Das Interesse, sich in der Wernauer Kommunalpolitik zu engagieren, ist offensichtlich groß. So groß, dass Bürgerliste und Junge Bürger getrennt antreten können. Mit einem Altersdurchschnitt von 22 Jahren sind die Jungen Bürger die jüngste Liste überhaupt im Kreis Esslingen.
Vor genau 35 Jahren haben sich in Wernau junge Leute zusammengetan, um in der Stadt politisch mitzumischen. Das klappte auf Anhieb – und seitdem sitzen Junge Bürger (JB) im Gemeinderat. An diesem Dienstag wird der Geburtstag gefeiert, sowohl mit denen, die seinerzeit jung waren und inzwischen als Wernauer Bürgerliste (BL) die stärkste Ratsfraktion stellen, als auch mit jenen, die heute jung sind und nunmehr ihrerseits um Sitze im Kommunalparlament wetteifern.
Die Konkurrenz hat sich die BL aus freien Stücken ins Boot gesetzt. „Wir hatten derart viele Interessierte, die bei uns kandidieren wollten, dass wir niemals alle auf eine Liste bekommen hätten“, sagt die Fraktionsvorsitzende Sabine Dack-Ommeln. „Und weil darunter sehr viele junge Menschen waren, wurde schnell die Idee geboren, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen und die seit 2009 bestehende Kombination aus Wernauer Bürgerliste/Junge Bürger wieder zu entflechten“, fügt sie hinzu. Ihr Kollege Stefan Redle sieht die ganze Sache durchweg positiv: „Es heißt ja oft, dass sich junge Menschen nicht für die Kommunalpolitik begeistern lassen. Deshalb ist es doch ein Glücksfall, wenn das anders ist“, sagt er.
Viele Kontakt in Jugendgruppen und Vereine
Anders ist in diesem Fall genau das richtige Wort. Denn ganz egal, in welchem Ratsgremium im Kreis Esslingen man sich auch umschaut: Gerade mal 20-Jährige gibt es dort nicht. Kann es auch nicht geben. 2019 hatten 16-Jährige noch kein passives Wahlrecht, konnten also nicht gewählt werden.
Nun ist es allerdings nicht so, dass bei der JB nur der eine oder die andere unter zwanzig auf der Liste steht. Vielmehr liegt der Altersdurchschnitt aller Bewerberinnen und Bewerber bei 22 Lenzen, reicht von 16 bis 34. Eine jüngere Liste gibt es im ganzen Kreis nicht – und vielleicht nicht einmal im Land.
Auf den Positionen eins und zwei stehen Matthias Steimer und Paula Schlee, deren Chancen, ein Ratsmandat zu erhalten, nicht eben schlecht sind. Der 24-jährige Steimer studiert Englisch und Politik auf Lehramt, ist vielfach ehrenamtlich tätig, unter anderem als Vorsitzender des Kinder- und Jugendvereins JAM. Schlee ist 21 Jahre alt, arbeitet als Beamtin im öffentlichen Dienst und engagiert sich ebenfalls vorwiegend für die Belange von Jugendlichen. „Ich habe in meinem Beruf sehr schnell gemerkt, dass es wichtig ist, gehört zu werden“, erklärt sie. Und da sie viele Kontakte gerade in Jugendgruppen hinein habe, wolle sie die Zukunft von Wernau mitgestalten.
Steimer: Wir können für frischen Wind sorgen
„Als die Idee, eine eigene Liste aufzustellen, von der BL an uns herangetragen wurde, waren wir nach einem kurzen Überlegen davon sehr angetan“, erzählt Steimer. Der Altersschnitt im Gemeinderat sei hoch. Und wenn man wolle, dass junge Leute wählen gehen, etwas für die Demokratie tun und eine Stimme bekommen, müsse man das auch in die Hand nehmen. „Wir bringen eine andere Perspektive mit und können für frischen Wind sorgen, von dem alle profitieren“, sagt der 24-Jährige. Dass es ihnen und ihren Kolleginnen und Kollegen wichtig ist, in der Kommune mitzuwirken, machen Schlee und Steimer unisono deutlich: „Wir bekommen im Ort sehr viel mit.“
Dass dies für die Wernauer Bürgerliste gleichfalls gilt, stellen die beiden dabei gar nicht in Abrede. „Für unsere Belange hat die BL immer ein offenes Ohr gehabt“, sagt Schlee. Auch in Zukunft auf deren Unterstützung bauen zu können, sollten die Jungen Bürger in den Gemeinderat einziehen, bringe deshalb zusätzliche Sicherheit, fügt sie hinzu. Das erklärte Ziel der Novizen ist es, möglichst mit zwei Leuten im Gremium zu sitzen. Die Bürgerliste wiederum möchte ihre sieben Sitze verteidigen, „besser noch einen dazugewinnen“, betont Stefan Redle.
Das Interesse bei der Jugend ist geweckt
Dass die zusätzliche Konkurrenz – gewissermaßen aus dem eigenen Lager – bei diesem Vorhaben ein Risiko darstelle, räumt Sabine Dack-Ommeln ein. „Uns war und ist das bewusst, doch wir sind dicht an der Bevölkerung dran und hoffen, dass unsere Arbeit der vergangenen Jahre honoriert wird“, erklärt sie. Zudem gehe es darum, junge Leute für die Kommunalpolitik zu begeistern, was diese Ehrlichkeit verlange. Redle wiederum findet die Trennung „echt“. Denn sollte im Laufe der Zeit jemand von den JB aus Studien- oder sonstigen Gründen vorzeitig ausscheiden, „rückt immer jemand Junges nach“.
Doch wie auch immer die Gemeinderatswahl in Wernau ausgeht, zwei Ziele sind nach den Worten von Matthias Steimer bereits erreicht worden. „Wir haben Interesse bei der Jugend geweckt, zum einen, sich aufstellen zu lassen und mitzumachen, aber auch für das Thema insgesamt.“ Paula Schlee gibt ein weiteres Ziel aus: „Wir wollen gerade in unserem Altersspektrum die Wahlbeteiligung nach oben bringen.“
Ob das tatsächlich gelingt, ist letztlich schwer zu überprüfen. „In jedem Fall aber haben wir in Wernau die schöne Ausgangslage, dass die Bürgerinnen und Bürger wirklich die Wahl haben“, sagt Sabine Dack-Ommeln.
Alle Listen sind gut gefüllt
Zusammensetzung
Dem Wernauer Gemeinderat gehören 22 Vertreterinnen und Vertreter von fünf Fraktionen an sowie die – immer noch „bestellte“ und damit weiterhin nicht stimmberechtigte – Bürgermeisterin Christiane Krieger. Die Wernauer Bürgerliste verfügt im Gremium über sieben Sitze, die Freien Wähler über fünf. Vier Ratsmitglieder stellt die CDU, jeweils drei die SPD und die Grünen/Unabhängigen.
Kommunalwahl
Zur Gemeinderatswahl in Wernau treten am 9. Juni sechs Listen an. Nachdem aus der bisherigen Kombination Wernauer Bürgerliste/Junge Bürger zwei eigenständige Listen geworden sind, auf denen die Namen von jeweils 22 Kandidatinnen und Kandidaten stehen, sind auch die Listen der anderen Parteien und Vereinigungen fast durchweg vollständig. Die Freie Wählervereinigung, die CDU und die SPD sind mit jeweils 22 Leuten ebenfalls komplett aufgestellt. Die Grünen/Unabhängigen bringen es auf immerhin 20 Namen.
Etablierte
Von den amtierenden Mitgliedern des Gemeinderats treten bis auf Birgit Gottwald-Kolb (CDU) alle wieder an. Insgesamt wetteifern in Wernau damit 130 Männer und Frauen zwischen 16 und 75 Jahren um die auch in den nächsten fünf Jahren zur Verfügung stehenden 22 Sitze.