01.09.2019 Mini-Festival zum Abschluss der "Good-Space"-Ausstellung in Esslingen.

 Foto: Diana Birk

Zum Ende der „Good Space“-Ausstellung in den Esslinger EAW-Hallen gab es ein zweitägiges Mini-Festival für experimentelle Musik, Kunst und Performance.

EsslingenDie Besucher betreten die große, kühle Lagerhalle. Die Dachfenster lassen nur wenig Sonnenlicht hindurchsickern. Skurrile, fast verstörende Klänge einer Geige und eines Kontrabasses hallen durch den Raum. Die Besucher sind sich nicht sicher, was sie bei dem Mini-Festival zum Abschluss der „Good Space“-Ausstellung der Villa Merkel erwartet. Große Räume, große Möglichkeiten, Large Open Spaces.

Ein großer Bildschirm, von zwei dunklen Wänden umzäunt, steht nahe des Eingangs der EAW-Hallen in Esslingen. Zu sehen ist eine Szenerie im Meer mit Menschen, die bunte, ungewöhnliche Kostüme tragen und sich unter Wasser befinden. Eine Art digitales Aquarium. Die philippinische Künstlerin Martha Atienza entwickelte dieses Schauspiel in Anlehnung an ein alljährliches philippinisches Fest, genannt „Ati-Atihan“. Der musikalische Festzug mit Tanz, Musik und Kostümen karikiert gesellschaftliche und politische Ereignisse der Philippinen und stellt ein starkes Bedürfnis nach Kreativität und Identität dar.

Die Besucher sind neugierig und folgen weiter den Klängen der Geige, die hinter dem großen Bildschirm herzukommen scheinen. Einige Interessierte haben auf den Stühlen Platz genommen, um sich auf das Unbekannte einzulassen. Geiger Luke Wilkins improvisiert mit seinem musikalischen Partner und Kontrabassspieler Adam Goodwin. Begleitet werden sie von einem Traktor. In unregelmäßigen Abständen lässt ein Mann, im Traktor sitzend, den Motor geräuschvoll knallen. Die Zuschauer zucken zusammen, können ihre Augen jedoch nicht von dem musikalischen Spektakel abwenden. Die Performance endet, das Publikum spendet Beifall.

Die Menschenmenge wird zur nächsten Vorstellung geleitet, vorbei an kleinen Modellstädten, die apokalyptische und teils futuristische Gebäude und Szenerien darstellen. Vorbei an mehreren Dutzend Becken aus Emaille, die als Klangschalen dienen, befestigt auf weißen Sockeln. Vorbei an bis zu zwei Meter hohen Gruppenporträts und Genrebildern der Künstlerin Katrin Plavcak. Ihre handgemalten Figurengruppen stammen aus dem Bereich Politik und Science-Fiction, aus der Mythologie und aus Filmklassikern. Die Figuren aus berühmten Filmen wie „E.T.“ malte die Künstlerin einzig für die in der Villa Merkel präsentierte Ausstellung „Good Space“. Eine Hommage an das Leitmedium des 20. Jahrhunderts, den Film, an seine gesellschaftliche Relevanz und an seine schwindende Wirkkraft.

Das Publikum nimmt wieder Platz. Mehrere Bänke aus dunkelgrauem Stein sind in einem unregelmäßigen Kreis um einen weißen Teppich platziert. Auf diesem Teppich sitzt eine junge Frau, gekleidet in einem hellgrauen Rock und einem dunkelroten Rollkragenpullover. Schuhe trägt sie keine. Ihre Haare sind zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. In den EAW-Hallen ist es nun ganz still. Die Zuschauer haben jegliche Unterhaltung eingestellt und verharren nun gespannt auf ihren Plätzen. Die junge Frau führt in einer sehr langsamen, kontrollierten Bewegung ihre linke Hand an ihren Hals. Mehrere Minuten vergehen, bis sie ihre Position endgültig angenommen hat. Weitere Minuten vergehen. Ihre Hand ist an ihre Stirn gewandert, als würde sie ihren Augen Schutz vor grellem Licht bieten wollen. Eine weitere junge Frau, gekleidet wie die erste, betritt den Schauplatz und setzt sich ebenfalls auf den Teppich. Ihre Beine sind ausgestreckt, der Rücken kerzengerade. Ebenso langsam wandert ihr Arm in die Höhe, als zeige sie auf ein weit entferntes Objekt.

Die Choreografin des experimentellen Tanzes ist Zina Vaessen. Mit ihrem Stück stellt sie die Komplexität des Sehens dar, ein kontrolliert behutsamer Tanz zwischen Betrachter und Betrachtetem. Mehrere Frauen bewegen sich nun auf dem hellen Teppich. In einer entfernten Ecke der Halle erklingen leise die sanften Töne einer Geige. Es sind keine zusammenhängenden Klänge, eher ein Spiel zwischen Instrument, Raum und Akustik. Das Publikum wandert durch die Halle, und während das Geigenspiel langsam verklingt, ist wenige Meter weiter eine Frauenstimme zu hören. Die Besucher vernehmen weitere Instrumente aus den verschiedenen Ecken der großen Halle. Musiker stellen das Bild der unendlichen Treppenstufen des niederländischen Künstlers M. C. Escher musikalisch dar. Einzelne Besucher verlassen nun die Halle. Gespräche beginnen, neuen Gedanken und Eindrücken wird im Geiste Platz gemacht. Large Open Spaces – große, offene Räume, die Kontakt, Austausch und ein Miteinander ermöglichen. Große, offene Räume, die verbinden, Wertvorstellungen durchbrechen. Große, offene Räume, in denen neue Begegnungen stattfinden können.

Ein Interview zum Thema lesen Sie hier.

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