Quelle: Unbekannt

Von Alexander Maier

Wer unsere schöne neue Welt betrachtet, hat manchmal Mühe, sich einen Reim auf all das zu machen, was uns da begegnet. Vielleicht wäre es das Beste, die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit mit der kindlichen Naivität des Schelmen zu betrachten - so wie es einst Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens „Simplicissimus“ getan hat. Mehr als drei Jahrhunderte später hat sich Ingo Schulze für einen ähnlichen Kunstgriff entschieden. In seinem neuen Buch „Peter Holtz. Sein glückliches Leben von ihm selbst erzählt“, das der Autor zum Auftakt der Esslinger LesART im Alten Rathaus vorstellte, macht Schulze seine Leser bekannt mit einem Mann, der vom Leben nur eines will: Glück für alle. Doch egal, ob er es im Sozialismus ostdeutscher Prägung, als Christ unter Christen oder später im Kapitalismus des wiedervereinten Deutschlands probiert - der einzige, der zumindest sein materielles Glück findet, obwohl er es noch nicht mal darauf anlegt, ist er selbst. Wer In­go Schulze kennt, kann sich lebhaft vorstellen, dass dieser wunderbare Geschichtenerzähler dem Publikum damit einen ebenso vergnüglichen wie erhellenden Abend bot.

Ein Schelm hat seine eigene Weltsicht

Der Titelheld von Ingo Schulzes jüngstem Roman (S. Fischer Verlag, 22 Euro) ist ein einfaches Gemüt. Aufgewachsen ist er in einem Waisenheim, wo er den Sozialismus nach Art der DDR verinnerlicht hat. Und weil Peter Holtz trotz seiner leicht limitierten intellektuellen Möglichkeiten stets versucht hat, zu beherzigen, was man ihm sagt, nimmt er die herrschende Ideologie beim Wort. Mit entwaffnender Logik erklärt der damals Zwölfjährige zum Beispiel einer Kellnerin im Lokal, dass er Eisbein und Fassbrause nicht zu bezahlen gedenke, weil Geld im Sozialismus keine Bedeutung haben dürfe. Weil Peter überzeugt ist, dass die DDR ihre Gegner stellen muss, lässt er sich später von der Stasi anwerben. Er ist so stolz darauf, dass er jedem davon erzählt - worauf die Staatssicherheit dankend auf seine Mitarbeit verzichtet. Zur erträumten Karriere als Berufsoffizier reicht es nicht - stattdessen wird er Maurer, was später zum Glücksfall werden soll: Während der frühen Wendezeit, als sich Glücksritter und Profiteure aus dem Westen noch nicht die attraktivsten Immobilien unter den Nagel reißen, bekommt Peter als Handwerker altersschwache Häuser aufgedrängt - nicht ahnend, dass daraus ein Vermögen werden soll. Geschichten wie diese erlebt der Titelheld in Ingo Schulzes Roman dutzendweise. Er gebiert den DDR-Punk aus dem Geist der Arbeiterlieder, wird zum hoch dotierten Künstler ohne künstlerische Ambition und glaubt irgendwann sogar daran, den wahren Sozialismus im Kapitalismus verwirklichen zu können. Und je mehr er sich bemüht, das unfreiwillig angehäufte Geld loszuwerden, weil es ihn nicht glücklich macht, desto mehr bekommt er. So muss er am Ende zum ultimativen Mittel der Geldvernichtung greifen - in der Hoffnung, oh­ne den schnöden Mammon das wahre Glück zu finden.

Ingo Schulze spannt den Bogen über zehn Kapitel, in denen er Peter Holtz durch die Jahre von 1974 bis 1998 begleitet - einen Zeitraum, in dem die deutsche Geschichte von dramatischen Veränderungen geprägt war. Schulze versucht nicht etwa, die historischen Veränderungen einfach nachzuerzählen. Der Titelheld mit seiner anrührenden Naivität, seiner ganz eigenen Logik und seinem unerschütterlichen Glauben an das, was er für gut und richtig hält, gibt dem Autor die Möglichkeit, die Zeit und ihre Veränderungen aus einer ungewöhnlichen und dadurch besonders erkenntnisreichen Sicht zu betrachten. Peters kindlicher Glaube an das Gute und Richtige hilft, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. „Es gibt so vieles, worüber wir heute gar nicht mehr nachdenken, weil es uns ganz selbstverständlich vorkommt. Ein reiner Tor, der das Staunen noch nicht verlernt hat, bietet die Möglichkeit, diese Zeit, die ich selbst erlebt habe, aus einer anderen Perspektive zu betrachten“, erklärte Ingo Schulze im angeregten Dialog mit Susanne Lüdtke, die den Abend gewohnt versiert moderierte.

Dass Peter Holtz wie der Autor 1962 geboren wurde, ist kein Zufall: „Man fühlt sich heimischer im selben Jahrgang und muss nicht so viel recherchieren“, ließ Ingo Schulze die Zuhörer mit dem ihm eigenen Augenzwinkern wissen. Und wächst einem eine Romanfigur, die man über fast 600 Seiten hinweg begleitet hat, ans Herz - oder kann sie einem irgendwann auch auf die Nerven gehen? „Beides“, verriet der Autor. „Wenn man so lange Umgang mit jemandem hat, gehört er zur Familie. Manches mag man an ihm, anderes kann einen auch nerven. Aber es wird nie langweilig mit ihm.“ So ging das auch dem LesART-Publikum: Man hätte Ingo Schulze noch stundenlang zuhören können, weil er durchdacht, humorvoll, hintersinnig und mit feiner Ironie erzählt. Und weil er diesen ganz eigenen leichten und zutiefst lebensklugen Stil pflegt, den viele in Esslingen an ihm schätzen. Das macht die Begegnungen mit Ingo Schulze so wertvoll: Man geht in dem Gefühl nach Hause, sich vorzüglich unterhalten zu haben und zugleich ein bisschen mehr vom Leben und von dem, was uns Menschen ausmacht, verstanden zu haben.

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