Von Dietrich Heißenbüttel

Nach einem Konzert zum 75. Geburtstag von Eberhard Weber im Theaterhaus Stuttgart fragten sich der Berliner Innovationsforscher Ralf Weiß, der Esslinger Musikwissenschaftler und Pädagoge Hanno Gräßer sowie Mitstreiter, ob es in Deutschland eigentlich schon ein Jazzmuseum gäbe. Sie zogen Erkundigungen ein, gründeten einen Verein und luden nun zu einer Diskussion in kleiner Runde in den Räumlichkeiten des Kabaretts Galgenstricke ein. Der Clou: Es war ihnen nicht nur gelungen, Eberhard Weber als Ehrenmitglied zu gewinnen. Der Bassist, der wegen eines Schlaganfalls seit zehn Jahren nicht mehr spielen kann, übergab dem Verein vielmehr seinen elektrischen Kontrabass, also das Instrument, das ihn als Partner von Wolfgang Dauner, Jan Garbarek und vielen anderen berühmt gemacht hat.

Der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, war eingeladen, das Anliegen durch einen Impulsvortrag weiter voranzubringen. Der Jazzforscher ließ eine Diashow durchlaufen, die er mit seinem großen Erfahrungsschatz anreicherte. 15 Fotos von Museen und anderen Einrichtungen weltweit, die sich dem Jazz verschrieben haben, stellte er vor: von der Touristenattraktion des New Orleans Jazz Museums bis hin zum Rock’n‘Popmuseum in Gronau, dem einzigen auf ein musikalisches Genre begrenzten Museum in Deutschland.

Unterschiedliche Einrichtungen

Freilich handelt es sich um recht unterschiedliche Einrichtungen: Das Swissjazzorama bei Zürich entstand aus den Sammlungen der Mitglieder eines Vereins, die Lippmann+Rau-Stiftung in Eisenach dagegen aus einem einzigen Nachlass. Das Klaus-Kuhnke-Archiv in Bremen verwahrt etwa 100 000 Tonträger verschiedener Genres zu Forschungszwecken. Die Schellack-Sammlung des Hamburgers Bix Eiben ist inzwischen zum Online-Radio mutiert. Der Erfolg des National Museum of African American History and Culture in Washington, das bereits ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht ist, lässt sich wiederum kaum auf Deutschland übertragen. Andere Institute leiden unter chronischem Geldmangel oder krebsen aus anderen Gründen vor sich hin.

Und ein Bass macht noch kein Museum. Knauer stellte dem Verein eine Reihe von Fragen: Was soll ausgestellt werden? An wen soll sich das Museum richten? Wo müsste es sich befinden, in Berlin oder in Esslingen? Und vor allem: Warum soll es ein solches Museum geben? Skeptisch zeigte er sich gegenüber einem nur auf Jazz spezialisierten Museum, für sehr viel sinnvoller hält er übergreifende Ansätze und Kooperationen mit historischen Museen. Auch Eberhard Weber hatte sich gefragt: „Was wollen die eigentlich?“ Aus seiner Sicht hat sich der Jazz bis zum Free Jazz immer weiter entwickelt. Dann kam noch eine lyrische Gegenbewegung - der er selbst angehört - und neuerdings nur noch die Vermarktung.

Weiß kündigte an, der Verein habe bereits einige konkrete Ideen entwickelt: darunter eine kleine Ausstellung im Stadtmuseum oder eine Kooperation mit dem Darmstädter Jazzinstitut. Claudia Leutner vom Jazzkeller regte an, mit den bestehenden Jazzveranstaltern in Esslingen gegen die Kommerzialisierung zu arbeiten. In der Tat haben allein im Kulturzentrum Dieselstraße seit 1981 weit mehr als 600 Jazzkonzerte stattgefunden, häufig mit internationalen Größen. Wenn sie denn dokumentiert wären, könnten sie für diese Zeit vielleicht mehr Anschauungsmaterial bieten als jeder andere Ort in der Region.

OB Jürgen Zieger steht dem Anliegen prinzipiell wohlwollend gegenüber. Die Idee, den Dicken Turm zu bespielen, hält er aber für „völlig daneben“, schon allein aus feuerpolizeilichen Gründen. Eine statische Ausstellung mit musealem Anspruch würde er „nur mit spitzesten Fingern“ anfassen wollen - und hatte dabei die Ausgaben im Blick. Aber die Jazzstadt Esslingen möchte Zieger gerne stärken. Er verwies auf das Jazzfestival und darauf, dass sich schräg gegenüber im Jazzkeller seit 50 Jahren Jazzgeschichte abgespielt habe. Wenn der Verein sich als Forum etablieren wolle, das zusammen mit anderen Esslinger Akteuren diese Entwicklung beleuchtet, hätte er dafür durchaus ein offenes Ohr.

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