Bevor Interessierte Tierheimhunde ausführen können, müssen sie die Körpersprache der Tiere kennen. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Im Tierheim Esslingen können Ehrenamtliche Hunde für Spaziergänge mitnehmen. EZ-Reporterin Julia Theermann hat einmal ausprobiert, wie das funktioniert.

EsslingenMylo wirkt etwas unsicher, als mir Cornelia Nickolai seine Leine in die Hand drückt. Am liebsten will er ihr folgen, während sie die Hündin Lana für unseren Spaziergang vorbereitet. Der elf Monate alte, weiße Mischlingsrüde mit der rosa Nase freut sich sichtlich auf seinen Spaziergang, aber mich kennt er noch nicht. Ich bin heute schließlich zum ersten Mal als ehrenamtliche Gassigeherin im Esslinger Tierheim. Ich gebe Mylo die Gelegenheit, mich zu beschnuppern. Dann geht es direkt los. Auf dem Wall am Neckarufer kennen sich die Hunde aus und geben den Weg vor. Und Cornelia Nickolai und ich kommen ins Gespräch. Seit 2002 arbeitet sie als Tierpflegerin und Tierverhaltenstherapeutin für das Tierheim. Was die Menschen dazu bewegt, mit einem Hund spazieren zu gehen, der nicht der eigene ist, will ich wissen. „Da gibt’s viele verschiedene Gründe“, sagt sie. Oft gebe die Tierliebe der Freiwilligen den Ausschlag, das Wissen, dass man den Hunden im Tierheim etwas Abwechslung bringen kann. „Aber auch für sich selbst machen es viele. Man ist motivierter, auch bei kaltem Wetter rauszugehen und Sport zu machen, wenn ein Hund dabei ist.“

Spannende Begegnung unter Hunden

Auf dem Gassiweg bahnt sich unterdessen eine potenziell schwierige Situation an: Eine andere Gassigeherin steigt gerade mit einem anderen Hund aus dem Tierheim die Stufen zum Weg auf den Wall hinauf. Das haben die Vierbeiner sofort spitzgekriegt. Ich habe schon den ein oder anderen Hund an der Leine geführt, habe fast 14 Jahre lang selbst einen gehabt – aber ich muss gestehen, dass mir die Situation, wenn sich Hunde begegnen, immer unangenehm ist. Und tatsächlich fangen sowohl Mylo, als auf Lana an zu bellen, der dritte Hund stimmt mit ein. Nachdem Cornelia Nickolai ihre Kollegin gebeten hat, mit dem Hund auf den Stufen zu warten, bis wir vorbei sind, geht es weiter. „Wenn sich Hunde begegnen, wollen sie am liebsten in einem großen Bogen umeinander herumlaufen. So, wie wir Menschen sie an der Leine führen, klappt das aber nicht“, erklärt die Tierpflegerin. Darum werde in der Regel mehr gebellt, wenn Hunde an der Leine gehen. So etwas muss man wissen.

Im Tierheim Esslingen kann nicht jeder einfach so einen Hund nehmen und mit ihm Gassi gehen. Wichtig ist, dass man volljährig ist. Zum Gassigehen braucht es zudem eine kleine Fortbildung. Und eine Mitgliedschaft im Tierschutzverein Esslingen und Umgebung. Das hat unter anderem versicherungstechnische Gründe. „Wenn mal ein Unfall passieren sollte, greift dann unsere Haftpflichtversicherung“, sagt Nickolai. Aber auch, damit es gar nicht erst zu Unfällen kommt, müssen Gassigeher das Seminar besuchen. Darin lernen die Teilnehmer, die Körpersprache der Tiere zu verstehen und bekommen die Spielregeln und die richtigen Kommandos für die Tierheimhunde mit auf den Weg. Denn wenn jeder Gassigeher andere Befehle gibt, ist das für die Hunde verwirrend. Die Hunde im Tierheim Esslingen sind in ein Ampel-System eingeteilt. Grüne Hunde sind meist klein und auch für Anfänger leicht zu handhaben. Um sie ausführen zu dürfen, genügt ein Vormittagsseminar mit Theorie und Praxis. Hunde in der gelben Kategorie sind oft größere Exemplare oder Hunde, die temperamentvoller sind. „Auch wenn sie nett sind, sind sie in der Regel gelb. Es gibt halt viele Menschen, die haben noch nie einen Hund an der Leine gehabt, da ist was nettes Kleines zum Anfang natürlich besser.“ In der roten Kategorie findet man die Hunde, die etwas schwieriger im Umgang sind und mehr Feingefühl in der Handhabung brauchen. Aggressiv seien die meisten nicht, aber teilweise ängstlich, daher muss man für den großen Hundeführerschein noch ein paar Stunden in der Hundeschule verbringen. „Wenn jemand öfter kommt, kann er sich durchaus auch mit einem roten Hund anfreunden“, sagt Nickolai.

Neue Freundschaften

Überhaupt sei Freundschaft ein ganz gutes Stichwort. Die entwickeln sich laut Cornelia Nickolai beim Gassigehen ganz von selbst. „Es kommt oft vor, dass ein Hund, der schon längere Zeit bei uns ist, durch das Gassigehen so einen guten Draht zu einem Menschen aufbaut, dass er bei ihm ein neues Zuhause findet“, sagt sie. Aber auch die Gassigeher kämen durch die Hunde einfacher mit anderen ins Gespräch. Auch für Menschen, die sich einsam fühlen, könne das Gassigehen mit Tierheimhunden helfen. „Es sind auch schon Ehen geschlossen worden“, sagt Nickolai mit einem Lachen. Nach 20 Minuten ist unser Spaziergang schon wieder vorbei. Wenn das Tierheim geöffnet hat, ist das die maximale Zeit. „Das liegt daran, dass dann ja auch Menschen kommen, die sich die Hunde anschauen wollen“, sagt die Tierpflegerin. „Und wir wollen ja auch, dass die Tiere vermittelt werden.“ Wenn sich Hund und Gassigeher besser kennen, ist es auch möglich, den Hund zu einem Tagesausflug mitzunehmen – natürlich außerhalb der Öffnungszeiten. Übernachtungen sind aber tabu. Auch das sei für die Tiere zu verwirrend. Als wir Mylo und Lana wieder in ihre Zimmer bringen, ist von der anfänglichen Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Der kleine Rüde hat sich an mich gewöhnt, kuschelt und sucht den Augenkontakt. Für mich ist klar, dass ich momentan nicht genug Zeit habe, um mich um einen Hund zu kümmern. Aber das muss ja nicht heißen, dass ich nicht mit einem netten Vierbeiner meine Runden drehen kann.

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