Volker Jeck und Monika Hirschle in „Koi Auskomma mit dem Einkomma“ in der Komödie im Marquardt. Foto: Martin Sigmund - Martin Sigmund

„Koi Auskomma mit dem Einkomma“ heißt die neue Produktion der Stuttgarter Komödie im Marquardt, die Brandaktuelles thematisiert: das sinkende Renten, Altersarmut, Wohnungsnot.

StuttgartMargarine statt Butter? Nur noch „Weckla vom Discounter mit ogson­de Treibmittel“? Gar aufs „Viertele“ verzichten? Sabine und Eberhard Kleinhans – oder kurz: s’Bienele und d’r Ebbe – haben’s satt. Die Renten des kinderlosen Ehepaars reichen hinten und vorne nicht aus – „zom Sterba z’viel, zom Leba z’wenig“. Die rettende Idee: ein Zimmer der eigenen Wohnung im Stuttgarter Süden vermieten.

Kaum hat man inseriert, schon stehen junge Interessenten vor der Tür. Kein Wunder, es herrscht ja Wohnungsnot in Stuttgart. Sabine vermietet an Tom, Eberhard an Lisa. Was versehentlich gleichzeitig geschah, zurren die beiden einvernehmlich fest. Doch weil Lisa, die tagsüber als Chefsekretärin arbeitet, und der nachts Lkw fahrende Tom voneinander nichts wissen dürfen, bringt der Doppeldeal zwar auch Moneten, sonst aber vor allem eines: eine Menge Stress.

Präzise und pointenreich

„Koi Auskomma mit dem Einkomma“ heißt die neue Produktion der Stuttgarter Komödie im Marquardt, die Brandaktuelles thematisiert: das sinkende Rentenniveau und die damit verbundene drohende Altersarmut, außerdem die extrem angespannte Wohnungssituation in deutschen Großstädten.

Dass es dabei weder ernst noch bissig satirisch zur Sache geht, sondern arglos heiter und gefühlig, ist nicht weiter überraschend. Schließlich ist das Stück ein Schwank. Fritz Wempner hat ihn 1957 auf Plattdeutsch geschrieben – das Thema ist eben ein zeitloses. „Keen Utkamen mit dat Inkamen“ wurde zum Ohnesorg-Theater-Klassiker, später auf Hochdeutsch verfilmt. Auf Schwäbisch ist die Komödie jetzt zum ersten Mal zu sehen. Monika Hirschle, die s’Bienele spielt, hat den Text gekonnt in die schwäbische Mundart übersetzt und deren klangvoll-schnodderige Attraktivität trefflich herausgearbeitet: „No machat Se halt Ihre Glotzböbbel uff, Sie Schlofhaub!“ Und der Schauspielbühnen-Intendant Axel Preuß hat ihn „modernisiert“ und präzise und pointenreich in Szene gesetzt. Wobei „modernisiert“ ein bisschen übertrieben ist. Einige der boulevardesken Handlungselemente wirken auch jetzt noch recht angestaubt: Männer, die unterm Pantoffel ihrer Gattin stehen, sind per se zu bemitleiden; am Happy End muss mindestens eine heterosexuelle Hochzeit beschlossen werden; Alkohol eignet sich prima, um Probleme zu lösen.

Modern dagegen sind die hübsche Altbauwohnung und die Klamotten, die getragen werden – vom VfB-Stuttgart-Schlafanzug bis zu Lisas schickem Ausgeh-Outfit (Bühne und Kostüme: Tom Grasshof). Der Staub verfliegt freilich, weil das neunköpfige Ensemble die Verwicklungen und Versteckspiele, die durch die Flunkereien aller Beteiligten entstehen, mit Tempo und Spielfreude umsetzt. Allen voran Monika Hirschle und Reinhold Weiser als Bienele und Ebbe, die in Birkenstockschlappen agil bis grazil zwischen den vielen zuschlagenden Türen herumhüpfen, -rennen und -springen. Da muss ständig Zeugs verschwinden und das Bett neu bezogen werden, um die Doppelvermietung zu vertuschen, da klingelt’s ohne Unterlass an der Tür: Ob’s Lisas spionierende Chefgattin ist (Rose Kneissler) oder Toms strenger Vater (Armin Jung), der seinen Sohn zur Rede stellen will, nebst seiner neuen, heimlich angetrauten Frau (Diana Gartner), oder Nachbar Böckle (Volker Jeck), der im Auftrag seiner Frau dem Ebbe eine Standpauke halten muss, dies aber nur zum Schein tut – in Wirklichkeit gönnt man sich während der Show auf dem Balkon ein Schnäpschen. Ohnehin sind alle ein bisschen Lügenbaron respektive -baronin. Auch die ledige, attraktive, selbstbewusste Lisa (Antonia Leichtle), die auf der Arbeit einen Ehering trägt, um der Eifersucht der Frau ihres Chefs zu entgehen. Die taucht regelmäßig zum „Kontrollbsüchle em Büro“ auf.

Verräterischer Duft

Klar, dass die Doppelverrechnung des Zimmers bald auffliegt – nicht nur Rasierwasser- und Parfumdüfte, die in der Luft hängen bleiben, machen’s möglich. Aber bis die beiden Untermieter merken, dass sie eigentlich Stiefgeschwister sind, das dauert dann doch recht lange. Da hat Amor schon längst seinen Pfeil abgeschossen und Lisa und noch viel mehr Tom einen gewissen Glanz in die Augen gezaubert. Sie ist souverän, ihm haushoch überlegen. Er ist teddybäräugig und knuffig. Kein Wunder, dass das warmherzige Bienele ihren „Buarle“, so resolut sie ansonsten auftritt, im Herzen längst adoptiert hat. Und Jörg Pauly spielt auch das wirklich gut: wenn Tom seine alkoholbedingte Schräglage mit nur scheinbar heliumgefüllten Wasen-Luftballons auszugleichen versucht, daran schlapp hängt, als zögen sie ihn nach oben oder auch mal in andere Richtungen. Chapeau!

Trotz boulevardesker Vorhersehbarkeit und freudiger Klischee-Verbreitung: Der Abend lebt vom Charme der schönen Mundart und von den Pointen, die durch sie befeuert werden: „Ich bin auch aus einer vornehmen Familie. Mei Mutter war eine von und zu – ond mein Vater war ein auf und davon.“ Und auch nicht schlecht: „Wissat Se, mein Mann mecht jo eigentlich lieber an a jonge Frau vermieta.“ Tom: „I kennt me jo rasiera ond a Kloid ozieha.“

Weitere Vorstellungen bis 8. März täglich außer Montag.

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