Bundestrainer Alfred Gislason und sein Team gehen nach den Testspielsiegen gegen Portugal mit einem guten Gefühl in die EM, zu den Favoriten gehört die DHB-Auswahl aber nicht. Foto: imago//Frank Hoermann

Alfred Gislason setzt bei der Handball-EM auf eine Mischung aus gestandenen Routiniers und jungen Wilden. Wir zeigen die Möglichkeiten, die der Bundestrainer auf den einzelnen Positionen hat, und geben eine Einschätzung ab.

Jetzt geht’s los. An diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Düsseldorf gegen die Schweiz in die Heim-EM. Selbstvertrauen ist nach den Testspielsiegen gegen Portugal (34:33 und 35:31) getankt, die Vorfreude riesig, doch es spielt auch Ungewissheit mit, zu der das EM-Aus von Rechtsaußen Patrick Groetzki beiträgt. Wir nennen die sogenannte Erste Sieben von Bundestrainer Alfred Gislason, zeigen die Alternativen auf und geben eine Einschätzung ab.

Tor Die abschließenden Tests gegen Portugal haben es untermauert: Zwischen den Pfosten könnte die Hierarchie klarer nicht sein. Andreas Wolff ist nach seinem überstandenen Bandscheibenvorfall die unumstrittene Nummer eins. Der 32-Jährige vom polnischen Topclub Industria Kielce bringt die Erfahrung von 145 Länderspielen (14 Tore) mit. Senkrechtstarter und Emotionsbündel David Späth ist die ideale Ergänzung. Der Mann von den Rhein-Neckar Löwen wird mit seinen 21 Jahren und gerade mal vier Länderspielen keine Ansprüche stellen. Dass es in beiden Spielen gegen die Portugiesen nicht gut für ihn lief, ändert wenig daran, dass er bei der EM heiß laufen kann, wenn er gebraucht wird.

Einschätzung Vorausgesetzt, Wolff bleibt gesund, ist die Torwart-Position ein Trumpf. Wie beim EM-Titel 2016 muss er aber auch stechen, wenn das DHB-Team eine Chance aufs Halbfinale haben will.

Linksaußen Der Stern von Lukas Mertens ging bei der EM 2022 auf, bei der WM 2023 spielte er sich fest – und auch bei den kommenden Titelkämpfen ist er gesetzt. Der Rechtshänder vom SC Magdeburg (31 Länderspiele/77 Tore) – Spitzname „Speedy“ – besticht durch Tempo beim Gegenstoß und Zuverlässigkeit beim Abschluss. Rune Dahmke (59 Länderspiele/94 Tore) vom THW Kiel fehlte zuletzt wegen einer Muskelverhärtung. Wird er fit, weiß Gislason, dass er sich zu 100 Prozent auf ihn verlassen kann. Der 30-Jährige ist mit seiner Erfahrung und seiner positiven Ausstrahlung auch wichtig für den Teamspirit.

Einschätzung Auf dieser Position hat Deutschland traditionell keine Probleme.

Schlüsselfigur Juri Knorr

Rückraum links Julian Köster (34 Länderspiele/61 Tore) geht als Nummer eins auf der Königsposition in die EM. Der 23-Jährige vom VfL Gummersbach ist sprunggewaltig und wurfstark. Was ihn besonders wertvoll macht, sind seine ausgeprägten Abwehrkünste – sowohl in der 6:0- als auch in der offensiven 3:2:1-Formation. Deckungsstärke bringt auch Modellathlet Sebastian Heymann (21 Länderspiele/34 Tore) von Frisch Auf Göppingen mit. Nach überstandenem zweiten Kreuzbandriss kam der 25-Jährige im Dezember in der Liga und bei der EM-Generalprobe am Samstag auch im Angriff deutlich in Fahrt. Im ersten Test gegen Portugal stahl ihm allerdings Martin Hanne die Schau: Der 22-Jährige von der TSV Hannover-Burgdorf warf beim 34:33 in seinem ersten Länderspiel fünf Tore.

Einschätzung Auf Köster kommt vorne und hinten eine enorme Belastung zu. Vor allem Heymann muss ihn entlasten, sonst bleiben Schwankungen auf dieser Position nicht aus.

Rückraum Mitte Die meisten Spielmacher erreichen ihren Leistungszenit mit 30 Jahren. Deutschlands größte Handball-Hoffnung Juri Knorr ist erst 23. Dennoch ist der Mann von den Rhein-Neckar Löwen (45 Länderspiele/179 Tore) der absolute Schlüsselspieler im Gislason-Team. Er steht nicht nur wegen seiner zentralen Rolle auf dem Feld im Fokus, sondern auch bei den Medien. Damit muss er bei einer Heim-EM klarkommen. In seinem Schatten stehen der Berliner Jung-Fuchs Nils Lichtlein (vier Länderspiele/zwei Tore) und der erfahrene Philipp Weber (77 Länderspiele/172 Tore) vom SC Magdeburg, der auch im linken Rückraum spielen kann.

Einschätzung Alles steht und fällt mit der Konstanz von Juri Knorr. Er glänzt zwar nicht durch die geniale Spielsteuerung eines Markus Baur oder eines Daniel Stephan, doch durch seine Abschluss- und Assistqualitäten hat er das Zeug zum Weltstar.

Rückraum rechts Nach dem Ausfall von Fabian Wiede ist Kai Häfner unverzichtbar. Der 34-Jährige vom TVB Stuttgart (137 Länderspiele/329 Tore) bewies beim 35:31 gegen Portugal zum x-ten Mal, dass er mit seiner Nervenstärke auch in der Crunch Time Verantwortung übernimmt. U-21-Weltmeister Renars Uscins (sechs Länderspiele/zehn Tore) von der TSV Hannover-Burgdorf zeigte im ersten Testspiel, dass er Häfner entlasten kann. Der 33-jährige Linkshänder Christoph Steinert (32 Länderspiele/68 Tore) vom HC Erlangen bringt als großen Vorteil seine Abwehrstärke mit.

Einschätzung Vieles hängt an Kai Häfner. Nur wenn’s bei ihm läuft, ist das Gislason-Team im rechten Rückraum international top besetzt.

Rechtsaußen Timo Kastening wäre ohnehin als Nummer eins ins Turnier gegangen. Durch das EM-Aus von Routinier Patrick Groetzki (Fußsohlenverletzung bei der Generalprobe gegen Portugal) ist der 28-Jährige (49 Länderspiele/182 Tore) von der MT Melsungen jedoch plötzlich der Alleinunterhalter, wobei der gelernte Rückraumspieler Steinert auf Außen aushelfen kann. Im 35er Kader stehen mit Tim Hornke (SC Magdeburg) und Lukas Zerbe (TBV Lemgo Lippe) zwei weitere Rechtsaußen, die Gislason nachnominieren könnte.

Einschätzung Die Erfahrung Groetzkis hätte dem Team sehr gut getan. Solange Kastening fit bleibt, muss sich Deutschland auf dieser Position aber keine Sorgen machen.

Kreis Auf Kapitän Johannes Golla lastet neben Knorr die größte Verantwortung. Der 26-Jährige von der SG Flensburg-Handewitt (67 Länderspiele/231 Tore) ist am Kreis und hinten im Innenblock gesetzt. Vorne entlastet ihn Jannik Kohlbacher (99 Länderspiele/202 Tore). Der 28-jährige Koloss von den Rhein-Neckar Löwen ist standfest, fast immer anspielbar und besticht durch hohe Wurfeffizienz. Dritter Mann ist der deckungsstarke U-21-Weltmeister Justus Fischer (vier Länderspiele/drei Tore) von der TSV Hannover-Burgdorf. Dem 20-Jährigen mit Schuhgröße 51 wird eine große Zukunft vorausgesagt.

Einschätzung Auf dieser Position ist absolute internationale Klasse vorhanden.

EM-Modus

Vorrunde
Bei der EM treten in der Vorrunde 24 Mannschaften in sechs Vierergruppen an. Die beiden Gruppenersten erreichen die Hauptrunde, in der sie zwar auch in der gleichen Gruppe stehen, dort aber nicht mehr gegeneinander spielen, sondern ihr Ergebnis und die Punkte aus dem direkten Vergleich der Vorrunde mitnehmen. Deutschland spielt in der Vorrunde gegen die Schweiz (10. Januar, 20.45 Uhr/ZDF), Nordmazedonien (14. Januar, 20.30 Uhr/ZDF) und Frankreich (16. Januar, 20.30 Uhr/ARD).

Hauptrunde
Die Hauptrunde besteht aus zwei Sechsergruppen, in der jede Mannschaft vier Spiele bestreitet. Die beiden Gruppenersten erreichen schließlich das Halbfinale in Köln. Neben dem Finale gibt es zudem ein Spiel um Platz drei und ein Spiel um Platz fünf.