Jan Lutz fährt auf dem Lastenrad „Antje“. In der Konstruktion vor dem Lenker können bis zu vier Kinder mitgenommen werden. Foto: Olbort Quelle: Unbekannt

Von Janey Olbort

Durch Stuttgarts Straßen rollen jeden Morgen und Abend aufs Neue kilometerlange Blechlawinen. Laut einer Studie des Verkehrsdatenanbieters Intrix standen Pendler, die mit dem Auto fahren, in Stuttgart 2016 rund 46 Stunden im Stau. Wer endlich an sein Ziel kommt, steht vor der Herausforderung, einen Parkplatz zu finden. Sogenannte Lastenräder werden deshalb nun als platzsparendes und umweltfreundliches Verkehrsmittel getestet.

Einkaufstüten, Sprudelkisten oder sperrige Möbel in der Stadtbahn zu befördern oder durch die Stadt zu tragen ist meist unkomfortabel und umständlich. Für Jan Lutz allerdings kein Grund, ins Auto zu steigen: Der Kommunikationsdesigner erledigt solche Tätigkeiten mit dem Lastenrad. Diese Zwei- oder Dreiräder bieten dem Fahrer durch Anhänger oder zusätzliche Ladeflächen vor dem Lenker viel Platz, um bis zu 150 Kilogramm Gepäck zu transportieren. Unterstützt wird der Fahrer dabei, je nach Modell, von einem Elektromotor. Eines der Räder - „Antje“, ein schwarzes Dreirad - hat eine große Kiste mit zwei Holzbänken im Inneren vor dem Lenker, in der bis zu vier Kleinkinder mitfahren zu können; Anschnallgurte sind auch vorhanden. Durch die verschiedenen Designs, sind die insgesamt sechs Räder der Flotte vielseitig einsetzbar. „Ich nutze die Räder am liebsten, um Altglas zu entsorgen“, sagt Jan Lutz.

Er untersucht im „Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur“, einem Projekt der Uni Stuttgart, wie sich Mobilität und Verkehr in Stuttgart zugunsten der Nachhaltigkeit verbessern lassen. Das „Reallabor“ wird vom Land im Rahmen des Programms „Stärkung des Beitrags der Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung“ gefördert. Außer den Lastenrädern führt Lutz noch weitere Projekte, wie die Feinstaub-Messgeräte zum Selberbauen oder eine App, die fleißige Radfahrer mit Gutscheinen lokaler Einzelhändler belohnt, durch.

Die zwei- oder dreirädrigen Fahrzeuge können in der Innenstadt, in Bad Cannstatt und in Feuerbach an fünf Stationen ausgeliehen werden. „Das ist ein Angebot, damit die Leute Lastenräder ausprobieren können.“ Wer eine Runde auf dem Rad drehen möchte, kann das Gefährt online reservieren. Ist ein freier Tag gefunden, wird das Rad an der gebuchten Ausleihstation abgeholt und nach der Tour dorthin zurückgebracht. Die Bezahlung erfolgt auf Spendenbasis. „Fünfzehn Euro pro Tag sollten es schon sein, um die Instandhaltung der Räder finanzieren zu können.“ Die Ausgaben dienen vor allem den Materialkosten, denn die Reparaturen werden von Ehrenamtlichen durchgeführt.

4500 Euro für ein Lastenrad

Die Räder der Flotte wurden größtenteils über Crowdfunding, eine Art Spendensammeln im Internet, finanziert. Für die kommenden Jahre ist geplant, dass weitere dazu kommen. Wie diese finanziert werden können, ist noch offen. „Am besten wäre es, wenn Einrichtungen, die Lastenradstation sein möchten, auch ein selbstfinanziertes Rad zur Verfügung stellen würden“, sagt Lutz. Die Kosten belaufen sich auf rund 4500 Euro pro Rad.

Für die Zukunft wünscht sich Lutz für die Lastenräder mehr Unterstützung seitens der Stadt. Man habe das Projekt zwar schon einmal mit 500 Euro unterstützt, er habe jedoch den Eindruck, dass solche Konzepte in der Region eher abgelehnt würden. Lutz, der täglich von Esslingen nach Stuttgart radelt, stellt eine große Ablehnung gegenüber den Radfahrern im Innenstadtverkehr fest. „Autofahrer denken, ihnen gehört die Straße hier“, so Lutz. Seine persönliche Statistik habe ergeben, dass Radler im Verkehr im Schnitt alle zehn Kilometer aggressiv angegangen werden, etwa durch Beleidigungen oder Anrempler mit dem Außenspiegel.

Ebenso ist er der Auffassung, dass es in der Innenstadt „null Infrastruktur für Radfahrer“ gibt - denkbar ungünstige Voraussetzungen für die Nutzung der breiten Lastenräder. Dennoch sieht Lutz dringend Bedarf zum Umdenken im Straßenverkehr. „Wenn dann ab 2018 rund 70 000 Dieselfahrzeuge an Feinstaubtagen nicht mehr ins Stadtgebiet kommen, wird es höchste Zeit für Veränderungen.“ Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens habe man in Stuttgarts Innenstadt außerdem „Platznot, die eigentlich nicht vorhanden sein muss“. Mit Konzepten wie dem Verleih von Lastenrädern will Lutz deshalb auch in Zukunft Alternativen zum Auto unterstützen und bekannt machen.

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