Die Gala fiel aus, dennoch wurden die Esslinger Sportler des Jahres 2019 geehrt – eben nicht auf großer Bühne, sondern im Training beziehungsweise im Alten Rathaus. Die Jury, die sich aus Vertretern der Stadt, des Sportverbandes und der Eßlinger Zeitung zusammensetzt, entschied sich für den Rollstuhlfechter Felix Schrader von der SV 1845 Esslingen, für die Boxerin Leonie Müller von Fitboxing Esslingen sowie die Judoka des KSV Esslingen.
Esslingen - Als im Frühjahr des vergangenen Jahres in der Berkheimer Osterfeldhalle die Esslinger Sportler des Jahres 2018 geehrt wurden, stand Felix Schrader auch auf der Bühne. Dritter wurde er damals. Aber hinter vorgehaltener Hand wurde schon geflüstert: „Wenn nicht noch etwas ganz, ganz Außergewöhnliches passiert, müsste Felix in einem Jahr eigentlich gewinnen.“ Denn der Rollstuhlfechter der SV 1845 Esslingen war kurz zuvor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückgekehrt – mit dem Weltmeistertitel der U 17 im Florett und der Vizemeisterschaft mit dem Degen im Gepäck. Das, war allen klar, würde freilich erst für die Wahl ein Jahr später gewertet.
Als nun an diesem Donnerstagabend fast die komplette Jury in der Sporthalle Weil auftauchte und Schrader die Auszeichnung als Esslinger Sportler des Jahres 2019 überreichte, war er dennoch überrascht. „Man hat mir gesagt, dass wir den Trainingsplan durchsprechen und ich für Fotos in meinem Deutschland-Outfit kommen soll“, erzählte der Auswahlfechter, der in Nellingen wohnt, lachend. Und freute sich riesig.
„Wir sind stolz, dass wir einen Weltmeister unter uns haben“, sagte Sportbürgermeister Yalcin Bayraktar und erklärte: „Wir mussten in diesem Jahr in der Jury nicht lange überlegen, wer die Auszeichnung bekommt.“ Margot Kemmler war besonders glücklich. Als stellvertretende Vorsitzende des Sportverbandes Esslingen und als Chefin von Schraders Verein SV 1845. „Ich freue mich nicht nur über deine sportlichen Erfolge, sondern auch darüber, dass du eine Vorbildfunktion in unserem Verein hast“, sagte Kemmler und dankte auch Schraders anwesenden und ebenfalls sichtlich stolzen Eltern und Trainern. Und wandte sich dann nochmal dem Geehrten zu: „Du bist ein super junger Mann geworden.“
Paralympics sind das große Ziel
Der ist gerade 17 Jahre alt und wurde wie fast alle Sportler von der Corona-Pandemie ausgebremst. Die für März geplanten Weltmeisterschaften in Thailand fielen aus, bei den deutschen Meisterschaften konnte er nicht antreten, weil er nach einem Aufenthalt in Südtirol in Quarantäne war. Zumindest aber besteht die Hoffnung, dass die WM in Thailand im Dezember nachgeholt wird. Dafür hat Schrader genaue Pläne: „Ich will meinen Titel mit dem Florett verteidigen und den mit dem Degen holen.“ Aber er denkt bei all seiner Bescheidenheit noch einen großen Schritt weiter: An die Paralympischen Spiele, 2024 hat er als Teilnahme angepeilt. „Das ist mein Traum“, sagte er und strahlte.
Derweil kam in der gelösten Stimmung in der Sporthalle Weil eine Idee auf. Warum nicht eine große Meisterschaft oder gar eine Weltmeisterschaft im Rollstuhlfechten in der neu hergerichteten Halle austragen? In Bayraktar und SV 1845-Trainer Udo Ziegler waren bereits zwei mögliche Gesprächspartner für ein solches Projekt im Raum. „Das wäre durchaus vorstellbar“, sagte Ziegler gut gelaunt – immerhin ist er auch Generalsekretär des Exekutivkomitees des Rollstuhlfechter-Weltverbandes (IWF EC). Das ist Zukunftsmusik. An diesem Abend standen die Leistungen von Felix Schrader des Jahres 2019 im Mittelpunkt.