Bei viel Sonnenschein ist der Stuttgarter Faschingsumzug durch die Innenstadt gezogen. Nach Schätzung der Veranstalter haben 90 000 Zuschauer die 49 Gruppen beim närrischen Treiben verfolgt.
Straßenraub am helllichten Tag: Gegen 14.30 Uhr entwenden als Hexen verkleidete Männer an der Kreuzung Tübinger und Sophienstraße den rechten weißen Turnschuh einer jungen Frau und schleifen sie mit im Stuttgarter Faschingsumzug – allerdings nur 20 Meter weit. Dann darf die Frau einbeinig zu ihren Freundinnen zurückhüpfen. „Voll anstrengend, das Hüpfen“, berichtet sie ihnen und hält als Entschädigung ein Paar Flipflops in ihren Händen.
Die junge Frau aus Stuttgart wird eine Viertelstunde später erneut als Opfer des närrischen Treibens auserkoren: Dann schmieren der wieder vollständig beschuhten, allerdings rechts dauerhaft schnürsenkellosen Frau andere Hexen mit einem dicken blauen Stift Farbe ins Gesicht. Nun fällt die Frau besonders auf: Auch die Mitglieder der Rheingeschmeckten entdecken sie am Straßenrand – allerdings in versöhnlicher Absicht. Einer der rot-weiß gewandeten Narren wirft ihr zielsicher eine Packung Papiertaschentücher zu. Die junge Frau versucht, sich damit abzuschminken.
Desinfektionsmittel zum Abschminken
Weil das nicht richtig funktioniert, erhält sie Unterstützung von einer Frau im roten Wintermantel, die aus Ohio kommt. Sie reicht Desinfektionsmittel. Eigentlich seien die Hexen nett gewesen, erzählt die Stuttgarterin – nun erfolgreich abgeschminkt. „Es ist alles in Ordnung“, hätten sie ihr während des Schuhraubs gesagt. Die Frau aus Ohio bekundet, dass sie etwas Abstand zum närrischen Treiben bevorzuge – sie fliege am nächsten Tag heim und wolle nicht erkranken: „Bei so einer Parade sollten ohnehin die Kinder vorne stehen“, bekundet sie.
Und das tun sie – viele verkleidet. Aber auch viele junge Frauen stehen so weit vorne, dass ihnen diverse Hexengruppen Konfetti ins Haar wuscheln können. „Ist das Papier?“, fragt die Frau aus Ohio mit Blick auf schwarze Schnipsel am Boden, die eher plastikhaft wirken. In Amerika agiere man bei Umzügen mittlerweile sehr umweltbewusst.
Die Freie Narrenzunft Beblenga spielt Bob Dylan
Womöglich deshalb regnen die Bonbons vom Wagen der Gesellschaft Möbelwagen eher spärlich, während „Mama Laudaaa“, der Partyhit von Almklausi, dröhnt. Auf dem ersten von zwei Möbelwagen-Wagen intoniert der Stadtprinz Hannes I. immerhin „Let Me Entertain You“ von Robbie Williams. Besondere Geschmackssicherheit beweist indes die Freie Narrenzunft Beblenga, die Bob Dylans Meisterwerk „Like a Rolling Stone“ vom Traktor schallen lässt, der von der Tübinger über die Eberhard- und die Marktstraße über den Markt- und den Schlossplatz bis zur Endstation am Karlsplatz zieht.
„Ein bissle mager für die Landeshauptstadt“, empfindet eine Abordnung der Waldhäusles-Hexa aus Sirnau den Umstand, dass in diesem Jahr nur 49 Gruppen am Stuttgarter Umzug teilnehmen. Am Rosenmontag seien sie im 2100-Einwohner-Ort Wiesensteig mit 95 Gruppen durch die Stadt gezogen. Beim Stuttgarter Umzug käme es zuweilen zu Staus.
Flädle und Klopapier
Trotzdem ist die Stimmung unter den Teilnehmern und Zuschauern gut – und das bereits bei der Aufstellung des Zuges in der Tübinger Straße. Ein Spaßvogel vom Karnevalsclub Stuttgarter Rössle zeigt auf die Paulinenbrücke und nennt sie „das schönste Bauwerk Stuttgarts“, wegen der „Schwingungen“. 90 000 Zuschauer zählen die Veranstalter, die Gesellschaft Möbelwagen, am Ende. Doch es kommt auch bei diesem Umzug hin und wieder zu Staus und Lücken. Was den Effekt hat, dass der Ansager vor dem Rathaus minutenlang den Lastwagen der Gesellschaft Zigeunerinsel kommentieren muss. „Ihr Narrenruf ist dreimal ‚Tschä Hoi‘“, erklärt der Moderator, die Menge antwortet „Tschä Hoi“, zum Dank werden Flädle-Packungen geworfen. Andere Gruppen rufen im Mix aus alemannischer Fasnacht und Karneval „Narri, Narro“ und „Helau“ und werfen neben Bonbons unter anderem Klopapierrollen und eben grüne Flipflops.
Am Anfang fährt Frank Nopper im Oldtimer mit. Am Ende – gewissermaßen als 50. Gruppe – fegt wie immer die Abfallwirtschaft Stuttgart. Närrisch zusammengefasst könnte man sagen: Der Oberbürgermeister lacht, als hätte er das Glück entfacht. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten: Die AWS trotzt Feierresten.