Von Dietholf Zerweck

Winnenden - Es war ein fulminanter Ausklang der diesjährigen Stuttgarter Bachwoche und zugleich der 331. Geburtstag des Namenspatrons der Stuttgarter Bachakademie: Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe wurde jedoch, nach den Werkstattkonzerten mit den Rademann-Ensembles und den Teilnehmern der Meisterkurse für Gesang und Dirigieren in der Musikhochschule, nicht im Konzertsaal oder der Stuttgarter Stiftskirche aufgeführt, sondern im vergleichsweise intimen Rahmen der Schlosskirche Winnenden. Vor dem mächtigen Holzschnitzkunst-Juwel des Jakobsaltars im gotischen Chorraum gestaltete Hans-Christoph Rademann das monumentale Werk mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium sowie Solisten aus den Meisterkursen von Lioba Braun und Olaf Bär ungeheuer lebendig und pointiert. Man spürte die theologisch und musikalisch reiche Detailarbeit während der Bachwoche, man erlebte eine wunderbar inspirierte Deutung dieses opus summum von Johann Sebastian Bach. Und in seiner Begrüßung hatte Rademann noch eine Überraschung parat: Auch in den nächsten Jahren soll Bachs Geburtstag am 21. März mit Aufführungen der h-Moll-Messe gefeiert werden - im Idealfall an ähnlich stimmigen Orten wie der Schlosskirche zu Winnenden.

Behutsam entfaltet und steigert Hans-Christoph Rademann die Klangdringlichkeit des vom Chor intonierten ersten „Kyrie eleison“ der h-Moll-Messe, die Bach über ein Vierteljahrhundert hinweg beschäftigt hat. Klar und differenziert, in transparenter Artikulation baut sich die Polyphonie auf. Sie ist spirituelles Fundament für das folgende, die Beziehung von Gott Vater und Sohn darstellende Duett, in dem Hiltrud Kuhlmann und Seda Amir-Karayan eine harmonische Einheit bilden. Mit der archaisch strengen Chorfuge des zweiten „Kyrie“ beschließt Rademann diesen ersten Teil der „Missa“, dem nun ein großartig spannendes, kontrastreiches „Gloria“ folgte. Hier sang die Mezzosopranistin Judith Rautenberg, Mitglied der Gächinger Kantorei, ein makellos phrasiertes, freudiges „Laudamus te“, und packend gegensätzlich gestaltete Rademann die Ausdrucksvielfalt zwischen dem von Kuhlmann und Steffen Schwendner gesungenen „Domine deus“, dem äußerst eindringlichen, schuldschweren „Qui tollis peccata mundi“, Amir-Karayans prägnant modellierter Alt-Arie „Qui sedes ad dextram Patris“, dem vom Bassisten Johannes Mooser mächtig preisenden „Quoniam tu solus sanctus“ (mit Eckard Schmidts schönem Hornsolo) und dem in gestochen scharfen, furiosen Koloraturen und trompetengekrönt das Wirken des Heiligen Geistes abbildenden „Cum Sancto Spiritu“.

Wie Hans-Christoph Rademann es versteht, alle Mitwirkenden zu inspirieren und zu begeistern, wurde auch im weiteren Verlauf der Aufführung sichtbar und überwältigend hörbar. Die von Bach musikalisch wunderbar anschaulich gefasste Botschaft von Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung Christi wurde von der Gächinger Kantorei mit höchster Intensität formuliert: Nach der bis zum Verstummen gebrachten Grablegung des „Et sepultus est“ entzündete das „Et resurrexit“ ein mitreißendes Feuerwerk festlicher Osterfreude. Schon 1724 hat Bach das „Sanctus“ zum Weihnachtfest als Director Musices und Thomaskantor in Leipzig komponiert, und diesen sechsstimmigen Satz singen die 30 Sängerinnen und Sänger der fabelhaften Gächinger Kantorei mit unvergleichlicher Strahlkraft, Beweglichkeit und Intonationsreinheit.

Die Altistin Lena Sutor-Wernich berührte dann in ihrer „Agnus Dei“-Arie mit einer jede musikalische Figur tief auslotenden, jeden Ton bewundernswert fokussierenden Wiedergabe. Beflügelt von Rademanns ausdrucksvoll detailgenauem Dirigat und mit glanzvollen instrumentalen Soli im Bach-Collegium beeindruckte diese Aufführung in der Winnender Schlosskirche aufs Stärkste.

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