Der Hauptpreis ging an Ann-Kathrin Müller für ihr Werk „Tamerlan (3)“. Foto: KSK - KSK

53 ausgewählte Kunstwerke werden jetzt im Gebäude der Kreissparkasse in der Bahnhofstraße gezeigt. Ausgelobt wird der Preis alle zwei Jahre, diesjährige Gewinnerin ist Ann-Kathrin Müller.

EsslingenPorträt – Spiegel der Seele, Spiegel der Zeit“: Dieses Thema hat die Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen dem ersten „Südwestdeutschen Kunstpreis“ gegeben. Fast 360 Teilnehmer reichten Arbeiten ein. 53 ausgewählte Zeichnungen, Fotografien, Aquarelle, Ölbilder und Arbeiten in den unterschiedlichsten Techniken werden jetzt im Gebäude der Kreissparkasse in der Bahnhofstraße gezeigt. Ausgelobt wird der Preis in Zukunft alle zwei Jahre, dotiert ist er mit 10 000 Euro für den Hauptpreis. Ihn erhielt in diesem Jahr die 1988 in Nürtingen geborene Ann-Kathrin Müller für ihre Foto-Arbeit „Tamerlan (3)“.

Der Förderpreis mit 2500 Euro wurde an Lisa-Marie Pfeffel verliehen für ihr 2016 entstandenes Aquarell „Rosemaries“. Der Publikumspreis mit 1000 Euro ging an Diethard Sohn, ausgezeichnet wurde er für das Porträt der Schauspielerin „Elke“, jüngst etwa als Mephisto in Esslingen zu bestaunen. Auf dem Porträt strahlt alles strahlt. Kein Wunder, dass es zum Favoriten des Publikums avancierte.

Förderung seit 40 Jahren

Seit 40 Jahren fördert die Stiftung der Kreissparkasse Künstlerinnen und Künstler mit Ausstellungen und Ankäufen sowie mit einem der ältesten und profiliertesten Sparkassenkunstpreise Deutschlands. In diesem Jahr gab es einige Neuerungen. Nicht nur der Titel wurde geändert, auch die Jury wird immer wieder neu bestimmt, die Teilnehmer schickten ihre Arbeiten zunächst digital, außerdem war erstmals auch die Einreichung von Fotografien erlaubt. Die Jurymitglieder – Andrea Jahn, Leiterin des Stadtmuseums Saarbrücken, Christian Gögger, Leiter des Kunstvereins Esslingen, Tobias Wall, Kunstwissenschaftler aus Stuttgart, Landrat Heinz Eininger und Burkhard Wittmacher, Vorsitzender des Vorstands der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen – wählten aus dieser Fülle 53 Arbeiten aus und bestimmten ihre beiden Favoriten.

Förderpreisträgerin Lisa-Marie Pfeffel lebt in Pforzheim. Knallig, krass und spröde zeichnet sie das Bild eines Mädchens mit zwei Gesichtern, das nie und nimmer bereit ist, die Erwartungen an ein süßes Mädchen zu erfüllen. Rosemarie sympathisch zu finden, kostet etwas Überwindung. Doch gerade dieses Spröde fordert heraus zur Auseinandersetzung, mit der Arbeit und mit den eigenen Erwartungen.

Bis ins kleinste Detail durchkomponiert

Bis ins kleinste Detail durchkomponiert hat die Wahlstuttgarterin Ann-Kathrin Müller ihre nun mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Foto-Arbeit. Licht und ein Hauch von Schatten, Anachronismus und Moderne, die perfekte Spiegelung auf dem Tisch, Accessoires, Mimik und Blick, alles passt. Der Titel verweist auf eine komplex angelegte Figur in einem Roman, die wiederum hat eine historische Vorlage. „Timur der Lahme“ lebte im 14. Jahrhundert in Zentralasien, er war Eroberer und Militärführer. Auf Abbildungen trägt der gestrenge Krieger natürlich Helm. Bei Müller ist Tamerlan eine Frau, sie schützt ihr Haupt mit einer weißen, genoppten Bademütze und mit Schwimmbrille. Alles scheint zunächst klar und eindeutig, doch beim Betrachten mehren sich im Innern unversehens Amibivalenz und Ungewissheit. Eigentlich ist die Fotoarbeit Teil eines Triptychons, auf den beiden anderen Tafeln sind ein schnittiges Cabriolet abgebildet und eine üppige Pflanze. Doch auch ohne ihre Nachbarn ist die Arbeit beeindruckend, stark und irritierend.

Viele der eingereichten Arbeiten hätten einen Preis verdient, etwa Wolf Nkole Helzles „Homo universalis – Gesicht(er) von Mariaberg“. Er schöpft aus dem Vollen, fast 750 Porträts von Bewohnern und Betreuern in der Behinderteneinrichtung hat er übereinander gelegt, sie wurden zu einem jungen, offenen, fröhlichen Gesicht. Peter Riek zeichnete in äußerster Reduktion „vielleicht Karl“ mit Kreide auf Asphalt. Der Filderstädter Volker W. Hamann zeigt in dem „Doppel-Selbstporträt_SATLTS“ Brüche und Verletzungen, Georg Lutz Arbeit wird erst in unabsehbarer Zeit fertig sein. Per notarieller Verfügung hat er bestimmt, dass genau dieses Tuch als Teil der Arbeit „Personal Relic“ nach seinem Tod auf sein Gesicht gelegt werden soll. Anschließend soll es wieder zusammengefaltet seinen Platz erneut im Rahmen finden, so als ob nichts gewesen wäre, aber mit einem unsichtbaren Abdruck. Ebenfalls den Abdruck eines Gesichtes zeigt Menja Stevenson in ihrem Make-up – Abdruck „anima“ (Abschminkung Nr. 5). Alles löst sich auf im Ölbild „Spiegelung“ des in Stuttgart lebenden Südkoreaners Yongchul Kim. Der Mensch im Fluss, der Fluss in der Landschaft und im Licht, nur ein Augenpaar widersetzt sich der Zersetzung. Steff Ochs und Frank Bayh zeigen Porträts von zarten und zerbrechlichen Kindern, sie tragen den Schrecken mit sich in Form von weltweit bekannten Frisuren zweier Diktatoren. Extrem süß, mit künstlichem Geschmack, stark färbend, ein Lolly mit diesen Eigenschaften verspricht Kindern Vergnügen pur. Markus Kiefer fotografierte ein Kind mit blauer Regenjacke, vielleicht blauen Augen und auf jeden Fall ganz blauem Mund. Und in „sucette bleue“ ist es ganz eins mit dem Augenblick.

Spiegel ihrer Zeit

Vielleicht ist es zu viel verlangt, in ein Porträt den Spiegel der Seele zu legen oder die Seele eines Menschen in seinem Porträt zu suchen. Aber jedes einzelne Porträt ist eine intensive, komplexe, manchmal irritierende Momentaufnahme. Auf jeden Fall sind alle Arbeiten ganz in kunsthistorischer Tradition Spiegel ihrer Zeit. Und viel Zeit sollte auch der Betrachter mitbringen, um die Fülle an Augenblicken ergründen zu können.

Bis 30. November, Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 17 Uhr. In der Galerie der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen in Esslingen, Bahnhofstraße 8.

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