Ulrich Fehrlen Foto: Robin Rudel - Robin Rudel

Anlässlich des 100. Geburtstages des Verbandes zieht Ulrich Fehrlen Bilanz. An den Problemen des Esslinger Sports und damit den Aufgabenstellungen habe sich kaum etwas geändert.

EsslingenEsslingen ist eine Stadt, in der viel Sport getrieben wird. Viel Vereinssport. Nur wenige Jahre nach der Gründung der ersten Sportvereine um den Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert schlossen sich diese 1919 im „Stadtverband für Leibesübungen“ zusammen, um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. Mittlerweile heißt der Dachverband etwas zeitgemäßer „Sportverband Esslingen“. Im Jahr 1998 hat Ulrich Fehrlen, der auch der Turnerschaft Esslingen vorsteht und für die FDP im Kreistag sowie Gemeinderat sitzt, den Vorsitz von Otto Schönhaar übernommen. Anlässlich des 100. Geburtstages des Verbandes zieht er im Interview Bilanz – und stellt fest, dass sich an den Problemen des Esslinger Sports und damit den Aufgabenstellungen kaum etwas geändert hat.

100 Jahre Sportverband Esslingen. Ist das eine Erfolgsgeschichte?
Selbstverständlich ist es eine Erfolgsgeschichte. Denn der Verband war von Anfang an darauf ausgerichtet, das Verhältnis der Esslinger Vereine mit der Stadtverwaltung zu regeln und war der Ansprechpartner der Stadt für alle Bereiche, die den Sport betreffen. Schon in den ersten Jahren ging es um Sportstätten, damals in erster Linie um Rasenplätze, aber auch schon um die Hallenbelegung. Diese Themen begleiten uns bis in die heutige Zeit.

Die Sportstätten stellten also damals schon die größte Herausforderung dar. Dann hat sich bis heute gar nicht so viel geändert.
Ich zitiere mal von der Gründungsversammlung am 14. Dezember 1919 im Palmschen Bau. „Gemeinsames Handeln in Fragen, welche der Hebung und Pflegung der Turnerei und des Volkssports dienen“, lautete damals die Formulierung der Grundlage der Arbeit des Verbandes. Wenn man das in die heutige Zeit übersetzt, ist das die Förderung des Sports an sich und alles, was dabei die Belange der Stadt angeht.

Der Sportverband bündelt die Interessen der sporttreibenden Vereine Esslingens. Die Stadt hat verhältnismäßig viele Sportvereine. Spricht das für die große Sportaffinität der Esslinger oder eher für eine Zersplitterung und unterschiedliche Interessen?
Die Vielzahl der Vereine ist traditionell gewachsen. Wir haben derzeit 45 Mitgliedsvereine. Es waren mal 47, durch Fusionen sind es etwas weniger geworden. Neue sind dazu gekommen, unser jüngstes Mitglied ist der FC Esslingen. Von den Gründungsvereinen gibt es etliche nicht mehr, sie sind in anderen aufgegangen.

Wie kam das?
Durch den Neubau des Neckarkanals in den 1950er-Jahren etwa sind auf den Sirnauer Wiesen Sportplätze weggefallen. Die Sportfreunde Esslingen, der Turnerbund und der TSV waren dort beheimatet und mussten weichen. In diesem Zusammenhang wurde vonseiten der Stadt versucht, ein Sportgelände für einen Großverein zu bauen. Das kam aber nicht zustande. Der Turnerbund ist dann mit der Turngemeinde an der Römerstraße fusioniert. Der TSV ist nach Weil gegangen und hat mit den Sportfreunden fusioniert, das ist heute die SV 1845.

Fusionen waren also immer wieder ein Thema.
Ja. Auch der SV Zell und der VfB Oberesslingen sind zusammengegangen, der VfL Post in der Pliensauvorstadt schloss sich der SV 1845 an, der Fußballverein Mettingen hat sich mit dem Turnverein Mettingen zusammengeschlossen. Es war also schon immer Bewegung drin. Aber nicht genug, um einen Großverein in Esslingen zu installieren.

Der Sportverband ist unabhängig von Verbandsstrukturen, er vertritt die Interessen seiner Mitgliedsvereine in der Stadt Esslingen. Im Gegensatz etwa zum Sportkreis, der Mitglied im WLSB und damit im DOSB ist. Ist das ein Vorteil?
Es ist ein Vorteil, wenn man nicht in die Hierarchien der Verbände eingebunden ist. Früher haben die Vereine die Verbände gegründet, damit die Verbände den Vereinen nutzen. Heute ist es ja eher umgekehrt. Wir haben nach oben Freiheit.

Und wie ist der Blick des Sportverbandes über die Stadtgrenzen hinaus?
In anderen Städten gibt es zum Teil ja auch Sportbünde, die mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Da tauscht man sich aus. Mit dem Sportkreis gibt es einen regen Austausch, der ja auch schon personell gegeben ist: Margot Kemmler etwa ist in beiden Gremien vertreten.

Viele Sportler in Esslingen sind mit der Hallensituation unglücklich. Ähnliche Klagen hört man aber auch in fast allen anderen Städten der Region. Wie steht Esslingen wirklich da?
(Denkt nach) Es ist besser geworden. Durch die Halle an der Römerstraße gab es eine Entlastung. Im Moment stehen alle Hallen, bei denen es Renovierungen gegeben hat, wieder zur Verfügung. Die Halle in Weil ist super geworden. Bedarf nach mehr Hallenkapazitäten gibt aber es immer und die Vereine müssen versuchen, umzuschichten. Demnächst bekommen wir wieder ein Problem, wenn die Schelztorhalle vom Netz geht. Dann müssen wir wieder zusammenrücken, bis sie so hergerichtet ist, dass man sie sinnvoll nutzen kann.

Wie lange wird das Ihrer Einschätzung nach dauern?
Im Moment hängt die Sache ein bisschen. Es soll eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Seit die Halle unter Denkmalschutz steht, ist ein Neubau ja vom Tisch. Die Sanitäranlagen sind in einem sehr schlechten Zustand. Wir haben an die Stadt einen Appell gerichtet, einiges sofort zu reparieren. Denn man kann damit nicht warten, bis die Sanierungsarbeiten beginnen. Die Schelztorhalle ist im Moment unser Sorgenkind, was die kommunalen Sportstätten betrifft.

Sie sagen, Sie hätten einen Appell an die Stadt gerichtet. Wie groß ist der Einfluss des Sportverbandes? Es gibt ja auch Schnittmengen, was die Sport- und die Kommunalpolitik betrifft – gerade in Ihrer Person.
(lacht) Ich habe innerhalb von 24 Stunden eine Antwort gehabt, dass alles, was beanstandet wurde, in Auftrag gegeben wird. Jetzt warten wir nur noch auf die Umsetzung.

Was waren die größten Erfolge des Sportverbandes in den vergangenen Jahren?
Ich möchte es nicht mit dem Wort Erfolg beschreiben. Es geht eben voran in bestimmten Bereichen. Wir waren am Sportstättenleitplan beteiligt, der im Jahr 2000 aufgestellt wurde, wir waren vor zwei Jahren bei der Untersuchung über den Investitionsstau an den städtischen Sporteinrichtungen dabei. Wir waren auch an der Neugestaltung des Sportgeländes Weil beteiligt. Bei solchen Dingen werden wir seitens der Stadt immer einbezogen. Und wir haben etwa auch schon lange vor der Verwirklichung die Gründung des Fußballvereins FC Esslingen moderiert.

Ist Esslingen eine sportaffine Stadt?
Das glaube ich schon. Man muss nur die Breite dessen anschauen, was von den Vereinen angeboten wird. Das geht vom Luftsport bis zum Wassersport. Auch bei der jährlichen Sportlerehrung sieht man, welche Breite – vielleicht weniger Spitze – da ist. Daran kann man sehen, dass wir dem Auftrag nachkommen, den Sport für eine breite Bevölkerungsschicht zu fördern.

Ist auch die Stadtverwaltung sportaffin?
Wir haben in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. Das hängt natürlich von den Personen ab. Nicht nur auf der Arbeitsebene, mit den Menschen dort sind wir immer gut ausgekommen, sondern auch an der Spitze. Wir hatten mit Markus Raab einen sehr guten Sportbürgermeister und wir hoffen, dass wir mit seinem Nachfolger Yalcin Bayraktar ähnlich gut zurecht kommen, wenn er im Januar seinen Dienst antritt. Der neue Amtsleiter Marius Osswald ist dem Sport gegenüber auch sehr aufgeschlossen. Das Verhältnis zur Stadt war übrigens schon immer ein Thema unseres Verbandes. 1930 etwa gab es einen neuen Oberbürgermeister, Lang von Langen. Der war dem Sport gegenüber offen. In der Chronik zu unserem 75. Jubiläum hieß es dazu: „So sportfreundlich sich der damalige OB auch gab, seine Ämter, insbesondere das Liegenschaftsamt, waren es weniger.“

Weitere hundert Jahre vorauszuschauen, ist etwas schwierig. Aber was wäre Ihr Wunsch, wo der Esslinger Sport in 25 Jahren steht?
Ich habe 1994 anlässlich des besagten 75. Jubiläums unter dem Titel „Von der Gegenwart in die Zukunft“ einige Ziele formuliert. Das ging von der Sicherung der Sportförderung über den Sportstättenbau bis zu den Öffnungszeiten der Turn- und Sporthallen etwa auch während der Ferien. Das sind alles mittel- und langfristige Ziele. Einiges davon läuft. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen, aber da ist noch nicht alles abgearbeitet. Daran wollen wir weiter arbeiten. Im Vordergrund müssen weiterhin die Sportstätten stehen.

Das Gespräch führte Sigor Paesler.

100 Jahre Sportverband

14. Dezember 1919: Der heutige Sportverband Esslingen wird als Stadtverband für Leibesübungen gegründet. Der erste Vorsitzende ist

Karl Weeber.

1933: Der Verband wird als Ortsgruppe in den Reichsbund für Leibesübungen zwangsintegriert.

1953: Wiedergründung als Stadtverband für Leibesübungen.

2013: Umbenennung in Sportverband Esslingen.

15. Dezember 2019: Empfang zum Jubiläum in der Alten Aula in Esslingen unter dem aktuellen Vorsitzenden Ulrich Fehrlen.

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