Unter Strom: VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo (Mi.), Sportdirektor Sven Mislintat (re.) Foto: Baumann

Moral und Mentalität zeigt der Fußball-Bundesligist in dieser Saison immer wieder – im Gegensatz zu spielerischen Glanzlichtern.

Stuttgart - Wahid Faghir nutzte seine letzte Möglichkeit. Kurz vor Ende der Nachspielzeit machte der VfB-Stürmer gegen Union Berlin den 1:1-Ausgleich. Und lieferte damit den Verantwortlichen die perfekte Vorlage, die Pellegrino Matarazzo und Sven Mislintat nicht nur dankbar annahmen, sondern ebenfalls gekonnt verwandelten.

„Mich stimmt extrem positiv, dass wir wie in Frankfurt erneut in Unterzahl den Ausgleich erzielt haben. Das zeigt die tolle Moral und Mentalität meiner Truppe“, sagte Trainer Matarazzo. Da wollte der Sportdirektor natürlich nicht widersprechen. „Hintenraus haben die Jungs einen brutalen Spirit bewiesen, immer dran geglaubt, knallhart dagegengehalten“, erklärte Mislintat, „ich bin stolz auf das Team.“

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Moral, Mentalität, Mannschaftsgeist – viele Merkmale, die es braucht, um in der Bundesliga zu bestehen, hat der VfB. Es gibt aber auch die Minusseite.

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Klar, es war nicht einfach gegen Union Berlin, einen „brettstarken Gegner“ (Mislintat), der auf Tabellenplatz fünf steht. Und es wurde nicht einfacher durch die fehlende Cleverness von Atakan Karazor, der sich innerhalb von 33 Sekunden zu zwei Gelben Karten foulte und vom Platz flog (57.). Trotzdem wurde deutlich, woran das VfB-Spiel in dieser Saison immer mal wieder krankt.

Fehlende Kreativität

55 Prozent Ballbesitz hatte der VfB gegen Union Berlin, knapp 88 Prozent der Pässe kamen an – und dennoch gab es keine Großchance, kaum Torgefahr, nur selten gelungene Aktionen über die Außenbahnen. „Wir haben die Räume nicht zielstrebig genug gesucht“, sagte Trainer Matarazzo, „es war das erwartet zähe Spiel.“ Ohne Aussicht, daran viel ändern zu können.

Fehlendes Tempo

Nach Ballgewinnen mangelt es dem VfB im Umschaltspiel an Geschwindigkeit. Auch Union Berlin gelang es immer wieder, seine Defensive rechtzeitig zu sortieren. Vielversprechende Schnellangriffe? Waren nicht zu sehen.

Fehlende Durchschlagskraft

Hamadi Al Ghaddioui kam in 55 Minuten auf null Torschüsse, null Vorlagen, null Dribblings, war völlig abgemeldet. Auch Chris Führich mühte sich oft vergeblich. Der eingewechselte Wahid Faghir rettete zwar die Bilanz der Stürmer, dennoch bleiben die Innenverteidiger Marc Kempf und Konstantinos Mavropanos (je 3) die erfolgreichsten Torschützen.

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Logisch, die spielerische Armut hat viel mit der prominent besetzten Verletztenliste zu tun. Je länger die Saison dauert, umso mehr werden Sasa Kalajdzic und Silas Katompa Mvumpa vermisst. Das Problem: Jetzt zählt’s! Der FC Augsburg und Arminia Bielefeld, die nächsten Gegner, gehören zu den (nur noch) fünf Teams, die in der Tabelle hinter dem VfB stehen. Doch andererseits, dies machte das Spiel gegen Union Berlin deutlich, geht es im Fußball auch ums Momentum – das nicht gegen den VfB spricht, der schon seit vier Spielen ungeschlagen ist und lediglich vier Punkte hinter dem Sechsten RB Leipzig liegt. Dank seiner Moral. Und der genutzten Möglichkeit von Wahid Faghir.