Klimaaktivisten der Bewegung Extinction Rebellion blockieren am 5. September nach einer Pressekonferenz die Warschauer Straße in Berlin. Foto: dpa - dpa

Für den Klimaschutz gehen sie weit: Die Umwelt-Aktivisten der Gruppe Extinction Rebellion wollen zivilen Ungehorsam von London nach Stuttgart bringen.

StuttgartTreffen im Weltcafé am Stuttgarter Charlottenplatz: Yvonne Sauter, 33 Jahre, derzeit Hartz-IV-Empfängerin, legt einen Sticker auf den Tisch. „Wir sind am Arsch“, steht darauf. Der Hintergrund ist knallpink. In allen vier Ecken prangt ein Totenkopf. „Was ich an der Initiative mag, sind die klaren Botschaften“, sagt Sauter. Der Sticker wirbt für die Umweltgruppe Extinction Rebellion.

Sauter hat ihr Studium auf Eis gelegt, um Vollzeitaktivistin zu werden. In Stuttgart hat sie eine Ortsgruppe von Extinc­tion Rebellion gegründet. Auf Deutsch übersetzt bedeutet der Name so viel wie Rebellion gegen das Aussterben. Die Initiative entstand vor einem Jahr in England. Dort bekennen sich Zehntausende zu der Gruppe. Sie besetzen Brücken, klettern auf Züge oder blockieren Straßenkreuzungen. In London wollten sie mittels Drohnen den Flughafen Heathrow lahmlegen. Deshalb ist Roger Hallam, der Mitbegründer von Extinction Rebellion, am Donnerstag in London festgenommen worden.

„Legale Mittel brauchen zu viel Zeit“

Ziviler Ungehorsam ist das Herzstück der Strategie von Extinction Rebellion. Damit unterscheidet sich die Gruppe von den Fridays-for-Future-Aktivisten, die eher auf Demonstrationen setzen. Veränderungen auf legalem politischem Wege zu erreichen brauche Zeit – zu viel Zeit, findet Sauter. Die junge Frau ist überzeugt, dass die Menschheit diese Zeit nicht mehr hat. Der Gründer der Bewegung, Roger Hallam, drückte es im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ so aus: „Greta ist toll. Aber der 20. September wird nichts ändern.“ An dem Tag ruft Fridays for Future zu einem weltweiten Klimastreik auf. Hallam hält seine Methode für effektiver. „Wenn die Leute sehen, dass normale Menschen für ihr Anliegen verhaftet werden, dass sie ins Gefängnis gehen oder von der Polizei verprügelt werden, entsteht eine enorme Sympathie für die Sache, egal was für eine Sache das ist.“

Auf der Webseite des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion klingt es weniger drastisch. „Komm, wir retten jetzt die Welt. Du kommst gerade richtig. Es ist für jeden was dabei, von Kunst bis Kekse und Straßen besetzen“, heißt es dort neben Fotos von Aktivisten, die lächelnd auf der Straße liegen. Bei Aktionen werde verabredet, wer sich verhaften lässt und wer das lieber nicht möchte. Die Initiative wächst – auch in Deutschland. Ulm, Tübingen oder Freiburg sind nur drei von mehr als 60 aktiven Ortsgruppen. Im Juni ketteten sich Aktivisten an den Zaun des Kanzleramts in Berlin und forderten, den Klimanotstand auszurufen.

In Stuttgart gab es kleinere Aktionen. In Bad Cannstatt haben Sauter und ihre Mitstreiter nach eigenen Angaben kürzlich mit so vielen Radfahrern einen Kreisverkehr geflutet, dass dieser für Autos nicht mehr befahrbar war.

Durch Extinction Rebellion kämen viele Menschen mit zivilem Ungehorsam in Kontakt, die damit bislang nichts zu tun hatten, sagt der Wissenschaftler Simon Teune. Er erforscht soziale Bewegungen an der Technischen Universität Berlin. Als eigenständige neue Bewegung sieht Teune Extinction Rebellion aber nicht, sondern als neue Gruppe innerhalb der Klimabewegung. Yvonne Sauter ist dafür ein gutes Beispiel. Sie engagiert sich auch bei Fridays for Future. Ebenso gilt die Verbundenheit umgekehrt: „Wir erklären uns mit Extinction Rebellion solidarisch“, sagt Kolja Schultheiß von Fridays for Future Stuttgart, aber „unser Level des zivilen Ungehorsams ist der Schulstreik“.

Yvonne Sauter beschäftigt der Klimawandel so sehr, dass sie ihr Leben komplett geändert hat. Ihren Beruf als Europasekretärin hat sie niedergelegt, auch das Masterstudium, das sie später begonnen hatte, vorerst gestoppt. Sauter glaubt, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem nicht tragfähig ist, wenn die Klimakatastrophe noch verhindert werden soll. Was als „anerkannter Beitrag zur Gesellschaft“ zähle – ein Job etwa, Steuern zahlen – „führt nirgendwohin, weder mich selbst noch die Gesellschaft“.

Im Weltcafé am Charlottenplatz zählt die junge Frau die zentralen Forderungen von Extinction Rebellion auf. An erster Stelle: „Politik und Medien sollen die Wahrheit über die ökologische Krise sagen.“ Das würde für Sauter etwa bedeuten, dass zum Thema Hitzesommer keine Bilder von fröhlich quietschenden Kindern mehr in der Zeitung abgebildet werden. Statt Klimawandel sollten die Medien das Wort Klimakatastrophe benutzen.

Gemeinsame „Ökotrauer“

Sauter: „Sich bewusst zu machen, wie es um die Erde steht, kann einen sehr traurig machen.“ Deshalb spricht die Stuttgarter Extinction-Rebellion-Gruppe bei ihren Treffen auch über Ökotrauer, wie Sauter sagt. Die Aktivisten legen Wert auf gewaltfreie Sprache. In Gruppendiskussionen dürften Junge vor Alten sprechen, Frauen vor Männern, um hierarchische Muster aufzubrechen. Auf dem E-Mail-Verteiler ihrer Ortsgruppe stehen nach Sauters Angaben rund 300 Namen. Aus Gerlingen und Pforzheim hätten sich Menschen bei Sauter gemeldet, die eine Gruppe gründen wollen.

„Am 7. Oktober beginnt die nächste Rebellionswelle“, sagt Sauter. Weltweit plant Extinction Rebellion Aktionen. Die Stuttgarter Ortsgruppe will für die Aktionswoche laut Sauter nach Berlin gehen. Im Südwesten stehen schon vorher Aktionen an. Am 20. September – nach dem Klimastreik, zu dem Fridays for Future aufruft – sind „diverse Blockaden“ geplant, wie Sauter sagt. Unter unter anderem soll eine Brücke im Raum Stuttgart blockiert werden. Welche verrät sie nicht.

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