Annette Haußmann hat den Bogen raus. Beim Burlen ist Körpereinsatz gefragt. Immer wieder rollen die Kugeln ins hohe Gras. Foto: Roberto Bulgrin

Boßeltour im Schwabenländle: unmöglich? Keineswegs, hat sich die Schwäbische Landpartie in Beuren gedacht. Aber wie kam der ostfriesische Volkssport ins mehr als 700 Kilometer entfernte Beuren?

Beuren - Die Räder des Bollerwagens rattern über den Kiesweg, die Hartgummikugel klackert, als sie etliche Meter vor der ausgelassenen Gruppe zum Liegen kommt. Wenn das Albpanorama nicht wäre, könnte man meinen, man wäre in Ostfriesland auf einer Boßeltour. Doch tatsächlich wird der Volkssport der Ostfriesen auch im Ländle betrieben. Allerdings unter einem anderen Namen: Burlen. Das B im Titel des Spiels, das sich neben Boßeln auch gelegentlich Hurlen nennt, steht für Beuren.

Ex-Bürgermeister brachte Spiel mit

Geburlt wird in Beuren tatsächlich schon seit der Jahrtausendwende, erinnert sich Beurens Bürgermeister Daniel Gluiber. In Gluibers Ausbildungszeit bei der Gemeinde hatte der damalige Bürgermeister Erich Hartmann das Spiel im Norden entdeckt und mitgebracht. Zusammen mit den Beurener und Balzholzer Senioren habe man geschaut, wie man das Mannschaftsspiel, das im Norden auf ebenen und geraden Straßen gespielt wird, an die Gegebenheiten am Albtrauf anpassen kann. „Wir haben hier ja keine geraden und ebenen Strecken“, sagt der Verwaltungschef. Da habe man schon etwas am Spiel verändern müssen. Zu den Änderungen gehört, dass nicht auf Landstraßen beim fließenden Verkehr gespielt wird, sondern auf den Wanderwegen der Gemeinde. Das habe den Vorteil, dass jeder, der gerade nicht am Wurf sei, die Natur genießen könne, sagt Gluiber. Und wen nach dem Burlen der Muskelkater allzu sehr plagt, der könne sich ja anschließend in der Therme entspannen, schmunzelt der Bürgermeister. Ein weiterer Unterschied: Ostfriesen spielen das Kugelspiel in der Regel in der kalten Jahreszeit. Die Schwaben dagegen burlen auch im Hochsommer.

„Eine nette Zeit verbringen“

Nachdem das Burlen jahrelang quasi ausschließlich in der Seniorengruppe stattfand, will die Schwäbische Landpartie den Freizeitsport jetzt auch für Gäste anbieten. Die Grundlagen aber bleiben unverändert: mit dem Bollerwagen ziehen zwei Mannschaften von je zehn bis 14 Personen los. Jede Mannschaft bekommt eine Kugel, die abwechselnd geworfen wird. Im Laufen wird die Kugel dabei am langen Arm zunächst nach hinten bewegt und anschließend wieder nach vorne geschnellt, um die Kugel mit einer möglichst hohen Geschwindigkeit loszulassen. Die Flugbahn sollte dabei nicht zu steil werden, damit die Kugel nach der Landung noch möglichst weit rollt. Jeder Wurf wird auf einem Formular notiert. Gewonnen hat die Mannschaft, die die vorgegebene Strecke mit den wenigsten Schüben schafft. Anders als in Norddeutschland, werden am Albtrauf keine Turniere im Burlen ausgetragen. „Es geht darum, eine nette Zeit miteinander zu verbringen“, sagt Jutta Gluiber, die als Gästeführerin für die Schwäbische Landpartie tätig ist.

Burlen mit Wein und Brezeln

Die Kugeln stammen aus dem ostfriesischen Wittmund. Der Bollerwagen – bei größeren Gruppen können es auch mehrere sein – wird vom Bauhof der Gemeinde gestellt. Das Gefährt spielt eine zentrale Rolle beim Burlen: dort wird der Proviant aufbewahrt. Normalerweise besteht der neben Brezeln zum Beispiel aus Hartwurst und Käse, aber in Corona-Zeiten haben die Gästeführer den Umfang etwas reduziert.

Nicht fehlen darf trotzdem der Beurener Wein – Ratsherren-Trunk (rot) aus Schwarzriesling-Trauben und Medicus (weiß) aus Kerner-Trauben. Damit die Spieler die Hände frei haben, werden sie mit einem Gläsle am Band ausgestattet, das sie um den Hals tragen können. Auch beim ostfriesischen Vorbild, dem Boßeln, ist Alkohol übrigens in der Regel bei jeder Boßeltour dabei. Allerdings geht es mit Kräuterschnaps und Weinbrand in der Ursprungsregion des Freizeitsports für gewöhnlich etwas weniger edel zu.

Keine festgelegte Route

Erst seit diesem Jahr steht das Burlen im Katalog der Schwäbischen Landpartie – Neuland für die Gästeführer. Erschwert wurde der Start zudem durch die Corona-Pandemie. Jetzt, wo sich wieder Gruppen treffen dürfen, will man aber richtig durchstarten. „Wir müssen natürlich noch Erfahrungswerte aufbauen, was sich die Gruppen wünschen“, sagt Jutta Gluiber. Eine festgelegte Route gebe es nicht, theoretisch könnten alle Wanderwege benutzt werden, die der Bollerwagen passieren kann. Und auch die Gruppengröße sei variabel. Inzwischen habe sogar schon ein Busunternehmen Interesse bekundet, das Burlen ins Programm aufzunehmen – eine Art Kohlfahrt, nur eben auf Schwäbisch.

Gruppen können im Internet unter https://schwäbische-landpartie.de/portfolio-item/burlen-in-der-natur/eine Tour buchen.

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