Quelle: Unbekannt

Von Alexander Maier

Ein Streifenwagen vor dem Alten Rathaus, Taschenkontrollen am Eingang und drinnen in der Schickhardthalle fünf Personenschützer des Landeskriminalamts Berlin, die den Gast und das Publikum keine Sekunde aus den Augen ließen: Nie zuvor war ein derart hoher Sicherheitsaufwand nötig, damit eine Veranstaltung der Esslinger Literaturtage gefahrlos über die Bühne gehen konnte. Allein daran zeigt sich, wie brisant die Arbeit der Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates ist. Weil sie für einen libe­ralen Islam, für die Gleichberechtigung der Frauen und gegen Intoleranz und militanten Dogmatismus zu Felde zieht, ist sie vor Morddrohungen, Verleumdun­gen und Diffamierungen nie sicher. Dass es ih­re Gegner bitter ernst meinen, weiß Seyran Ates, seit sie vor Jahren bei einem politisch motivierten Mordanschlag gegen eine ihrer Klientinnen lebensgefährlich verletzt wurde. Trotzdem lässt sie sich nicht mundtot machen. „Wir dürfen niemals aufgeben“, schrieb sie dem LesART-Publikum ins Stammbuch. Und viele Zuhörer gingen in der Gewissheit nach Hause, dass es für die Wegbereiter von Intoleranz, Unterdrückung und Hass null Toleranz geben darf - überall in der Welt und ganz besonders in einem Land, dessen Grundgesetz den Idealen von Aufklärung und Französischer Revolution folgt.

Seyran Ates hat etwas gewagt, das ihre Gegner zur Weißglut bringt: Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten hat sie in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet, in der Muslime unabhängig von ihrer Ausrichtung, ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Neigung gemeinsam beten können. Es gibt dort keine Ausgrenzung und Unterdrückung, keiner soll sich anderen überlegen fühlen, auch Atheisten sind willkommen. „Weil wir alle Geschöpfe Gottes sind“, erklärt Seyran Ates mit entwaffnender Logik. Doch ihre Gegner mögen das nicht akzeptieren. Kaum war die Moschee eröffnet, da hagelte es schon Widerspruch, Kritik und offene Anfeindung aus dem fundamentalistischen Lager. „Die Absender solcher Botschaften waren weder die Boko Haram noch der IS“, sagt die Moschee-Gründerin. „Viele kamen aus unserem Land und von Organisationen, mit denen unser Staat teils sogar gut zusammenarbeitet.“

Was es heißt, eine liberale Moschee in Deutschland zu gründen, schildert Seyran Ates in ihrem viel beachteten Buch „Selam, Frau Imamin“ (Ullstein Verlag, 20 Euro), das sie bei der LesART im Gespräch mit der Publizistin Barbara Sichtermann vorstellte, die allerdings nicht ihren besten Tag erwischt hatte. Dafür überzeugte Seyran Ates viele im Saal umso mehr. Sie ließ deutlich werden, was es heißt, orthodoxen Kräften die Stirn zu bieten, die für sich jedwede Toleranz in Anspruch nehmen, um Andersdenkende nur umso unerbittlicher zu bekämpfen. Doch für Ates gibt es zu ihrem Engagement keine Alternative - und sie nimmt all jene Muslime, die genau wie sie denken, in die Pflicht: „Wir dürfen solchen Leuten nicht die Deutungshoheit überlassen. Es gibt ganz unterschiedliche Ausprägungen im Islam. Das wollten wir deutlich machen, indem wir eine liberale Moschee gegründet haben, wo Gleichgesinnte zusammenkommen und im selben Geiste beten können. Religion darf uns nicht trennen, sie verbindet. Und Religionsfreiheit kann nur gelebt werden, wenn man die Religionsvielfalt lebt.“ Schon deshalb wehrt sie sich vehement dagegen, als „Islamkritikerin“ bezeichnet zu werden: „Ich kämpfe nicht gegen den Islam, ich kämpfe gegen das Patriarchat.“ Ihr Ideal ist ein Islam der Liebe, des Friedens und der Barmherzigkeit.

Dass sie von konservativen Kräften aus dem muslimischen Lager attackiert wird, kann Seyran Ates schon lange nicht mehr überraschen. Dass sie jedoch selbst aus dem linken, grünen und feministischen Lager teils heftige Kritik erntet und von manchen gar dem rechten Lager zugerechnet wird, gibt ihr bis heute Rätsel auf: „Ich werde nie begreifen, wie man Verständnis dafür haben kann, wenn muslimischen Frauen Rechte vorenthalten werden, für die man hierzulan­de leidenschaftlich kämpft.“ Denen, die glauben, dass sich unter der Burka die große Freiheit finden lässt, rät die Frauenrechtlerin zu einem „Praktikum in Afghanistan.“

Absage an Kopftuch-Islamismus

Dass Seyran Ates acht Jahre gebraucht hat, um genügend Mitstreiter für die Gründung einer liberalen Moschee zu finden, liege zum einen an der Angst mancher Gleichgesinnter, sich klar zu positionieren und sich damit selbst in Gefahr zu bringen. Zum anderen war die Haltung zum Kopftuch für manche ein Hinderungsgrund - etwa für einen homosexuellen Imam, der es nicht akzeptieren mochte, dass Frauen in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ohne Kopftuch beten. Seyran Ates ist überzeugt, dass viele Frauen das Kopftuch nicht aus Gottgefälligkeit tragen, sondern dem Mann zuliebe. Und sie weiß: „Es gibt auch einen politisch motivierten Kopftuch-Islamismus.“

Verschleierung und Kopftuch dürften kein Mittel sein, um Frauen ihrer Selbstbestimmung und Identität zu berauben. Doch genau das passiert nach ihren Beobachtungen viel zu oft. Dass Lehrerinnen und Erzieherinnen in Kindergärten und Grundschulen Kopftuch tragen, ist für Seyran Ates nicht akzeptabel: „Für Kinder in diesem Alter haben diese Frauen eine Vorbildfunktion.“ Die Politik dürfe nicht aus falsch verstandener Toleranz alles akzeptieren, sondern müsse klar sagen, was in Deutschland akzeptiert wird und was nicht: „Wenn mir irgendwann im Gerichtssaal eine Richterin mit Kopftuch begegnet, ist das nicht mehr mein Land.“

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