Magische Momente prägen das Musical „Big Fish“ in Stetten. Foto: Petra Bail - Petra Bail

Ein ambitioniertes Musiktheater-Projekt hat das Theater unter den Kuppeln in Stetten auf die Bühne gebracht. „The Big Fish“ in der Inszenierung von Julia Brückner begeisterte das Premierenpublikum durch viele magische Momente.

Leinfelden-EchterdingenWettergott Petrus hatte ein Einsehen. Erst kurz vor Schluss regnete es in Stetten auf den Fildern. So erlebten Zuschauer und Darsteller eine nahezu ungetrübte Premiere des großartigen Sommermusicals „Big Fish“. Der kurze Regenguss hielt die Akteure des Theaters unter den Kuppeln (TuK) in Leinfelden-Echterdingen nicht davon ab, die anrührende Vater-Sohn-Geschichte nach drei Stunden ausgezeichneter Unterhaltung unter viel Applaus des Premierenpublikums zu einem gefühlvollen Ende zu bringen, bei dem manch ein Zuschauer eine Träne verdrücken musste.

Unter der Regie von Julia Brückner wurden alle Register der Musical-Kunst gezogen. Die Darsteller, allesamt Laien, und die Musiker lieferten ein beachtliches Ergebnis ab, das manche Profi-Bühne aufhorchen lässt. Es wurde ausgezeichnet gesungen, getanzt und gespielt in dem Stück, das in vielen Rückblenden das Leben von Edward Bloom, einem Handlungsreisenden aus Alabama, erzählt. Allein aufgrund der unterschiedlichen Musikstile ist das für das Orchester unter Leitung von Peter Pfeiffer eine enorme Herausforderung, die alle bravourös gemeistert haben.

Bei Edward Blooms Geschichten weiß man nie so genau, was wahr ist und was erfunden. Ununterbrochen erzählt er allen, die es hören wollen oder auch nicht, amüsante Anekdoten aus seinem abenteuerlichen Leben. Da ist er immer er der tolle Hecht, der „Big Fish“. Sein erwachsener Sohn Will ist genervt davon. Als er von der unheilbaren Krankheit seines Vaters erfährt, möchte er die reale Figur hinter den Erzählungen kennenlernen. Diese Annäherung wird so fantasievoll, bunt, komisch und berührend zugleich auf der Bühne dargestellt, dass alle Sinne gefordert sind. Man muss hören, schauen und man glaubt sogar zu riechen, dass der Riese Karl seit Urzeiten nicht mehr aus seiner Höhle gekommen ist. Ja, auch einen Riesen will Edward auf seinen Fahrten durch die USA kennengelernt haben.

Man taucht in Rückblenden ein in die unglaubliche Welt einer Hexe, die dank Glaskugel in die Zukunft blicken kann. Edward erzählt, wie sein Tod aussehen wird. Man begleitet ihn zur geheimnisvollen Meerjungfrau, von der er seinen ersten Kuss erhält, findet sich plötzlich in einem turbulenten Zirkus wieder und fiebert mit, wenn Edward, der Alltagheld, seine kleine Heimatstadt Ashton von einem bösen Riesen befreit, der bei genauerem Betrachten klug und sogar philosophisch ist.

Das klingt verdächtig nach amerikanischem Kitsch, ist es aber nicht. Julia Brückner, die auch für die musikalische Gesamtleitung zuständig ist, hat ein Händchen für die Gratwanderung. Durch das stimmige Verknüpfen der erfundenen Welt voller Magie mit der nüchternen Wirklichkeit und Überblendungen driftet das Musical nicht ins Beliebige ab. Bei allem wunderbaren Bühnen-Bling-Bling, gespickt mit Gags, schwelt der Vater-Sohn-Konflikt.

Denn die beiden sind grundsätzlich verschiedener Natur. Matthias Tränkle, der in der Premiere Edward darstellt, zeigt den Vertreter als großen Freigeist, der die kleinen Alltagsfluchten durch fantasievolle Anreicherung seiner realen Erlebnisse unternimmt. Sein Sohn Will dagegen ist Realist durch und durch. Schon als Kind (wunderbar neunmalklug: Till Altmann) zweifelt er die Geschichten seines Vaters an. Colin Weitmann spielt den Mann, der selbst im Begriff ist, Vater zu werden. Da gräbt Will tiefer und entdeckt am Ende überrascht, dass hinter jeder Erzählung ein Körnchen Wahrheit steckt. Edward ist eben doch ein großer Fisch in einem kleinen Teich.

Allein von der Kennenlerngeschichte seiner Eltern gibt es sieben Varianten, erzählt er seiner Frau Josephine (Irem Baskale). Alle sind romantisch. Was spielt es für eine Rolle, ob der Vater drei Jahre im Zirkus geschuftet hat, um den Namen seiner Angebeteten Sandra (Miriam Hernandez) zu erfahren, um dann, wie einst Münchhausen, als lebendige Kanonenkugel in den 1000 Kilometer entfernten Ort geschossen zu werden, in dem sie studierte? Wichtig ist das Blumenmeer aus 1000 Narzissen, das er ihr zu Füßen legt. Die gelben Blumen wurden dafür alle eigenhändig vom TuK-Team gebastelt.

Harald Rehms Bühnenbild, das variabel für alle drei Freiluft-Produktionen dieser Saison sein muss, hält den Flashbacks mühelos stand. Dank Drehbühne kommt der passend ausgestattete Hintergrund zum lebhaften Stadtleben, zum mysteriösen Hexenwald und zur knalligen Zirkusmanege zum Vorschein. Dazwischen wird ausgelassen gefeiert und gekonnt getanzt (Choreografie: Sara Crouch Rymer und Nina Oelmann). Auch die zauberhaften Kostüme, die Marleen Reimann und ihr Team den Darstellern auf den Leib geschneidert haben, sind echte Hingucker, die Interpretation von Stars und Stripes auf den Blusen und Röckchen der Show-Girls äußerst reizvoll.

„Big Fish“ ist ein großer Wurf und eine der gelungensten Produktionen des ambitionierten Laientheaters auf den Fildern. Musik, Tanz, Gesang und Schauspiel gehen dabei eine so stimmige Symbiose ein, wie man sie selten bei einem Singspiel erlebt, an dem ausschließlich Freizeitakteure mitwirken. Eine klasse Leistung des 30-köpfigen Ensembles.

„Big Fish“ wird bis 10. August, freitags und samstags, jeweils um 20.30 Uhr gespielt. Karten: dienstags und freitags von 15 bis 18 Uhr unter Telefon 0711/79 51 11 oder online unter www.tudk.de.

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