Die zauberhafte Seite des Alltags beschreibt María Cecilia Barbetta. Foto: Rudel - Rudel

Die Zeit vor dem Militärputsch in Argentinien beschreibt die Autorin María Cecilia Barbetta in ihrem Roman „Nachtleuchten“. Ihre Sprachkunst erfasst die Magie der politischen Krise.

EsslingenVom Verschwinden der sieben Katzen der Ofelia Farías schreibt María Cecilia Barbetta in ihrem Roman „Nachtleuchten“ (Fischer-Verlag, Frankfurt, 24 Euro). Sie ist eine der Bewohnerinnen des Stadtteils Ballester in der argentinischen Metropole Buenos Aires, in dem auch die Autorin aufgewachsen ist. Ofelia übernimmt das verwilderte Grundstück ihres Großonkels und zähmt die streunenden Tiere, denen sie Namen altägyptischer Majestäten gibt. Dann aber verschwinden die Katzen, eine nach der anderen.

Gemeint sind mit diesem poetischen Bild die Menschen, die in Argentinien in Zeiten der Militärdiktatur verschwanden. Barbetta schreibt einen Roman über die Zeit kurz nach dem Tod des Präsidenten Juan Péron im Jahr 1974. Immer mehr hatten die Soldaten in der Gesellschaft das Sagen, bis 1976 die Militärdiktatur kam. „Auch meine Freundinnen sind verschwunden, wir haben nie wieder von ihnen gehört“, erzählte die Autorin, die 1972 in Buenos Aires geboren wurde, bei ihrer Lesung im Rahmen der LesART. Im Kutschersaal der Stadtbücherei Esslingen sprach sie mit Moderatorin Julia Schröder sehr ehrlich und offen über ihre Kindheit in dem Stadtviertel, von dem ihr 521 Seiten starker Roman handelt. Mit „Nachtleuchten“ landete Barbetta, die seit 1996 in Berlin lebt, 2018 auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis.

Dass sie in deutscher Sprache schreibt, obwohl sie keine Muttersprachlerin ist, sieht Barbetta als großes Glück: „Die deutsche Sprache ist das Vehikel für mich, nach Argentinien zurückzureisen.“ Das tut sie in ihrem Buch, das die politische Wirklichkeit anhand menschlicher Schicksale beschreibt. Die Virtuosität, mit der die 46-Jährige das Leben der Menschen in Zeiten des politischen Umbruchs zeichnet, lässt kaum vermuten, dass sie Deutsch erst später gelernt hat. Die Literaturjournalistin Julia Schröder entlockte Barbetta faszinierende Einblicke „in die Autorinnenwerkstatt“, wie sie den Abend am Ende selbst beschrieb. Barbettas Erinnern an die eigene Vergangenheit im Einwandererviertel Ballester zog das Publikum im Kutschersaal in den Bann. Dass es zum Friseursalon „Ewige Schönheit“, den ein völlig überdrehter, homosexueller Coiffeur führt, tatsächlich gibt, verblüffte ihre Leser: „Er hat mir als junges Mädchen eine Dauerwelle verpasst, dass ich aussah wie ein Pudel.“ Barbettas offene, herzliche Art zog das Publikum in den Bann.

Aus allen drei Teilen des Buches las sie kleine Kostproben, die ihre magische Poesie schön zum Klingen brachten. Im Alltäglichen findet Barbetta zauberhafte Momente. Doch zugleich reflektiert sie Gesellschaft und Politik, etwa in den wirren Taten der zwölfjährigen Schülerin, die ihre eigene Form der Befreiungstheologie sucht: „Teresa Gianelli hatte sich nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanums zum Ziel gesetzt, die Kirche zu den Menschen zu bringen. Dafür unternahm sie eine professionelle Begehung vor Ort, wo sie feststellen musste, dass die meisten potenziellen Requisiten sich in der Tat nicht von der Stelle bewegen ließen.“ Ihr Kraftakt scheitert am festgenagelten Altarkreuz.

Was Religion und Okkultismus für die Menschen in dem lateinamerikanischen Land bedeuten, brachte Barbetta dem Esslinger Publikum nahe. Da erinnerte sie an die Madonnenfigur ihrer Großmutter, die nachts von selbst leuchtet, „und die noch heute auf meinem Nachttisch steht.“ Um die schleichende Angst vor der Krise zu beschreiben, die viele Menschen in ihrem Roman packt, lässt sie Fakten aus der Zeit nach dem Tod des Präsidenten Juan Perón wie Erinnerungsblitze aufflackern. Ihm folgte seine dritte Frau Isabel Martínez de Perón nach, die als Marionette mächtiger Männer agierte. Sie ließ sich von Okkultisten vereinnahmen. Rationale Politik geriet immer mehr ins Hintertreffen. Gegen die ehemalige Tänzerin putschte 1976 das Militär. Gerade die dunkle Seite der argentinischen Geschichte vermittelt Barbetta ihrem Lesepublikum im leichten, betörenden Erzählfluss.

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