Die Tour führt auch durch das Esslinger Wasserhaus. Foto: Roberto Bulgrin

Marc Schmitt führt durch die Kanäle von Esslingen und lenkt die Boote über den Neckar. Dabei erleben die Fahrgäste die Vielfalt dieser Stadt: Wildes Grün, altes Fachwerk, Beton, touristische Plätze, ruhige Räume und viel Natur.

Es gibt viele Wege, Esslingen kennenzulernen. Doch so viel man auch gesehen haben mag, das Bild wird nie komplett sein ohne die Neckar-Perspektive. Um Esslingen vom Wasser aus zu erleben, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten und Freizeitveranstalter. Das Esslinger Stadtmarketing beispielsweise bietet Ausflüge durch die Wasserstraßen der Stadt an, die mit Stadtführerinformationen garniert werden.

Bevor es los geht, ein kurzes Briefing von Marc Schmitt, der mit seiner Firma Nextour im Auftrag der Stadt verschiedene Touren fährt. Heute geht es mit etwa 20 Personen in zwei sogenannten Kanadiern raus, einer besonderen Form des Kanus. Schmitt bindet die Boote zusammen, er selbst steht in einem der Boote und steuert. Wer außen sitzt, paddelt. Später auf dem Neckar wird Schmitt noch einen kleinen Hilfsmotor einsetzen, allerdings ist die Strömung gering.

Die Route führt durch Kanäle und den Neckar

Einstieg ist in der Maille, einem Park mitten in der Stadt. Von hier aus sind es nur wenige Schläge mit dem Paddel bis zur Agnesbrücke. Die Brücke ist bekannt, von hier aus werden aufgrund des schönen Ausblicks auf die Kanäle, die Türme der Stadtkirche und die Burg die meisten Touristenfotos geschossen. Sie ist eine von rund 15 Brücken, die die Bootsgesellschaft an diesem Samstagmorgen durchqueren wird. Einige davon sind sehr niedrig, einmal ist es sogar angeraten, sich maximal tief zu ducken. Eine gewisse Beweglichkeit wird also vorausgesetzt, um an der Tour mitzumachen, und auch schwimmen können sollte man. Was man nicht notgedrungen braucht, sind trainierte Arme – verausgaben wird sich bei diesem Ausflug niemand, und zur Not kann man sich auch in die Mitte setzen, wo man gar nichts machen muss, außer sich durch die Landschaft gleiten zu lassen.

Schmitt ruft ein Motto aus: Es wird eine Weltreise. Venedig steht für den Beginn des Ausflugs. Tatsächlich nennen die Esslinger das kleine Kanalsystem in der Mitte der Altstadt Klein-Venedig. Von hier ist es nicht weit nach Klein-Manhattan, ein paar hochgeschossige Häuser in der Weststadt, die in den 1970er Jahren auf ein solides Betonfundament gestellt wurden, das zugleich wie eine Wand den Roßneckarkanal begrenzt. Sie sind braun und sollten farblich in der Landschaft mit den nördlich gelegenen Weinbergen im Herbst verschmelzen – so jedenfalls hatte man sich das seinerzeit gedacht. Die Fensterrahmen sind grün und rot entsprechend des Esslinger Stadtwappens. Der Rest ist funktional.

Vermutlich war das vor 50 Jahren, als die Klötze in das Jugendstilviertel gesetzt wurden, State of the Art. Hinter dem Beton kommt dann aber viel Grün – Schmitt nennt es auf seiner Weltreise das Amazonasgebiet. Ab und zu wird es eng. Die Bootsbesatzung muss aufpassen, dass ihnen keine Äste oder Sträucher ins Gesicht schlagen. Eine Querströmung lenkt die Boote ins Gebüsch, aber Schmitt dreht es geschickt wieder in Fahrtrichtung. Weiter geht’s. Es geht unter der Eisenbahnbrücke hindurch, dahinter öffnet sich der Blick auf den – im Verhältnis zum engen Kanal – weiten Fluss. „Wir sind auf dem Neckar!“, ruft Schmitt. Und die Fahrgäste, inzwischen zu einer Gruppe zusammengewachsen, applaudieren, als hätten sie soeben den echten Amazonas durchreist und seien zurück in der Zivilisation.

Der Weg führt auch durch eine Schleuse

An der Staustufe Esslingen hat die Fahrgemeinschaft Glück: Der Schleusenwärter lässt das Boot durchfahren. Es hätte anders kommen können. Wäre die Schleuse nicht geöffnet worden, hätten alle aussteigen müssen. Die Boote wären über Land hinter die Schleuse gebracht worden. So aber haben die Gäste Spaß daran, mehrere Meter aufzusteigen in einem sehr langen und sehr engen Kanal, an dessen moosbewachsenen Wänden das Wasser tropft. Zunächst schließen die hinteren Tore, dann fließt das Wasser langsam in die Schleuse. Die Boote steigen zügig. Oben angekommen, öffnen sich die vorderen Tore. Das Doppelboot verlässt die Schleuse und biegt wenig später wieder in einen der Kanäle und fährt seinem Ziel entgegen. Vor dem Wehr im Hammerkanal ist dann die etwa zweistündige Reise zu Ende, unweit des Starts in der Maille.

Wer auf dem Wasser unterwegs ist, sieht viele Tiere. An diesem Nachmittag sind es Graureiher und Kormorane, ein Eisvogel, Schwäne, Enten, Gänse und Fische, die an einigen klaren Stellen gut zu sehen sind. Einige Libellen schwirren durch die Lüfte.

Marc Schmitt teilt sein Wissen mit den Gästen, so weiß er, dass die Graureiher erst seit zwölf Jahren in Esslingen heimisch sind. Vor allem kennt er die Stadtgeschichten, gewürzt mit allerlei Anekdoten und erkennbaren Falschmeldungen. „Im Esslinger Amazonas lauert ein Krokodil mit zehn Zähnen am Oberkiefer!“ Keiner glaubt es. Bis die beiden Boote langsam um die Ecke fuhren und die Gäste etwas Langes und Grünes am Ufer erkennen...

Unterwegs in der Region

Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?

Touren
Angeboten werden vom Stadtmarketing unterschiedliche Touren. Neben der Tour mit den großen Kanadiern gibt es auch solche mit kleineren Booten, . Hier muss man etwas aktiver werden als auf dem großen Boot. Zudem gibt es eine Fahrt mit Essen und Trinken, eine naturkundliche Tour und eine Fahrt in den Sonnenuntergang.

Anreise und Kosten
Es gibt verschiedene Anbieter in Esslingen, die leicht über das Internet zu finden sind. Nextour, die für die Stadt Touren anbietet, ist fußläufig vom Bahnhof zu erreichen. Wer mit dem Auto kommt: Das Parkhaus Küferstraße ist ganz in der Nähe. Weitergehende Informationen finde sich hier: www.esslingen-info.com