Gespräche zur europaweiten Jugendstudie "Generation What?" in der Esslinger Hochschule und auf der Maille - hier Hendrik Behling, Dominik von Benthen, Levin Schauber (von links). Foto: Dietrich - Dietrich

Von Peter Dietrich

Fast eine Million junger Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus 35 Ländern Europas haben sich an der Jugendstudie „Generation What?“ beteiligt. Vor einigen Tagen wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Ob die hiesigen Jugendlichen wohl genauso ticken wie der europäische Durchschnitt? Die Tendenz ist eindeutig: Sie tun es.

Zu „Generation What?“ gehörten jedoch 149 Fragen von Politik bis Lebensglück. Die Esslinger Gespräche drehten sich um eine Themenauswahl mit nur zwölf Fragen. Die etwa zweistündige Befragung fand auf dem Gelände der Esslinger Hochschule und auf der Maille statt. Die Auswahl ist also nicht repräsentativ, vielleicht sieht ein junger Berufstätiger ja manche Dinge anders. Doch so einiges scheint völlig klar, etwa das entspannte Verhältnis zu den Eltern. Von Zoff mit diesen berichtete kein einziger Jugendlicher, gelobt wurden gegenüber früher mehr Freiheiten. Auf die Elternschaft folge mit zunehmendem Alter so eine Art Freundschaft, sagt Elisabeth Lämmle.

Bereicherung statt Bedrohung

Ebenfalls Konsens: Die EU und offene Grenzen sind grundsätzlich positiv. Deutliche Kritik kommt aber im Detail, etwa zur demokratischen Legitimation der EU-Kommission. „Europa hat auf jeden Fall Vorteile. Brexitmäßig will ich überhaupt nicht unterwegs sein“, sagt Michael Sindlinger und spricht dabei für viele. „In England beschweren sich die Jüngeren, dass die Älteren für den Brexit gestimmt haben, und sie haben nun die Folgen zu tragen“, sagt Vincent Schenien. Er hält es aber für dringend nötig, dass sich Europa gemeinsam eine eigenständige Meinung bildet, gerade gegenüber den USA.

Als was sehen die Jugendlichen die Flüchtlinge? Als Bedrohung nimmt sie keiner wahr, aber viele sehen sie als eine große Aufgabe, teils auch als Bereicherung, man könne von ihnen lernen. „Wenn ich ein Flüchtling wäre, ich wäre extrem froh, wenn mich ein Land aufnehmen würde“, sagt Michael Sindlinger. Auch Felix Stumpf kann sich für sich selbst Fluchtgründe vorstellen und betrachtet die Frage wie viele andere sehr pragmatisch: Man könne nicht alle aufnehmen, müsse ein Maß finden. Er sieht ebenfalls ein Europa ohne Zoll- und Passkontrollen positiv, bemängelt aber dessen Schwerfälligkeit: „Bis manche Entscheidung endlich getroffen werden kann, ist das Problem inzwischen verjährt.“ Manchmal mache die Politik mit neuen Gesetzen die Lage schwieriger, als sie vorher war, findet er, und ist damit nicht alleine. Sie stelle viele Probleme selbst her, sagt Jens Pusch. „Wenn Großunternehmen etwas anstellen, wird weggeguckt, weil die eine Lobby haben. Die Kleinen hingegen werden wie die größten Verbrecher behandelt“, kritisiert er und verweist auf den Abgasskandal. „Wer keine Lobby hat, hat keine Chance.“ Diese Einschätzung teilt er mit anderen Befragten, für die eindeutig Wirtschaft, Finanzen und Parteispendengeber das Sagen haben.

Differenziertes Bild von den Medien

Von den Medien haben die Jugendlichen ein sehr differenziertes Bild. Vieles werde einseitig dargestellt, meint Jens Pusch. „Man muss schon ein bisschen hinterher sein, was man glaubt und was nicht.“ Um es genauer zu wissen, müsse man vieles selbst heranholen und nachlesen. Andere verweisen auf ausländische Zeitungen. „Was hintenherum läuft, ist nicht alles so, wie man es in der Zeitung liest“, sagt Fabian Kristmann. Auch wenn die Berichte wohl größtenteils der Wahrheit entsprächen. „Manches komme erst nach längerer Zeit heraus.“ Die große Diskussionsrunde vor der Mensa kritisiert den engen Fokus der Medien, ein Student nennt Beispiele: Über Syrien werde viel mehr berichtet als über den Krieg in Jemen, aber dort sei eben nicht der „böse Russe“ beteiligt. Kritisch sei die Schnelligkeit der Medien, sagen andere, darunter leide die Korrektheit der Schlagzeile. Lieber etwas später, aber korrekt – das ist in der Runde Konsens. Denn was falsch in die Welt gesetzt wurde, das bleibe hängen.

Was ist mit einem eigenen politischen Engagement, in einer Partei? „Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht“, meint eine Studentin in der Runde. Der Trend geht zur Nicht-Regierungs-Organisation. „Aber es muss sich irgendwie ergeben, einem über den Weg laufen, zu einem selber passen.“

„Beim Versuch, Probleme zu lösen, treten neue auf“, gibt Fabian Kristmann bei der Politik zu bedenken. „Der Politiker muss das Große und Ganze sehen“, betont eine Studentin. „Man kann es nicht allen recht machen, irgendjemandem fährt man gegen den Karren“, wirbt auch Uli Rempt für Verständnis, hat aber auf die Politik auch eine ironische Betrachtung: „Man löst die Probleme, die man ohne sich selbst nicht hätte.“ „Ich denke nicht, dass die Wähler da viel Einfluss haben“, sagt Elisabeth Lämmle. „Sie können wählen, wen sie drin haben wollen, aber die machen am Ende doch, was sie wollen.“ Sie würde mehr Volksabstimmungen begrüßen, ebenso wie Uli Rempt und andere auch. Die Jugendlichen betonen, dann gehörten aber auch genügend Informationen dazu. Schlecht sei, wenn die Leute nach Gefühl abstimmen.

Hat im Bildungssystem jeder eine Chance? Er kenne Studenten, deren Eltern nur eine betriebliche Ausbildung hätten, sagt Uli Rempt. Für Elisabeth Lämmle ist es sehr wichtig, dass es keine Studiengebühren gibt. „Da gibt es andere Länder, wo es viel düsterer aussieht“, sagt Hendrik Behling. Doch für ihn und Levin Schauber sind die Kontakte der Eltern bei der Stellensuche ein wichtiger Faktor. Letzterer betrachtet Politik und Gesellschaft differenziert: „Wir sehen zwar viele Fehler, aber gerade hier in Deutschland müssen wir vor wenig Angst haben, wir leben in einem tollen Land. Das Kapital, der Lobbyismus haben viel zu viel mitzureden, aber es funktioniert ja irgendwie.“

Nahost-Konflikt und Klimawandel

Hat es die heutige Jugend einmal besser als die Eltern, oder schlechter? Auf jeden Fall anders, sagen Jugendliche. Bei der Rente hätten es die Eltern besser. Ein guter Berufsabschluss sei keine Garantie mehr, sich keine Sorgen machen zu müssen. Die großen Probleme der Welt, die Esslinger Jugendlichen Sorgen machen, sind ansonsten vielfältig, vom Nahostkonflikt über den Klimawandel bis zur Geburtenquote – in Deutschland zu niedrig, in manchen anderen Ländern zu hoch. Werden in einem Europa am Wendepunkt die richtigen Entscheidungen getroffen? Das beschäftigt die jungen Menschen in Esslingen.

Driften Arm und Reich immer weiter auseinander? Hier gehen die Wahrnehmungen so weit auseinander wie bei keiner anderen Frage. Manche sind nicht dieser Auffassung oder können es nicht einschätzen. Andere sehen das durch persönliche Kontakte anders, so wie Levin Schauber: „Das nimmt eindeutig zu. Ich kenne Leute, die entlassen wurden, die in Hartz IV gekommen sind, die in Privatinsolvenz gehen mussten.“

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