zug des Seiles wieder rasend hinausgerissen wurde in die freie Luft, es war ein Fremder, mein Ich schwebte über dem ganzen Geschehen als ruhevoller, neugieriger Zuschauer wie im Zirkus. Und dabei jagte eine Sturzflut von Erinnerungen durch mein Gehirn: meine Kindheit, meine Heimat, meine Mutter, die elastisch abprallenden Kugeln auf dem Billard. Währenddessen zugleich immer das sachliche Berechnen, dass wir noch so und so viel Höhe zu durchmessen haben, um dann sicher tot unten liegen zu bleiben. Ohne Schrei, Aufregung, Trauer. Ganz erlöst von der Kette des Ichs! Jahre verrannen bei dem Sturze, Jahrhunderte. Da wurde das wasserfallgleiche Brausen der Lawine leiser, ich öffnete die Augen, und grenzenloses Staunen kam über mich. Keine Freude, kein Dank, keine Reue. Alsbald spannte mich das Leben von neuem in sein Joch. Ich saß auf der Spitze eines hohen Kegels von Schneeklumpen und Steinklötzen – einsam in diesem furchtbaren Kessel der Einsamkeit.“
Nahm machte als junger Mann selbst eine Grenzerfahrung
Michael Nahm fordert von der Wissenschaft, solche Grenzerfahrungen ernst zu nehmen und sie nicht als Halluzinationen abzuwerten. Immerhin hätten in den vergangenen Jahren Nahtoderfahrungen auch Eingang in das am Mainstream orientierte medizinisch-psychologische Forschungsmilieu gefunden. So würden in Kliniken Patienten nach Operationen zunehmend auch auf mögliche irritierende Erlebnisse angesprochen. „Es geht darum, die Scheu abzulegen“, sagt Nahm, der mit Anfang 20 selbst eine Grenzerfahrung gemacht hat: Eines Nachts wacht er auf. Im Zimmer herrscht eine merkwürdige Stimmung. Da tritt er aus seinem Körper und fliegt durch das Fenster über die Dächer von Bingen, ehe er nach gefühlt mehreren Minuten wieder zurück ins Zimmer und in seinen Körper kehrt. „Es war unglaublich realistisch, ich war extrem euphorisiert.“
Jüngst veröffentlichte Michael Nahm, der sich in der Freizeit für den Schutz von Greifvögeln und Eulen engagiert, zusammen mit dem britischen Biologen Rupert Sheldrake eine Fallsammlung über ungewöhnliches Verhalten von Tieren kurz vor ihrem Tod. Es seien dabei viele Parallelen zu Menschen zu beobachten, sagt er. Snowy etwa, die Hündin eines südafrikanischen Mediziners, lag schon Stunden im Koma. Ihr Besitzer schildert, was dann geschah: „Gegen 19 Uhr saß sie plötzlich aufrecht, sah aus, als würde sie einen Gegenstand sehr intensiv betrachten, folgte diesem Objekt mit den Augen und fing an, ein paar Sekunden lang mit dem Schwanz zu wedeln. Dann brach sie zusammen.“
Michael Nahm weiß, dass er sich mit seinem Forschungsgebiet auf unsicherem und umstrittenem Terrain bewegt. Unstrittig allerdings ist, dass Nahtoderfahrungen für Menschen einschneidende Erlebnisse sind und sie ihr Leben danach oft neu justieren. Häufig nimmt die Angst vor dem Tod ab, ebenso die Bedeutung von Geld und Besitz.
Vieles liegt weiter im Dunkeln. Ist das helle Licht bei Nahtoderfahrungen ein letztes Aufflackern oder der Beginn von etwas Neuem? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Michael Nahm will sich da nicht festlegen. Die von ihm untersuchten Phänomene zusammengenommen deuten für ihn aber zumindest auf eines hin: „Das Bewusstsein wird nicht alleine durch das Gehirn generiert.“ Und das wäre die Voraussetzung dafür, dass da etwas von uns fortexistiert, auch wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert.