Max Richard Leßmann erzählt in seinem Debütroman von sauren Apfelringen und der bedingungslosen Liebe zu den Großeltern.
Seit seiner Kindheit verbringt Max seine Ferien mit den Großeltern auf Sylt. Nicht im noblen Teil von Westerland, sondern auf dem Campingplatz. Doch Oma Lore und Opa Ludwig sind alt geworden. In diesem Jahr wollen sie zum letzten Mal auf die Nordseeinsel. Max, der schon lange erwachsen und von Husum nach Berlin gezogen ist, möchte die beiden für drei Tage auf Sylt besuchen.
Das Wohnmobil haben die Großeltern inzwischen verkauft. Dass er den letzten Urlaub im alten Hymer verpasst hat, kann sich Max nur schwer verzeihen. Für ihre letzte Sylt-Reise steigen Lore und Ludwig in einer günstigen Unterkunft namens „Sylter Welle“ ab.
Schrullig, aber liebenswert
Als Teenager hat Max Richard Leßmann die Band „Vierkanttretlager“ gegründet, mit der er viele Jahre erfolgreich Platten aufgenommen und Konzerte gespielt hat. Heute veröffentlicht er fast täglich kurze Gedichte auf seinem Instagram-Kanal. Im vergangenen Jahr erschien sein Gedichtband „Liebe in Zeiten der Follower“, der auf die Spiegel-Bestsellerliste kam. Mit seinem autofiktionalen Debütroman „Sylter Welle“ hat Leßmann nun seinen Großeltern ein Denkmal gesetzt.
Leßmanns Worte funktionieren auch auf der Langstrecke. Er zeigt sich wie in seinen Gedichten als scharfsinniger Beobachter seiner Umgebung. Seine Figuren zeichnet er mit Ecken und Kanten – schrullig, aber überaus liebenswert.
Zuneigung durch Zuckriges
Lore und Ludwig sind seit sechzig Jahren verheiratet. „Ich sehe die beiden vor mir, wie sie da so nebeneinander hocken, und es ist beinahe unmöglich, mir vorzustellen, dass sie ja irgendwann einmal zwei völlig voneinander getrennte Leben geführt haben müssen.“
Oma Lore ist keine Kuscheloma. Sie zeigt ihre Zuneigung nicht durch Umarmungen und warme Worte, sondern durch Nahrung. Ihren Enkelsohn füttert sie – sehr zum Missfallen ihrer Schwiegertochter – mit sauren Apfelringen und dergleichen Zuckrigem mehr. Für Wehwehchen hat sie nichts übrig. Mitleid und vor allem Selbstmitleid sind ihr fremd. Als sie Max’ Antidepressiva entdeckt, reagiert sie mit Unverständnis.
Ganz anders ist Opa Ludwig. Seine Umarmungen sind berüchtigt. Er singt, führt akribisch Tagebuch und lacht für sein Leben gern. Und so lange das Mittagessen pünktlich auf dem Tisch steht, nimmt er auch die resolute Lore einfach so wie sie ist. Von der Flucht aus seinem schlesischen Heimatdorf erzählt er nur selten und wenn, dann nur eine einzige Geschichte. Nach mehr zu fragen, traut sich in der Familie keiner.
Während der drei Tage, die Max’ gegen seinen Willen und aufgrund des Spareifers seiner Großmutter in einer Behelfsschlafstätte in deren Ferienwohnung statt in einem komfortablen eigenen Hotelzimmer verbringen muss, erinnert er sich an die vergangenen Jahrzehnte. Nicht nur an die Zeit mit seinen Großeltern und die vielen Sommer auf Sylt. Sondern auch an die Zeit mit dem Rest der Familie, mit seinen Eltern und den Brüdern seines Vaters.
Vieles hat sich im Laufe der Zeit verändert. Manche Familienmitglieder gibt es schon nicht mehr. Einiges aber bleibt im Familiengefüge immer gleich: „Ich war der Enkel, sie die Oma, die Dynamik war einfach und zuverlässig. Das Konzept wurde auch dann nur sehr leicht überarbeitet, als ich irgendwann volljährig war, Enkel bleibt man für immer.“
Unterstützung ist sicher
Max Richard Leßmann ist ein einfühlsames Porträt einer Familie gelungen, deren Umgang miteinander vielleicht schroff ist, die sich der gegenseitigen Unterstützung aber immer sicher sein kann.
Max erinnert sich beim großen finalen Streit von seiner Ex-Freundin gefragt worden zu sein: „Wen von diesen ganzen Leuten würdest du eigentlich mögen, wenn es nicht deine Familie wäre?“ Vielleicht wären das nicht alle. Und doch: Ohne diese Familienmitglieder wäre sein Leben sicher um einige merkwürdige, lustige und traurige Geschichten ärmer. Und um viele saure Apfelringe sowieso.
Max Richard Leßmann: Sylter Welle. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 221 Seiten, 22 Euro.