Dirk Naber vor einem Fahrzeug, mit dem neue Technologien für weniger Schadstoffe im Abgas getestet werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Angesichts der geplanten Verschärfung der Abgasvorschriften überlegen Autohersteller, sich schrittweise aus der Diesel- und der Benzintechnologie zurückzuziehen. Nach Einschätzung von Bosch-Dieselentwickler Dirk Naber werden sich die Mehrkosten aber in Grenzen halten.

Noch hat sich Deutschland nicht auf eine Position zur EU-Abgasnorm Euro 7 festgelegt. Nach Ansicht des Technologiekonzerns Bosch wird es Zeit, Farbe zu bekennen.

Herr Naber, vor einigen Monaten warnte Bosch davor, dass sich vor allem Kleinwagen stark verteuern, wenn die EU die Abgasnorm Euro 7 wie geplant einführt. Die Rede war davon, dass die verschärften Abgaswerte sogar bei bewusst extremer Fahrweise wie etwa Kaltstarts mit Anhänger am Berg eingehalten werden müssen. Wird das so kommen?

Nach unserer Einschätzung bewegt sich die Diskussion inzwischen in die richtige Richtung. Für die Extremszenarien zeichnet sich eine gute Lösung ab, auch wenn es bisher keine entsprechende Richtlinie gibt. Müssten die Grenzwerte auch unter extremen Bedingungen eingehalten werden, würde das vor allem Kleinwagen stark verteuern. Man müsste diese zum Beispiel mit einem 48-Volt-Bordnetz aufrüsten, damit sie die Katalysatoren vor einem Kaltstart sehr schnell aufwärmen können. Weil größere Fahrzeuge ein solches starkes Bordnetz meist ohnehin haben, hätte dies vor allem diejenigen belastet, die sich kein großes Auto leisten können. Wir sind optimistisch, dass wir uns nicht auf die Extremszenarien einstellen müssen, was die Kosten deutlich verringern wird.

Wie viel teurer werden Fahrzeuge, wenn das umgesetzt wird, was Sie jetzt für realistisch halten?

Euro 7 dürfte weniger teuer werden als bisher erwartet. Je nach Fahrzeugklasse könnten zwischen 200 Euro bei Pkw und 1000 Euro bei großen Transportern an Zusatzkosten anfallen – je nachdem, wie einzelne Hersteller die Vorgaben umsetzen. Eine besonders starke Belastung für die Käufer von Kleinwagen wird wohl nicht kommen, weil die Grenzwerte auch ohne Aufrüstung des Bordnetzes erreichbar sind. Im Gegenzug wird die verlangte Einsparung an Schadstoffen bei Transportern und vor allem bei Lkw wohl höher ausfallen, was sich auf deren Kosten auswirken wird.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.luftschadstoffe-neue-abgasnorm-euro-7-auf-der-kippe.863ed814-5d32-4758-92bd-10729c0bc67c.html

Die deutsche Ampelkoalition hat sich noch nicht einmal intern auf eine Position festgelegt. Welche Rolle spielt Deutschland bei diesem Thema auf dem EU-Parkett?

Würde Deutschland seinen Einfluss geltend machen, könnte das eine entscheidende Bedeutung haben, weil Deutschland nicht nur das einwohnerstärkste EU-Land ist, sondern auch eine große Automobilindustrie hat. Deutschland hätte die Möglichkeit, die acht Euro-7-kritischen Mitgliedstaaten, zu denen zum Beispiel Frankreich, Italien und Polen gehören, mit Ländern wie den Niederlanden, Belgien und Dänemark zusammenzubringen, die eher progressiv unterwegs sind.

Müsste sich die Bundesregierung nicht erst einmal selbst über ihren Kurs klar werden, bevor sie versucht, ihren Einfluss auf andere geltend zu machen?

In der Bundesregierung sind mehrere Ministerien beteiligt – im Wesentlichen das Umwelt- und das Verkehrsministerium, am Rande aber auch das Wirtschafts- und Klimaschutzministerium. Das macht es komplizierter. Aber es gibt erste Signale, dass eine Einigung absehbar ist. Mitte Juli wollen die Botschafter der EU-Staaten tagen – eine Art kleiner Ministerrat. Bis dahin, so ist zu hören, will Deutschland eine Position gefunden haben.

Autohersteller scheinen eher skeptisch gegenüber neuen Verschärfungen zu sein – sie wollen das Geld lieber in die E-Mobilität stecken.

Ein Verzicht auf Euro 7 würde dazu führen, dass wir schon bald in Europa veraltete Motoren fertigen. Damit wird der Umwelt nicht geholfen. Außerdem drohen wir den Anschluss zu verlieren, da es in einigen Weltregionen wie China und Kalifornien zum Teil bereits ambitioniertere Grenzwerte gibt als in der EU.

In Europa ist der Verbrennungsmotor allerdings ein Auslaufmodell. Von 2035 an sollen Neuzulassungen weitgehend verboten werden.

Wenn es zu wenige Euro-7-Fahrzeuge in der Flotte gibt, besteht keine Chance, strengere Vorgaben zur Luftqualität einzuhalten, wie sie in der EU zu erwarten sind. Zur Diskussion steht eine Halbierung der Grenzwerte bei Stickoxiden und Feinstaub bereits ab 2030, also Jahre vor Inkrafttreten der Pkw-Flottenziele. Werden die Luftqualitätsvorgaben nicht eingehalten, drohen erneut Fahrverbote.

Auch in Baden-Württemberg?

Auch in Baden-Württemberg ist damit zu rechnen. Es laufen derzeit Studien, die darauf hindeuten, dass an sehr vielen Messstellen ein auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft halbierter Grenzwert für Stickoxide ohne Euro 7 nicht sicher eingehalten werden kann – und dass er mit ausreichend Euro-7-Fahrzeugen zumindest annähernd erreichbar wäre.

Die Automobilhersteller erklären, wegen der hohen Entwicklungskosten müssten sie bei der Einführung von Euro 7 die Modellpalette bei Verbrennern stark einschränken. Für die paar Jahre, in denen Benziner und Diesel in der EU noch verkauft werden könnten, lohne sich der Aufwand nicht in der gesamten Breite der Modellpalette.

Eine Ausdünnung der Motorenpalette war schon lange vor Euro 7 zu beobachten. Da werden neue Vorschriften keine entscheidende Rolle spielen. Man muss auch sehen, dass die Anforderungen für Pkw vergleichsweise moderat ausfallen sollen. Wesentlich strenger sind die Vorgaben bei Transportern und vor allem bei Lkw. Das hat auch eine gewisse Logik, weil diese Fahrzeuge noch länger auf Verbrennertechnik angewiesen sind.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neue-abgasnorm-der-eu-euro-7-gegenwind-aus-ganz-europa.f8a871d8-f6d2-446e-b816-82a5ff2fec58.html

Wäre das Geld für die Entwicklung von Euro 7 nicht tatsächlich besser in der E-Mobilität angelegt?

Klar ist, dass die Entwicklung der Technologien für Elektrofahrzeuge viel Geld kostet. Aber dieses Geld muss auch verdient werden. Vielfach generiert der Verkauf von Verbrennerfahrzeugen noch immer die Mittel, die für die E-Mobilität benötigt werden.

Anders als viele Autohersteller hat Bosch ein starkes Eigeninteresse an der Einführung verschärfter Vorschriften – schließlich hat man Technologien für Euro 7 entwickelt und will nun auch daran verdienen.

Ja, wir haben in die Technologie investiert, um lieferfähig zu sein, wenn die neuen Regeln kommen. Das sind wir nun auch. Um die Luftqualität zu verbessern, ist bei den Anforderungen ein gewisser Anspannungsgrad erforderlich. Das gilt nicht nur in Deutschland. In China wird es den Verbrenner noch wesentlich länger geben als in der EU. Will die Autoindustrie wettbewerbsfähig bleiben, kommt sie somit nicht umhin, weiter in die Umweltfreundlichkeit von Diesel und Benzinern zu investieren.