Foto: Klinikum Stuttgart

Professor Dr. Michael Günter ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart und erklärt im Interview, warum man Depressionen bei Kindern ernstnehmen muss.

Freudlos, antriebslos, manchmal aggressiv gegenüber anderen – Depressionen bei Kindern sind nicht immer leicht zu diagnostizieren, weil sie sich anders als bei Erwachsenen äußern. Dabei gehören diese auch in sehr jungem Alter zu den häufigsten psychischen Störungen. Selbst Säuglinge können bereits an Depressionen erkranken, weiß Michael Günter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Entscheidend ist es dann, sich frühzeitig Unterstützung zu suchen.


Es gibt Untersuchungen, wonach sich die Anzahl depressiver Kinder unter 14 Jahren im Zeitraum zwischen 2005 und 2017 verdoppelt hat. Wie erklärt man sich aus ärztlicher Sicht diesen Anstieg?
Das hat vor allem mit einer erhöhten Aufmerksamkeit zu tun. Diese richtet sich zunächst allgemein auf den Gesundheitszustand von Kindern, aber auch auf das Thema psychische Erkrankungen. Bis vor 30, 40 Jahren wurden Depressionen bei Kindern nicht diagnostiziert, weil die Symptome anders als bei Erwachsenen aussehen. Heute ist die Versorgung besser, mehr Kinder werden bei Ärzten vorgestellt und auch Mediziner wissen mehr über die Krankheit. So bleiben Depressionen bei Kindern nicht mehr so häufig unerkannt, wie dies früher der Fall gewesen ist.


Wie zeigt sich eine Depression bei Kleinkindern, Kindern beziehungsweise Jugendlichen? Wie sehen die Symptome aus?
Am besten fangen wir bei den Säuglingen an. Bei ihnen zeigt sich eine Depression in somatischer Form – das können Fütterstörung, Gedeihstörung, aber auch Regulationsstörungen sein – sprich: die Babys schreien ohne Ende, weil sie ja nicht sagen können, dass es ihnen schlecht geht. Die Symptome wurden bereits in den 1940er-Jahren von René Spitz beziehungsweise von John Bowlby an Säuglingen in Kinderheimen beschrieben. Spitz beobachtete eine typisch wiederkehrende Abfolge: Die Kriegswaisen waren zunächst laut, dann wurden sie still – man dachte, sie wären auf dem Weg der Besserung – und dann starben viele an Infekten. René Spitz nannte dies eine „anaklitische Depression“, eine „Anlehnungs-Depression“. John Bowlby sprach vom frühkindlichen „Hospitalismus“.


Welche Symptome weisen Kleinkinder beziehungsweise Kinder im Schulalter auf, die an Depressionen erkrankt sind?
Bei diesen sind es dann vor allem psychosomatische Symptome: Sie nässen ein, bekommen Bauchschmerzen oder klagen über andere Schmerzen. Bei Schulkindern kommt häufig noch das Leistungsversagen im Unterricht hinzu, andere hingegen werden aggressiv. An eine Depression denken dabei die wenigsten, weil die Kinder nicht die traurige Verstimmtheit zeigen, die wir von Erwachsenen kennen. Was die Diagnose auch erschwert: Es kann durchaus sein, dass diese Kinder ein, zwei Stunden draußen spielen, fröhlich sind und erst danach wieder in sich „versacken“. Bei Jugendlichen ist es ein wenig anders. Hier nähern sich die Symptome jenen an, die wir von Erwachsenen her kennen – sprich: Schlafstörungen, niedergedrückte Stimmung, Selbstvorwürfe, Gedankenkreisen. Sie denken, dass alles keinen Sinn und Wert hat. Bei manchen treten Suizidgedanken auf.


Wie können Eltern ihren Kindern am besten helfen, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt?
Es ist wichtig, in diesem Fall Fachleute zu konsultieren – sprich: eine Beratungsstelle aufzusuchen, zum Kinder- und Jugendpsychiater oder zum Kinder-Psychotherapeuten zu gehen. Denn sollte es eine Depression sein, ist diese behandlungsbedürftig. Und wenn keine ernsthafte Erkrankung besteht, sind die Betreffenden nach der Diagnose erleichtert. Man sollte allerdings bereits im Vorfeld darauf achten, was ein Kind belastet. Macht es sich über etwas Sorgen, wird es eventuell in der Schule gemobbt? Gerade ausgeprägtes Mobbing kann sehr schwere Depressionen verursachen. Selbst wenn das Mobbing gestoppt wurde, bleiben manche Kinder in der Depression und Selbstwert-Problematik hängen, die noch Jahre andauern kann. Auch darauf gilt es, als Eltern zu achten.


Kommen wir zu den Behandlungsmöglichkeiten. Wie kann depressiven Kindern und Jugendlichen denn geholfen werden?
Im Wesentlichen behandelt man kindliche Depressionen mit Psychotherapie. Das ist das wichtigste Mittel und vor allem deutlich wirksamer, als der Einsatz von Antidepressiva. Vor allem für Kinder gibt es bislang nur wenige Studien, die eine Wirksamkeit von Psychopharmaka belegen. Vereinfacht kann man sagen: Bei schweren Depressionen können Psychopharmaka gemeinsam mit Psychotherapie eine gewisse Wirksamkeit entfalten, bei leichten Depressionen ist dies hingegen eher fraglich.


Wenn bei Kindern oder Jugendlichen eine Depression vorliegt, sollte man die Lehrer beziehungsweise die Erzieher darüber informieren?
Das ist natürlich eine individuelle Entscheidung. Aber tendenziell würde ich sagen, dass die Betroffenen heutzutage wegen ihrer Krankheit nicht mehr so stigmatisiert werden. Eine Depression ist heute allgemein anerkannt. Und die Umwelt merkt sowieso, dass etwas nicht stimmt. Bevor man irgendwelchen Spekulationen und wilden Gerüchten Tür und Tor öffnet, ist es besser, zu sagen, dass es einem nicht gut geht und man eine Depression hat. Es ist in einem solchen Fall auch okay zu sagen, dass man nicht weiter darüber reden will.

Das Interview führte Andrea EisenmannText

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