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Betrügerische Anrufe oder Mails machen die Runde, alle mit dem Ziel, auf verbrecherische Weise an Geld argloser Opfer zu kommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Polizei nicht solche Delikte angezeigt werden. Und irgendwann wird man – allen Warnungen zum Trotz – vielleicht selbst Zielscheibe krimineller Machenschaften, wie der Autor nun erfahren musste, der fast zum Opfer von Mail-Spoofing wurde.

Kreis EsslingenBetrügerische Anrufe und E-Mails machen die Runde, alle mit dem Ziel, auf verbrecherische Weise an Geld argloser Opfer zu kommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Polizei nicht solche Delikte angezeigt werden, auch im Landkreis Esslingen. Und irgendwann wird man – allen Warnungen zum Trotz – vielleicht selbst Zielscheibe krimineller Machenschaften, wie der Autor nun erfahren musste.

Er sei nach Odessa gereist und habe seine Tasche samt Reisepass und Kreditkarte verloren, meldete sich ein alter Freund namens Horst nach Jahren plötzlich wieder mal mit einem überraschenden Hilferuf. Die Botschaft sei bereit, ihn ohne Pass fliegen zu lassen, doch müsse er sein Flugticket und die Hotelrechnung noch zu bezahlen. Die sonderbare Mail (siehe nebenstehendes Foto) endet mit einem konkreten Wunsch: „Ich wollte dich fragen, ob du mir 1500 € leihen kannst. Ich warte auf deine Antwort.“ Unterzeichnet ist das Schreiben mit einem vertrauten „LG Horst“. Die E-Mail-Adresse im Absenderfeld lässt erst mal keinen Zweifel zu: Klar, das ist ein alter Freund aus Würzburg. Etliche Jahre hat man nichts mehr voneinander gehört. Aber jetzt ist er offenbar in einer Notlage. Und da gehört es sich, so jedenfalls der erste Gedanke, einem Kumpel aus der Patsche zu helfen, selbst wenn sich der Hilferuf etwas sonderbar liest: keine persönliche Anrede, nichts Erklärendes, keine Handynummer für einen eventuellen Rückruf und vor allem mehrere Rechtschreibfehler, die „Horst“ selbst in der Eile des Geschehens nie passieren würden, denn er ist Deutsch-Lehrer.

Mehrere Fälle angezeigt worden

Pötzlich dämmert es: Einem Kollegen ist vor ein paar Monaten Ähnliches widerfahren. Bei ihm war es „Tante Berta“, die dringend Geld brauchte. Auch er tat einen Teufel, in irgendwelche obskuren Kanäle Geld zu überweisen, sondern wandte sich an die Polizei. Dort ist das Thema gerade hochaktuell, denn es gab im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Reutlingen in jüngster Vergangenheit mehrere Fälle von „Mail-Spoofing“, wie diese Betrugsmasche mit dem Vortäuschen einer Notlage in Expertenkreisen bezeichnet wird. Möglicherweise handelte es sich um den gleichen Täterkreis, denn auch in diesen Fällen kam der Hilferuf aus der Ukraine. Geld und Papiere seien gestohlen worden, wird vorgegaukelt. Und es wird leihweise um einen vierstelligen Betrag gebeten. Vermutlich über Internetrecherchen hat ein Gauner die Verbindung zwischen dem Hilferufer und dem möglichen Helfer herausgefunden und die gehackte E-Mail-Adresse angeschrieben. Ein echter Schaden sei allem Anschein nicht entstanden, berichtet Polizeisprecher Olaf Wolfer. Denn keiner der Angeschriebenen, die sich bei der Polizei gemeldet haben, sei auf den Betrug hereingefallen. Doch schränkt er ein: Es könnte eine „gewisse Dunkelziffer“ geben.

Noch viel weitere Kreise zieht die Masche „Phising“: Kriminelle versenden E-Mails, die meist unter einem Vorwand zum Öffnen eines in der Mail enthaltenen Links auffordern. Beispielsweise weil die angeblich die Kreditkarte ablaufe oder zur Bestätigung eines Kundenkontos erforderlich sei. Auf einer täuschend echt wirkenden, jedoch tatsächlich nur nachgeahmten Webseite wird dann zur Eingabe sensibler Daten wie Benutzername, Passwort oder PIN aufgefordert. „Mit dem Öffnen des Links kann bereits eine Schadsoftware in Gang gesetzt werden, die Rechnerdaten ausspäht, mit dem Ziel, diese dann für eine weitere Straftat zu benutzen“, erklärt Wolfer.

Polizei verhindert Geldübergabe

Mit ganz perfiden Methoden sind aber auch kriminelle Anrufer unterwegs, die sich als Polizeibeamte ausgeben. Man nennt das Call-ID-Spoofing. Vergangenen November waren laut Wolfer in den Landkreisen Reutlingen, Esslingen und Tübingen innerhalb kurzer Zeit rund 50 solcher verdächtiger Anrufe gemeldet worden, davon mehr als 15 von Bürgern aus Neuhausen. In einem Fall konnte die Polizei mit einem größeren Einsatz gerade noch rechtzeitig verhindern, dass ein älteres Ehepaar einer Betrügerbande Geld und Wertsachen aushändigt. Die Täter hatten sich am Telefon als Beamte des Polizeipostens Neuhausen ausgegeben und behauptet, dass ein Einbruch bevorstehe und das Vermögen der Eheleute nicht sicher sei.

Selten können solche Verbrecher dingfest gemacht werden. Es gebe Fälle, in denen mehrere 10 000 Euro in die Hand von Betrüger gefallen sei, berichtet Polizeisprecher Wolfer. Die Opfer seien längst nicht nur ältere Menschen, die zurückgezogen lebten. Das seien oft auch fitte Senioren.

„Horst“ hat sich nicht noch einmal gemeldet, was laut Polizeisprecher Wolfer nicht verwunderlich ist. Er wäre, so ist es bei diesen Betrügern wohl üblich, erst auf eine Antwort-Mail hin aktiv geworden. Aber er wird es mit seiner Betrugsmasche wieder versuchen und möglicherweise irgendwann erfolgreich sein.

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