Eine gute und wirkungsvolle Suchtprävention zum Schutz von Kindern und Jugendlichen ist zentraler Bestandteil der Teillegalisierung von Cannabis. Nur ist es damit nicht weit her, kritisiert Maurice Cabanis, Direktor der Klinik für Suchtmedizin in Stuttgart.
Maurice Cabanis gehört zu den Befürwortern der Teillegalisierung von Cannabis. Was nicht heißt, dass der Ärztliche Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten im städtischen Klinikum alles an dem neuen Gesetz gut findet. Es sehe darin sogar „vieles kritisch“, betont Cabanis. Dabei war er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin in der Expertenkommission der Bundesregierung vertreten, die einen Grenzwert für den Cannabiswirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) im Straßenverkehr vorgeschlagen hat.
Maurice Cabanis hat das 180 Seiten starke Cannabisgesetz ganz gelesen. Mit dem Ergebnis: „Die hohe Komplexität ist für Nutzer und für Kontrolleure eine große Herausforderung, überhaupt für alle Seiten“, sagt der Mediziner. Was ihn aber am meisten ärgert: „Das Konzept zur Prävention ist dürftig bis mangelhaft“, sagt der Psychiater. Das ist keine Kleinigkeit. Auf seiner Homepage erklärt das Bundesgesundheitsministerium vollmundig, die „zentralen Ziele“ des neuen Gesetzes seien, „den Gesundheitsschutz zu stärken, die Aufklärung über Risiken zu intensivieren, präventive Maßnahmen zu verstärken, den illegalen Markt für Cannabis einzudämmen und den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern“.
Tatsächlich aber sei für die Schulen nur eine „vierstündige Intervention“ durch Polizei oder soziale Träger vorgesehen, kritisiert Suchtmediziner Cabanis. Er hält es „für sehr zweifelhaft“, dass die Gefährdungen des Cannabiskonsums für Kinder und Jugendliche und vorhandene Hilfsangebote mit dieser „Kurzintervention“ hinreichend und in der nötigen Breite vermittelt werden können. Dafür brauche es deutlich „mehr Unterstützung“.
Dabei gebe es sehr gute Präventionskonzepte. Er selbst hat nach dem jahrelang erprobten Programm der Universitäten Sydney und New South Wales an vier Stuttgarter Schulen – Mörike- und Gottlieb-Daimler-Gymnasium, Königin Katharina Stift und Hölderlin-Gymnasium – ein im Mai 2021 gestartetes und drei Jahre dauerndes Präventionsprojekt realisiert, das unter anderem von Porsche gefördert wurde. Mit gutem Grund, wie ein Informationspapier nahelegt. Darin heißt es, Schülerinnen und Schüler „bilden beim Konsum legaler und illegaler psychoaktiver Substanzen eine Hochrisikogruppe“.
Da die Eltern mit dem Problem „oft überfordert“ seien, hält Maurice Cabanis es für wichtig, dass ein Präventionsprojekt nicht nur schulisch, sondern auch außerschulisch wirkt. Das ist das Besondere an dem erfolgreichen australischen Konzept, das nicht nur Unterrichtsmaterial für die Schule bereitstellt, sondern auch ein Online-Portal mit einer Chatfunktion („A Room for You“) und das innovativ und für Jugendliche attraktiv mit Comics arbeitet.
Wenig glücklich ist der Suchtmediziner auch darüber, dass in den vorgesehenen Cannabis Social Clubs (CSC), die als zugelassene Anbaugemeinschaften fungieren sollen, der gemeinsame Cannabiskonsum nicht erlaubt ist. Dadurch aber wäre in den CSC ein „begleiteter Konsum“ mit einer gewissen Kontrollfunktion möglich. Und Maurice Cabanis spricht sich entschieden dagegen aus, dass es in Deutschland künftig wie in Kanada oder den USA etwa THC-Gummibärchen zu kaufen gibt, die das Ganze „harmlos erscheinen lässt“.
Mit einer starken Zunahme des Konsums rechnet der Psychiater durch die Teillegalisierung aber nicht, allenfalls in der Anfangszeit, wenn Leute das „mal ausprobieren und lustig finden“. Es sei aber weiter von einer jährlichen Konsumsteigerung auszugehen, schätzt Maurice Cabanis, in dem Umfang, wie man das bereits seit 2011 Jahr für Jahr erlebe.