In der kleinen Runde kann Marc Rohrbeck Foto: Petra Bail - Petra Bail

Insgesamt 13 Sprachförderkräfte unterstützen Jungen und Mädchen aus Zuwanderer- und Flüchtlingsfamilien sowie deutsche Kinder in Reichenbach. Einer davon ist Student Marc Rohrbeck.

ReichenbachMarc hat Premiere im Kinderhaus Kunterbunt. Sein Publikum sind an diesem Tag fünf Kinder der Reichenbacher Kindertagesstätte; ein Mädchen, vier Jungs; drei deutsche, zwei türkische Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren, mit unterschiedlichem Temperament und unterschiedlichen Vorlieben, wie sich in der kleinen Vorstellungsrunde herausstellen wird. Was sie verbindet, ist die Sprachförderung, die sie künftig von dem 26-jährigen Student erhalten.

„Sprache ist nicht alles, aber ohne Sprache ist alles nichts“, ist die Devise des Konzepts, nach dem die Kinder gefördert werden. Die 13 Sprachförderkräfte in Reichenbach arbeiten nach dem Denkendorfer Modell, das Jungen und Mädchen aus Zuwanderer- und Flüchtlingsfamilien sowie deutsche Kinder unterstützt. Denn darin sind sich Fachleute aus Forschung und Praxis einig: Sprache ist die entscheidende Schlüsselkompetenz für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.

Marc Rohrbeck, der Chemie und Philosophie auf Lehramt studiert, wird von den Kindergartenkindern an seinem ersten Tag freudig aufgenommen, er entwickelt sofort einen guten Draht zu den Mädchen und Jungen. Turbulent geht es zu im Haus Kunterbunt. Ein Junge springt im rosa Tutu über den Jeans durch den Raum, ein Mädchen ist aus dem Urlaub zurückgekommen und wird stürmisch begrüßt. „Ich will dich nicht beim Kuscheln stören“, sagt Rohrbeck, den alle Marc nennen, zu einem Kind, „aber darf ich dich kurz ausleihen?“ Ein Mädchen und vier Jungs ziehen mit ihrem Sprachförderer ins Nebenzimmer. Immer mittwochs und donnerstags wird Rohrbeck für jeweils eineinhalb Stunden zur alltagsintegrierten Sprachförderung kommen, bei der möglichst viele Sinne einbezogen werden. Der Lohn ist eine Ehrenamtspauschale und die Freude der Kinder.

Das Besondere ist, dass Rohrbeck die einzige männliche Sprachförderkraft im Team von Martina Baach ist. Sie ist seit sieben Jahren in der Sprachhilfe Reichenbach und seit September vergangenen Jahres Geschäftsführerin und Mentorin. 113 Kindergartenkinder und 50 Grundschüler der Lützelbachschule nehmen an der Sprachförderung teil. „Jedes Jahr werden es mehr Kinder“, so ihre Beobachtung. Angesichts der Tatsache, dass in Tagesbetreuungen in Deutschland, laut Statistischem Bundesamt, mehr als jedes dritte Kind unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund hat, nimmt die Bedeutung von Sprachförderung ständig zu. Ein Großteil dieser Kinder erwirbt Deutsch als Zweitsprache. Aber auch für deutschsprachige Jungen und Mädchen, die in ihren Familien weniger Sprachanregung erleben, ist das „Sprachbad“ in Kita und Grundschule besonders wichtig. In Reichenbach wird außerdem ein Kurs für erwachsene Frauen angeboten.

Die kleine Gruppe von Marc Rohrbeck bietet den idealen Rahmen, dass die Kinder genügend Aufmerksamkeit für ihr Sprechen bekommen. Alle dürfen sich zu Beginn vorstellen. Marc macht’s vor. Er nennt sein Alter, Lieblingsfarbe, Lieblingstier und die Anzahl der Geschwister. Ein Vierjähriger steht auf Dinosaurier, eine Sechsjährige im pinkfarbenen Shirt mag Flamingos, nennt aber Türkis als ihre Lieblingsfarbe. Der Dreijährige braucht etwas Zeit zum Überlegen, die lässt ihm der Student, auch wenn die anderen drängeln. Vogel sei sein Lieblingstier, sagt der Kleine leise und Rohrbeck lässt das ebenso stehen, wie die Vorliebe des Fünfjährigen für „bunt“ als Farbe.

Damit das Ganze nicht so eintönig ist, rollt ein Ball auf dem Tisch von einem zum anderen. Wer ihn hat, ist dran. Die Frage nach der Leibspeise setzt der kindlichen Fantasie keine Grenzen. „Ich mage Frühlingssuppe“, verkündet ein Kind und Rorbeck korrigiert wie beiläufig, ohne bloßzustellen: „du magst“. Er schaut, wo die individuellen sprachlichen Defizite sind, holt jedes spielerisch Kind dort ab, wo es steht und setzt dabei auf den Austausch mit Betreuern und Eltern, wie mit der Mutter an diesem Tag, die von den Problemen ihres Sprösslings mit „sch“ und „st“ erzählte.

Erzieherinnen und Lehrer stellen die Bedarfe an ihren Einrichtungen pro Schuljahr fest und füllen die Anmeldeformulare für die Anträge zur finanziellen Förderung durch die L-Bank aus. Konrektor Bernd Weyrether von der Lützelbachschule hätte gerne eine Förderkraft für einen 17-jährigen Syrer. Bislang hat Martina Baach das Personal nicht. Unterstützung für ihr Team ist willkommen – Studenten, Mütter, Väter, Menschen aller Berufssparten. Einzige Voraussetzungen sind etwas pädagogische Kenntnisse. Kompetenzen erwerben die Sprachförderkräfte bei regelmäßigen Fortbildungen.

Die Konzentration lässt bei den Kindern irgendwann nach, es wird turbulent und der Student stellt klar: „In der Sprachförderung auch mal ruhig zu sein, ist auch wichtig.“ Da merkt man die Erfahrung, die er als Jugendbegleiter in der Ganztagsschule in Reichenbach und im Offenen Jugendtreff gesammelt hat. Was ihn an der Aufgabe reizt? „Den Kindern im pädagogischen Bereich etwas mit auf den Weg geben.“ Etwas, das sie vielleicht ihr Leben lang begleitet.

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