Frank Otfried July blickt in der evangelischen Landessynode auf seine lange Amtszeit zurück. Einigen Erfolgen steht auch Bitteres gegenüber.
Die Rührung ist Frank Otfried July ins Gesicht geschrieben. Der württembergische Landesbischof winkt ab, als seien ihm die Ovationen nach seiner Rede peinlich. Doch die evangelische Synode ist am Samstagnachmittag nicht zu stoppen. Stehend applaudiert das Kirchenparlament im Stuttgarter Hospitalhof dem Mann, der seit 17 Jahren an der Spitze der Landeskirche steht, und der dieses Amt in zwei Wochen an seinen Nachfolger Ernst-Wilhelm Gohl übergibt. „Ich könnte jetzt sagen, auf den Moment habe ich 17 Jahre lang gewartet“, sagt July mit dem für ihn so typischen Humor zu der Beifallsbekundung.
Als der gebürtige Darmstädter 2005 im ersten Wahlgang zum Bischof gewählt wurde, war dies nicht nur ein persönlicher Triumph. July war auch mit 51 Jahren beim Amtsantritt so jung wie kein Bischof zuvor. Nun tritt der Geistliche als dienstältester der evangelischen Bischöfe Deutschlands ab. So geht eine Ära zu Ende, eine Ära jedoch, in der die Landeskirche fast ein Fünftel ihrer Mitglieder verloren hat. July, der am selben Tag wie Angela Merkel das Licht der Welt erblickte, hat länger amtiert als die Ex-Kanzlerin. Doch vor dem Kirchenparlament zeigt er keine Spur von Ermüdung. Im Gegenteil, er spricht so leidenschaftlich, als gelte es, viel zu gestalten. So macht der 67-Jährige den Synodalen Mut für noch schwierigere Zeiten: Nicht die Christen, sondern Christus erhalte die Kirche. „Für die Zukunft brauchen wir jeden neuen Gedanken und jede neue Idee.“
Der Abschied fällt dem Bischof schwer
Schon dieses Engagement zeigt, dass dem Bischof der Abschied nicht leicht fällt. Zu sehr hat ihn das Amt gefordert, zu sehr hat er sich mit seiner Aufgabe identifiziert, und zu stark hat er an seine Berufung geglaubt. July wollte die unterschiedlichen Frömmigkeitsstile zusammenhalten. Das war zuweilen schwer, musste er doch Brücken bauen, ohne profillos zu wirken. Das sei „ein Balanceakt mit Abrutschgefahr“ gewesen, gibt er vor dem Kirchenparlament zu. Gleichwohl wertet er es zu Recht als Fortschritt, einen zentralen Streit – den um die Segnung homosexueller Paare im Gottesdienst – vorerst befriedet zu haben. July hatte sich für den Kompromiss eingesetzt und nahm in Kauf, hinterher von beiden Seiten kritisiert zu werden.
Als Erfolg verbucht der Bischof zudem den Staatskirchen-Vertrag mit dem Land. Dieser sicherte 2007 die Position der Kirche ab. Angesichts eines kritischeren gesellschaftlichen Klimas heute erscheint die Vereinbarung als weitsichtig. Dass der Evangelische Kirchentag 2015 in Stuttgart gastierte, zählt July ebenso zu den Glanzlichtern seiner Amtszeit wie das Treffen des Lutherischen Weltbundes 2010 am selben Ort. Im Weltbund spielte er überdies lange als Vizepräsident eine besondere Rolle, die ihm viele internationale Kontakte bescherte. Das habe ein neues Kapitel in seinem Leben eröffnet, sagt July am Samstag. Er erzählt auch von dem schweren Moment 2009, als er am Tag des Amoklaufs von Winnenden bei einem Gottesdienst am Abend die richtigen Worte finden musste. „Bis 20 Minuten vorher wusste ich nicht, was ich sagen sollte.“ Dann fielen ihm die passenden Psalmworte ein. In solchen Situationen könne die Kirche einer sprachlosen Gesellschaft zur Hilfe eilen, betont July jetzt.
Der Bischof will jetzt Kochen und Italienisch lernen
Ihm hat die Tagesordnung eine halbe Stunde Redezeit gewährt – zu wenig, um alles aufzuführen. Zu wenig, um die Besuche in Gemeinden, die Treffen mit vielen Menschen zu bilanzieren. Begegnungen waren für den Theologen mindestens so bedeutend wie die Großereignisse. Für solchen Austausch wird er nun mehr Zeit, vielleicht aber weniger Gelegenheit haben. Dafür soll die Familie stärker zu ihrem Recht kommen. July will auch Kochen und Italienisch lernen. Und ein paar Ämter verbleiben ihm ohnehin noch – nicht nur im Lutherischen Weltbund.