Ernst Wilhelm Gohl ist mit knapper Mehrheit zum neuen Bischof gewählt worden. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Die württembergische Landessynode wählt nach einem langwierigen Verfahren Ernst-Wilhelm Gohl zum evangelischen Bischof. Warum war die Wahl so schwierig – und was hat der bisherige Ulmer Dekan als Bischof vor?

Euphorie sieht anders als aus. Als die Präsidentin des evangelischen Kirchenparlaments Sabine Foth das Wahlergebnis für den künftigen württembergischen Bischof verkündet, lächelt Ernst Wilhelm Gohl wohl nur verhalten in seine FFP-2-Maske hinein. Neben seiner Frau sitzend, steht er auf, legt die Hände ineinander und bleibt trotz seines Erfolges ruhig. Auch der Applaus für den Mann, der an die Spitze von fast 1,9 Millionen Protestanten treten wird, ist zwar andauernd, aber verhalten. Zu sehr wirkt offenbar die Hängepartie nach, zu der die Wahl vorher geraten war.

Mit 57 Stimmen hat der Ulmer Dekan am Samstag nur eine Stimme mehr als die nötige Zweidrittelmehrheit. Zuvor hatte der vom relativen kleinen Gesprächskreis „Evangelium und Kirche“ (EuK) ins Rennen geschickte Theologe bei den ersten Wahlgängen klar hinter den Konkurrenten größerer Gruppen gelegen. Doch die schafften die notwendige Mehrheit eben nicht, sodass Gohl als Kompromisskandidat später zum Zuge kam. „Das Verfahren ist schwer vermittelbar“, gibt Martin Plümicke, Sprecher der progressiven „Offenen Kirche“ (OK), denn auch zu. Allerdings sei der Druck auf die Synodalen hoch gewesen. So habe es in den sozialen Medien Kritik gehagelt, als alles nach einem Scheitern der Wahl aussah. Daher hätten sich Leute der OK schließlich hinter Gohl gestellt, obwohl sie zuvor mit Viola Schrenk unbedingt die erste Frau ins Bischofsamt bringen wollten. „Gohl ist aber für das Amt gut geeignet“.

Auch Mitglieder der Konservativen haben für Gohl gestimmt

Auch Synodale der konservativen „Lebendigen Gemeinde“ (LG) verbergen die Enttäuschung über das Aus für den eigenen Kandidaten Gottfried Heinzmann nicht. In „Verantwortung für unsere Kirche“ hätten aber im fünften Wahlgang auch Mitglieder der LG für Gohl votiert: „Wir blockieren nicht, wie es andere zuvor getan haben“, erklärt der Sprecher Matthias Hanßmann. Mit dem Frust muss der Gewählte umgehen.

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Das weiß Gohl natürlich. Die Synode habe gezeigt, dass sie nicht bei der Enttäuschung „hängen geblieben“ sei, sagt er und blickt so nach vorn. Dass kann er auch, weil er in der Synode vielen gut bekannt und freundschaftlich verbunden ist. Seit acht Jahren leitet er den Gesprächskreis EuK. Seine Mitstreiter beschreiben ihn als „Teamplayer“. Er selbst sagt: „Ich habe einen partnerschaftlichen Führungsstil.“ Umso überraschender erscheint, dass es auch Pfarrer gibt, die nur wenig Fehlertoleranz bei ihm sehen.

Bei der Vorstellungsrunde tritt Gohl forsch auf

Vielleicht liegt ein solches Urteil auch an Gohls Selbstbewusstsein und seiner Bereitschaft, um der Sache willen Konflikte auszutragen. Kein Kandidat tritt bei der Vorstellungsrunde im Stuttgarter Hospitalhof so forsch auf wie er. Der Kirche fehle oft der Mut, Entscheidungen rasch umzusetzen. Das Verhältnis von Synode und Oberkirchenrat müsse besser werden. Dafür, so meint Gohl später, starte er womöglich eine „Charmeoffensive“.

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Dass der mit einer promovierten Pharmazeutin verheiratete Geistliche Menschen überzeugen kann, hat er oft bewiesen. Gohl ist umgänglich, bescheiden und auch als Dekan ohne Weiteres eingesprungen, wenn in kleineren Gemeinden Not am Mann war. Er bewältigt ein großes Arbeitspensum, kommt mit wenig Schlaf aus – „Fünf Stunden reichen“ – liest in seiner Freizeit Theologisches, aber auch Krimis, spielt Klavier. Dreimal in der Woche joggt er frühmorgens rund eine Stunde. Der Geistliche trifft sich gern mit Freunden, reist bevorzugt an Orte, die er kennt, und ist ein Familienmensch. Ein Sohn studiert Betriebswirtschaftslehre, eine Tochter Medizin. Der Tod eines anderen Sohnes, der mit dreieinhalb Jahren ertrank, bescherte Gohl wohl die bitterste Zeit seines Lebens. Das sei bis heute ein Trauma, sagt der Sohn eines Pfarrers, der selbst in Rom, Bern und Tübingen studiert hat.

Persönlich mag er sich keine Erfolge zuschreiben

Seit 16 Jahren leitet er das Dekanat Ulm, zu dem der höchste Kirchturm der Welt und die kleinste Kirchengemeinde Württembergs zählen. Da könnte man auf ein paar Erfolge stolz sein. Doch Gohl nimmt sich auch hier zurück. „Ich schreibe mir nie persönlich etwas zu“, sagt er. „In der Kirche bekommt man etwas miteinander hin oder gar nicht.“ In diesem Sinne möchte er auch als Bischof alle mitnehmen. Dem Wechsel in die Landeshauptstadt sieht er mit Spannung entgegen. Aufgewachsen in Sulzgries und Mössingen, hatte er mit Stuttgart bisher wenig Berührung: „Ich lerne eine Stadt über ihre Menschen kennen.“ Darauf freut er sich nun.