Norbert Gstrein Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Wenn er ein neues Buch veröffentlicht hat, darf der österreichische Autor Norbert Gstrein im Programm der Esslinger Literaturtage LesART nicht fehlen. Diesmal bringt er seinen Roman „Als ich jung war“ mit.

EsslingenBücher-Freunde erinnern sich noch an jenes abgewandelte Brecht-Zitat, mit dem Marcel Reich-Ranicki jede Folge von „Das literarische Quartett“ beendete: „Und so sehen wir betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Ähnlich mag es den Lesern von Norbert Gstrein gehen, denn in den Romanen des österreichischen Autors ist selten etwas eindeutig. Was ist Fakt? Was ist Fiktion? Was ist Traum? Was ist Einbildung? Diese Unklarheiten muss man auch bei der Lektüre von Gstreins Buch „Als ich jung war“ (Hanser-Verlag, 23 Euro) aushalten können. Der Ich-Erzähler Franz ist Anfang 20 und Hochzeitsfotograf im elterlichen Hotel in Tirol. Seine Spezialität sind Aufnahmen der Frischvermählten vor dem Gebirgspanorama direkt am Abgrund. Eines Tages wird eine junge Braut mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhangs aufgefunden. Von da an ist nichts mehr klar: War es ein Unfall, ein Suizid oder gar ein Mord? Gibt es einen Zusammenhang mit einem früheren Vorfall zwischen Franz und einer jungen Geigerin? Franz kehrt seiner Heimat den Rücken und wird Skilehrer in den USA. Jahre später bringt sich einer seiner Skischüler um. Dieser Professor nimmt seine Manie für vermisste junge Mädchen mit ins Grab. Und dann verschwindet eine junge Frau – nach ei­nem Spaziergang mit Franz ...

Nach und nach bemerkt der Leser, welch düstere Form von Sexualität eine wichtige Rolle spielt. Es geht um Scham, Demütigung, Tabus, Missbrauch im Internat, um Homosexualität, Obsession und Männlichkeitswahn. Und es geht um Gerüchte, Verdächtigungen, Spekulationen und Beschuldigungen. Nach Tirol zurückgekehrt, will Franz die Vergangenheit aus seiner Biografie tilgen, er rückt Geschichten zurecht, verbessert, retuschiert, schönt und verändert. Manches verschweigt er. Manches erzählt er ausführlich, vielleicht, um von anderem abzulenken?

„Als ich jung war“ ist raffiniert erzählt, man kann sich der Faszination von Gstreins langen eleganten Sätzen nur schwer entziehen. Aber die mysteriösen Ereignisse, die falschen Fährten, die in die Irre führenden Spuren und die doppelten Böden lassen den Leser zum Skeptiker werden: „Was, wenn sich die Wahrheit nur allzu oft als schlechte Geschichte herausstellte, ja, als plattes Klischee?“, heißt es im Buch. Während der Leser immer unsicherer wird, bleibt ein österreichischer Kommissar hartnäckig, und auch ein amerikanischer Sheriff lässt nicht locker. Und Franz spinnt weiter an seiner Geschichte, und alle Fragen bleiben offen. gw

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