Chris Lechleiter (23) ist auf Youtube als „Leches“ populär. Foto: Chris Lechleiter/privat

Der 23-jährige Chris Lechleiter aus Sinsheim hat 43 000 Fans auf Youtube – in seinen Videos kommentiert und spielt er die Fußballsimulation Fifa im Karrieremodus. Er lebt seinen Traum – und hat noch viel vor.

Sinsheim - Es ist die 92. Minute im Champions League-Finale, Marc-Andreé ter Stegen, der Torwart des FC Barcelona, hält noch einmal einen spektakulären Torschuss. Die Stimme des Kommentators hebt sich. „Der Keeper kann einem Leid tun heute“, sagt. Dann ertönt der Schlusspfiff – und die TSG 1899 Hoffenheim ist der Gewinner der Champions League. Der Trainer Chris Lechleiter hat das Kunststück vollbracht und den Kraichgauer Kickern die Krone Europas aufgesetzt, grenzenloser Jubel.

Das ganze ist natürlich nicht die Realität, sondern nur die Schlussszene in einem Youtube-Video, das Chris Lechleiter, der im Netz nur als „Leches“ bekannt ist, ins Netz gestellt hat – und inzwischen 14 500 Mal aufgerufen wurde. Der 23-jährige ist ein Youtuber, der sich auf das Computerspiel Fifa konzentriert – er zockt selbst, zeichnet das auf Video auf und kommentiert das Spielgeschehen.

Die Community wächst und wächst

Eine wachsende Fangemeinde von inzwischen 43 000 Abonnenten verfolgt die Videos von Lechleiter, der damit inzwischen auch etwas Geld verdient, unter anderem wird er vom Fußballportal One Football gesponsert. „Es ist schon eine unglaubliche Vorstellung“, sagt der junge Mann, „meine Fans könnten das Rheinenergiestadion meines Lieblingsclubs 1. FC Köln fast schon füllen.“

Im Netz ist Leches ein Star, der manchmal sogar auf der Straße erkannt wird. Sein bürgerliches Leben ist ganz und gar unauffällig. Aufgewachsen ist der 23-Jährige in Widdern-Unterkessach, einem Dorf nahe Heilbronn, inzwischen lebt er mit seiner Freundin in einem Ort in der Nähe von Sinsheim. Tagsüber absolviert er eine Ausbildung bei der Agentur für Arbeit. „Öffentlicher Dienst ist gut, das bedeutet Sicherheit“, sagt er.

Nach Feierabend setzt er sich praktisch jeden Tag um 16 Uhr an den Computer, zeichnet ein neues Video auf, ab 20 oder 21 Uhr ist dann Zeit für Privatleben. Die Fans erwarten alle paar Tage neue Inhalte – nur so bleibt sein Youtube-Kanal lebendig und wächst beständig weiter. In den Kommentaren zu den Videos zeigt sich viel Enthusiasmus seiner Fans. „Ich schaue deine Videos immer in der Mittagspause oder auf dem Weg zur Arbeit, das ist wie Fernsehen“, schreibt einer.

Infos zum Fifa-Karrieremodus findet ihr hier.

Chris Leches ist damit einer der größeren Youtuber, die sich auf Fifa spezialisiert haben. Dabei konzentriert er sich auf einen Teil des Computerspiels, der sich Karrieremodus nennt. „Dabei übernimmt man als Trainer einen Verein, tätigt Transfers, managt die Finanzen und die Jugendarbeit – und spielt mit dem Team die Spiele selbst oder simuliert sie“, erklärt der Youtuber das Prinzip.

Lionel Messi beim VfB Stuttgart?

Der Charme dieser Variante, die sich von der stark kommerzialisierten Fifa-Szene mit Weltmeisterschaften und Online-Turnieren unter dem Namen „Football Ultimate Team“ abhebt: Jeder kann mit seinem Lieblingsverein alles erreichen. Lionel Messi zum VfB Stuttgart holen, mit dem VfR Aalen Deutscher Meister werden. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es dafür seit den 90er-Jahren eine große Fanszene – damals noch mit Simulationstiteln wie dem Bundesliga-Manager, Anstoß oder dem Fußball Manager.

Seit diese Spiele 2014 eingestellt wurden, sind alle zum populären Spiel Fifa von der Softwareschmiede EA gewechselt. Einige Youtuber wie der Augsburger Bernhard Schweiger alias „Hansus“ können sogar von den Einnahmen ihrer Videos leben, der hat 376 000 Aboenten und zahlreiche Werbekooperationen. Das ist sozusagen die Champions League, darunter gibt es einige zwischen 50 000 und 150 000 Abonnenten, die im Spiel sind.

Lechleiter will nicht nur von Youtube leben müssen

Von solchen Zahlen träumt natürlich auch Chris Lechleiter alias „Leches“. Wobei er eines betont: „Ich möchte nicht nur davon abhängig sein, mein Angestelltenjob ist mir wichtig.“ Aber nur noch Teilzeit zu arbeiten und mehr Zeit für seine Community zu haben, das könnte er sich schon vorstellen.

Wie kam er überhaupt dazu? Lechleiter hat schon vieles ausprobiert im Leben – eine Ausbildung beim Finanzamt, ein Freiwilliges Soziales Jahr, er ist selbst Trainer in einem Verein in der B-Jugend. Auch eine Ausbildung als der als Krankenpfleger hat er mal begonnen. Wegen einer Verletzung musste er diese abbrechen – und hatte Zeit, selbst Youtube-Videos zu schauen. Das war 2016, bis er selbst einen eigenen Kanal gegründet hat.

Wenn die Oma nach einem Autogramm für den Enkel fragt ...

Das begann ganz klein mit wenigen Hundert oder Tausend Fans. Lechleiter spricht in seinen Interviews schnell im Stile eines Sportreporters, der ein Highlight nach dem anderen ankündigt, die Schnittfolge ist rasch, die passende Hintergrundmusik sorgt für die richtige Atmosphäre. Schnell wuchs die Fanbase.

Das wurde dem jungen Mann bewusst, als er einmal auf der Spielemesse Gamescom in Köln anstand – um einen anderen Youtuber live zu erleben. „Da hat mich der Hintenstehende erst so komisch angeschaut, traute sich selbst nicht, mich anzusprechen“, erzählt Lechleiter, „dann sagte er: Du bist doch der Leches! Kann ich ein Autogramm haben?“

So etwas passiert inzwischen häufiger. Kürzlich hat ihn sogar eine ältere Dame auf der Straße gestoppt: „Mein Enkel kennt Sie, der ist ein großer Fans Ihrer Videos!“ Der große Support freut ihn natürlich, bedeutet aber auch viel Arbeit. Mehrere Hundert Kommentare unter jedem Videos wollen gelesen, manche auch beantwortet werden. Anders als viele Youtube-Kollegen schneidet Leches auch noch alles selbst, das technische Equipment muss auf dem neusten Stand sein. Und Zeit für Privatleben muss sein, dann schaltet er das Smartphone konsequent aus. Doch die Freude überwiegt: „Ich bin total begeistert von der Community.“

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