Wenn Jugendliche Mathe und Physik begreifen sollen, dann müssen sie mehr sein als bloße Mitspieler in der vom Lehrer vorbereiteten Stunde. Sie müssen ihren Unterricht selbst gestalten, findet der Pädagoge und Didaktiker Martin Kramer.
Für viele Jugendliche sind Mathematik und Physik Hassfächer, in denen es schlechte Noten hagelt. Denn in den höheren Klassen ist das Beherrschen der Grundrechenarten zwar hinlänglich, aber bei Weitem nicht ausreichend.
Dann gibt es in den Gleichungen mehr Buchstaben als Zahlen, man muss die Zusammenhänge dahinter verstehen, um zuverlässig zum richtigen Ergebnis zu kommen. Doch vielen Schülerinnen und Schüler ist das zu abstrakt. Also wie können Lehrende sie wieder für Naturwissenschaften begeistern?
Mit dieser Frage beschäftigt sich Martin Kramer seit 30 Jahren. Der Pädagoge und Didaktiker hat zum Thema „Be-greifen von Bruchrechnung“ promoviert. Aktuell unterrichtet er Mathe und Physik an einem Gymnasium. Er ist aber auch Autor von mehr als 20 Fachbüchern und bietet Fortbildungen für Lehrkräfte an.
Für ihn geht es im Unterricht um das „Erleben von Selbstwirksamkeit“. Die Lernenden sollen den Stoff selbst denken und erfahren und nicht einfach präsentiert bekommen. „Erleben wird zur Grundlage des Unterrichts“, schreibt Kramer in seinem neuen Buch „Ich – Wir – Alle. Teamarbeit als Abenteuer“. Diese Vorgehensweise finde ihren „radikalsten Ausdruck darin, dass Schüler den Unterricht zu großen Teilen selbst gestalten. Sie spielen nicht das Spiel des Lehrers, sie sind nicht bloß die Mitspieler eines geschickt vorbereiteten Unterrichts“.
Lehrende dürften den Lernenden den Unterricht nicht wegnehmen, sagt Kramer im Gespräch mit unserer Zeitung. Unterricht müsse Schüler- und nicht Lehrersache sein.
Der Autor beschreibt das in der Einleitung anhand eines Experiments im Physikunterricht: Die Kompassnadel zuckt als Reaktion auf einen stromdurchflossenen Leiter – und die Lernenden klatschen Beifall. Warum? Weil sie sich, ist Kramer überzeugt, die Lösung selbst erarbeitet haben.
„Hätte ich den Versuch aufgebaut und durchgeführt, hätte sich kaum jemand dafür interessiert“, schreibt er und ergänzt: Offensichtlich sei nicht der vorgeführte Inhalt ausschlaggebend, sondern die Form der Kommunikation.
Wie funktioniert das Ich-Wir-Alle-Modul?
Kramers Modell hat drei Stufen: In der Ich-Phase erarbeitet jeder für sich einen Lösungsansatz. Diese werden in der Wir-Phase zunächst in Kleingruppen vorgestellt und zu einer gemeinsamen Konstruktion zusammengeführt. Dabei gelte, dass das Ergebnis eines Teams immer besser sein müsse als der Beste in der Gruppe, sonst sei es keine Team-Arbeit, sondern ein bloßes Sich-Verlassen auf den Besten. In der Alle-Phase präsentiert jede Gruppe ihre Idee an der Tafel. Anschließend einigt sich die Klasse auf den Versuch, der ihrer Meinung nach die größten Erfolgsaussichten hat. Die von den Schülerinnen und Schülern entworfenen Versuchsanordnungen werden dann ausprobiert, bis sie zum gewünschten Ergebnis führen.
Innovativ an Kramers Vorgehensweise ist der teambasierte Ansatz, der seiner Überzeugung nach geeignete Strukturen braucht und erst gelernt werden müsse, bevor er Wirkung entfalte. Ansonsten verkomme die Gruppenarbeit leicht zu einem „Gemeinsam sind wir blöd“, schreibt der Pädagoge. Mit seinem Ich-Wir-Alle-Modul wolle er die für eine gelingende Teamarbeit notwendigen Schritte anschaulich und praxisnah beschreiben.
Pädagoge und Didaktiker
Zur Person
Martin Kramer ist Vater, Theaterpädagoge und hat eine Zusatzausbildung in Kommunikationspsychologie. Von 2012 bis 2018 leitete er die Abteilung für Didaktik der Mathematik an der Universität Freiburg. 2022 entwickelte er zusammen mit dem Sciencecenter Technorama in Winterthur den Lehrgang „Unterricht als Abenteuer“. Aktuell unterrichtet Kramer am Uhland-Gymnasium in Tübingen.
Kontakt
Weitere Informationen zu Marin Kramer, seinem didaktischen Ansatz, seinen Büchern und Fortbildungen gibt es unter www.unterricht-als-abenteuer.de.